Wettbetrug hat das Potenzial, den Sport zu erschüttern. Und zwar in seinen Grundfesten: Wenn die Zuschauer ins Stadion gehen und nicht wissen, ob das Spiel abgekartet ist, verlieren sie das Interesse – und der Sport seine Glaubwürdigkeit.

Wettbetrug ereignet sich nicht nur in Ligen in Osteuropa oder Asien, sondern auch bei uns. Im europäischen Wettskandal 2009 waren auch Teams wie der FC Thun und der FC Gossau involviert. Beide Vereine hatten Spieler in ihren Reihen, die sich von der Wettmafia kaufen liessen.

Der jüngste Fall von mutmasslichem Wettbetrug ereignete sich erst vor drei Wochen in der ersten Hauptrunde des Schweizer Cups zwischen Klingnau und Bramois (7:0). Bis heute lässt sich nicht schlüssig erklären, warum aussergewöhnlich hohe Beträge aus aller Welt auf einen Sieg von Klingnau gesetzt wurden, obwohl zwischen den beiden 2.-Liga-Teams ein ausgeglichenes Spiel zu erwarten war.

Staaten untergraben Bemühungen

Die Worte, die Matthias Remund wählt, um die Wichtigkeit der Magglinger Konvention zu unterstreichen, überraschen deshalb nicht. «Es geht darum, dass der Sport nicht zum Tummelfeld der internationalen Kriminalität wird», sagt der Chef des Bundesamtes für Sport. Weil verschiedenste Organisationen wie Wettanbieter, Sportverbände oder die Justiz involviert sind, ist die Betrugsbekämpfung sehr komplex.

Die Konvention, die 2014 an einem Kongress in Magglingen auf Initiative des Europarats beschlossen wurde, will die Bemühungen, Spielmanipulationen zu verhüten und zu bestrafen, deshalb international noch besser koordinieren. «Wenn wir das Abkommen ratifizieren, können wir sagen, dass die Politik alles Mögliche gemacht hat», erklärt Remund.

Dass Staaten wie Malta als Sitz vieler Wettanbieter sich plötzlich querstellen, bereitet ihm Sorgen. «Wenn es Länder gibt, die keine Daten liefern oder die durch ihr Veto verhindern, dass sich andere Staaten der Konvention anschliessen, unterhöhlt das die Bemühungen.»

Auch für den Sportökonomen David Forrest, Professor an der Universität Liverpool, steht fest: Gegen mafiaähnliche Organisationen, die grenzübergreifend Spiele manipulieren und ihr Geld in verschiedenen Märkten platzieren, könne nur mit einem internationalen Schulterschluss vorgegangen werden.

Die Magglinger Konvention sei wichtig, weil sie die Staaten dazu verpflichte, eine Infrastruktur aufzubauen, die den Sport vor Manipulation schütze «Das Volumen und die Liquidität im Wettmarkt werden weiter zunehmen. Das macht es auch für Kriminelle einfacher, hier das grosse Geld zu verdienen», sagt Forrest auf Anfrage.

Experten gehen davon aus, dass der weltweite Umsatz mit Sportwetten mittlerweile bei über einer Billion Dollar liegt. Mehr als die Hälfte davon geht in den Fussball, ein Teil ins Tennis und ins Cricket. Vor zwei Jahren enthüllte die BBC, dass es auch im Tennis zu zahlreichen Absprachen gekommen sein muss.

Manipuliert hatten die Matches vor allem Profis aus den hinteren Reihen der Weltrangliste, die an dritt- oder viertklassigen Turnieren mit abgesprochenen Partien viel mehr Geld verdienten, als ihnen Preisgeld in Aussicht stand.

Kriminelle übernehmen Klubs

Wie bedrohlich Wettbetrug für den Sport werden kann, haben in der Zwischenzeit auch die grossen Sponsoren erkannt. Wie Recherchen zeigen, haben einige von ihnen kürzlich eine Firma gegründet, um eine eigene Plattform aufzubauen, die Spielmanipulationen und Wettbetrug an der Wurzel bekämpft. Insidern zufolge soll auch Red Bull dabei sein. Offiziell bestätigen will das das österreichische Unternehmen jedoch nicht.

Sicher ist: In der Verantwortung stehen vor allem auch die Sportverbände selber. Während Fifa und Uefa vieles dafür tun, um ihre Wettbewerbe vor Betrug zu schützen, hapert es bei Kontrollen in kleineren Ländern und unbedeutenden Ligen, namentlich in Osteuropa, wo die Fussballverbände schwach sind und kriminelle Organisationen, die ihr Geld auch über Wettbetrug verdienen, zum Teil ganze Klubs übernommen haben.

Stimmt der Nationalrat heute dem Europaratsbeschluss zu, könnte die Schweiz bald der fünfte Staat sein, der das Abkommen gegen Wettbetrug und Spielmanipulation ratifiziert. Damit träte der Beschluss bei allen 30 Erst-Unterzeichnerstaaten automatisch in Kraft.

Für Kommissionssprecher Roland Büchel (SVP/SG) ist klar: «Die Schweiz muss hier eine Vorreiter-Rolle einnehmen.» Dieses Signal sei wichtig, weil einzelne Staaten wie Malta den Markt jetzt plötzlich nicht mehr regulieren wollten.

Die Schweiz stehe als Standort vieler internationaler Sportorganisationen besonders in der Verantwortung. «Wenn von der Politik und den Sportverbänden nicht entscheidend Druck aufgebaut wird, treibt die Wettmafia ihr zerstörerisches Milliardengeschäft munter weiter.»