Nur einmal zögert Yvette Estermann. Die SVP-Nationalrätin sitzt in der Bar des Hotel Schweizerhofs in Luzern, nippt an ihrem Earl-Grey-Tee und überlegt. Schliesslich antwortet sie: «Es soll gute Punkte geben im Tierseuchengesetz. Doch ich habe mich nicht detailliert erkundigt.»

Im Parlament ging die Revision des Gesetzes (siehe Box) glatt durch. Im Nationalrat gab es eine einzige Gegenstimme und drei Enthaltungen – eine davon war Yvette Estermann. Sie hätte das Gesetz besser abgelehnt, sagt die Luzernerin heute.

Zum Glück hätten einige Tierhalter und «Andersdenkende» die negativen Seiten des Gesetzes erkannt und das Referendum ergriffen. «Das ist in der Schweiz noch möglich! Das Volk kann als stärkste und höchste Macht korrigierend eingreifen», rief Estermann denn auch vor Wochenfrist den Delegierten der SVP zu. Sie brachte die Versammlung auf ihre Linie. Die Partei liess den Bauernverband, der die Revision befürwortet, im Regen stehen.

Das Hohelied auf die direkte Demokratie ist typisch für Estermann, die in der ehemaligen Tschechoslowakei aufgewachsen ist und zu ihrer ersten Vereidigung als Nationalrätin 2007 in einer Tracht erschien. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Schweizer Bürgern immer und immer wieder den Wert des Systems vor Augen zu führen.

Man müsse der Schweiz Sorge tragen. «Es kann alles schnell ändern», sagt die 45-Jährige, die als Medizinstudentin in ihrer Heimat das Ende des Kommunismus miterlebt hatte. In der Schweiz hat Estermann nie als Ärztin gearbeitet. Stattdessen praktizierte sie als Homöopathin. Heute ist sie Inhaberin einer Firma für Lebensberatung.

Hauptsache, gegen das Ausland

Die Vizepräsidentin der SVP-Bundeshausfraktion verkörpert perfekt die Gegnerschaft des Tierseuchengesetzes: Das sind zum einen die Biobauern, die sie durch die Vorlage in ihrer Existenz bedroht sieht. Und zum andern die grundsätzlich Misstrauischen. Die Impfkritiker und jene, die der Politik, der Pharmaindustrie, der Verwaltung und dem Ausland skeptisch gegenüberstehen.

Der Verlust an Selbstbestimmung, die Konzentration der Macht beim Bund und der Einfluss internationaler Organisationen seien denn auch die schlimmsten Auswirkungen des neuen Gesetzes – Argumente freilich, mit denen die SVP-Politikerin wohl jedes Gesetz bekämpfen könnte.

Nur: Wenn man sie fragt, welcher Gesetzesartikel konkret die Selbstbestimmung der Tierhalter einschränke, dann wird Estermanns Ausdrucksweise weniger bestimmt. Sie blättert das Gesetz durch, nennt drei Stellen und autorisiert am Schluss folgende Aussage: «Wer das geltende Gesetz und die vorgesehenen Änderungen kennt, kommt zum Schluss, dass die Selbstbestimmung der Tierhalter massiv geschmälert wird. Das sind die «Tücken» dieser «überladenen» Vorlage.»

Smart und plakativ

Estermann ist smarter als ihre Mitstreiter. Zwar legt auch sie ihre Argumente plakativ dar. Sie sagt Sätze wie: «Künftig kann die Weltgesundheitsorganisation der Schweiz sagen, was zu tun ist.» Oder: «Wenn der Bund zu viel teuren Impfstoff gekauft hat, kann er eine Seuche ausrufen. Er wird probieren, seine Macht auszunutzen.»

Obschon sich Estermanns «Misstrauen gegen alle weltliche Macht» in ihrem Widerstand gegen das Gesetz manifestiert, klingt sie weniger fundamental als das Referendumskomitee. Dieses schreibt, durch das Gesetz werde «die Mehrheit zum Vorteil einer kleinen Minderheit verarmen und von grossen Konzernen abhängig gemacht.» «Skeptisch bis in den Tod können Sie titeln», sagt Estermann zum Schluss. Sie würde es als Lob auffassen. Zuvor hat sie gesagt: «Skeptisch sein, ist anstrengend. Es ist viel schöner, naiv zu sein und zu glauben, was die Mehrheit sagt.»

Was sind die Vor- und Nachteile des Tierseuchengesetztes? Diskutieren Sie mit.