Umstrittener Auftritt

«Wort zum Sonntag» im Tenu A gesprochen – Kritiker riechen Armeepropaganda

Armeeseelsorger und «Wort zum Sonntag»-Sprecher Urs Corradini.

Armeeseelsorger und «Wort zum Sonntag»-Sprecher Urs Corradini.

Während draussen vor den Leutschenbachfassaden ein weiterer milder Winterabend anbrach, wagte sich Armeeseelsorger Urs Corradini (49) am vergangenen Samstag drinnen im «Wort zum Sonntag»-Studio auf mediales Glatteis.

Der katholische Gemeindeleiter aus dem Entlebuch sprach unter dem Titel «Bürger in Uniform» zur Zuschauerschaft und speziell zu den rund 11 200 Rekruten, die am Montag in die RS eingerückt sind. Corradini redete über seine Dienstwaffe und die Frage, ob er sie im Notfall einsetzen würde.

Er erinnerte sich an seine RS als Spitalsoldat und erzählte von den moralisch richtigen Einsätzen der Armee zugunsten der Friedenssicherung und weltweiter Hilfseinsätze. Das Auffälligste an seinem Auftritt: sein Tenu. Statt wie üblich in Anzug und Krawatte trat der verheiratete Vater dreier Kinder in seiner Offiziersuniform vor die Kameras.

Ein Mann in Armeeuniform, der über das staatliche Fernsehen dem Volk ins Gewissen redet, das kennt man sonst nur aus Militärdiktaturen oder historischen Filmaufnahmen. Entsprechend empört reagierte die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) auf den Auftritt. «Urs Corradini missbraucht das ‹Wort zum Sonntag› auf SRF für reinste Armeepropaganda. Ein solcher Auftritt in Uniform ist höchst problematisch, und es ist absolut unverständlich, warum SRF das überhaupt zugelassen hat», sagt GSoA-Sekretärin Judith Schmid.

Kirche zu nah an der Armee?

Auch der Historiker und Ex-Grünen-Nationalrat Jo Lang sieht den Auftritt kritisch. Den Zuger stört, dass Corradini bei seiner «Lobhudelei» auf den Einsatz der Armee für die Schwachen ausblende, dass Schweizer Soldaten immer wieder gegen Streikende oder Demonstranten eingesetzt worden seien.

Zudem habe Corradini seine Ansprache einseitig an Militärdienstleistende gerichtet und all jene jungen Leute ausgeklammert, die sich für den «blauen Weg», also den zivilen Ersatzdienst entscheiden würden. «Ich habe in den letzten Jahren selten einen Offizier getroffen, der zur Armee ein derart distanzloses Verhältnis hat wie Feldprediger Corradini», sagt Lang. «Für die kriselnde Kirche stellt sich die Frage, ob es ihr guttut, einer angeschlagenen Armee so nahe zu stehen.»

Das «Wort zum Sonntag» mit Urs Corradini in voller Länge: 

Corradini selber sieht die Sache nicht so eng. Für den Auftritt in Uniform habe er sich als dienstpflichtiger Armeeseelsorger aus Anlass des RS-Starts entschieden, sagt er auf Anfrage. Dass er Uniform trage, sei sowohl mit dem SRF als auch mit den zuständigen Stellen bei der Armee abgesprochen gewesen. «Ich habe so viele Reaktionen erhalten wie auf kein anderes ‹Wort zum Sonntag›.

Es ging einerseits um die ethischen Überlegungen zum Waffengebrauch, andererseits darum, dass ich den Mut (oder, bei zwei kritischen Rückmeldungen, die Frechheit) gehabt hätte, im Fernsehen die Uniform zu tragen.» Beim SRF selber gingen zwei kritische Rückmeldungen ein, bei der Ombudsstelle der SRG bislang keine.

Übrigens: Wer anlässlich der Fasnacht oder sonstiger anstehender Feierlichkeiten auf die Idee kommt, als Zivilist eine Schweizer Armeeuniform zu tragen, macht sich strafbar. Nicht-Angehörige der Armee müssen für unbefugtes Tragen der Uniform bis zu acht Tage hinter Gitter. Armee-Angehörige brauchen für ausserdienstliche Auftritte in Uniform eine Spezialbewilligung.

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