Vollamt
Wohlen würde aus der Reihe tanzen

Vollamt oder Teilamt für den Gemeindeammann? Über diese Frage wird in Wohlen am 28. Juni an der Urne entschieden. In anderen Aargauer Gemeinden ähnlicher Grösse ist dies kein Thema: Teilweise seit über 100 Jahren werden sie im Vollamt regiert.

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Fabian Hägler

Im Kanton Aargau sucht man heute vergebens nach Gemeinden mit über 10 000 Einwohnern, die von einem Ammann im Teilamt regiert werden. Und auch in kleineren Orten wie Obersiggenthal ist die Stelle des Gemeindammanns heute mit 100% dotiert. Insgesamt neun Gemeinden werden im Vollamt geführt: Aarau, Baden, Brugg, Obersiggenthal, Oftringen, Spreitenbach, Wettingen, Wohlen und Zofingen. Die AZ Freiamt hat in einigen davon nachgefragt, seit wann das Vollamt besteht und ob seit der Einführung jemals dessen Abschaffung bzw. ein Wechsel zum Teilamt diskutiert wurde.

Walter Dubler Herr und Frau Wohler entscheiden am 28. Juni, ob ihr Ammann künftig zu 100 Prozent oder in Teilzeit für die Gemeinde arbeiten wird. (ba)

Walter Dubler Herr und Frau Wohler entscheiden am 28. Juni, ob ihr Ammann künftig zu 100 Prozent oder in Teilzeit für die Gemeinde arbeiten wird. (ba)

Aargauer Zeitung

Aarau (15 904 Einwohner, Stadtammann: Marcel Guignard, FDP): «Aarau kennt das Vollamt des Stadtammanns seit dem Ende des 19. Jahrhunderts», sagt der Stadthistoriker Martin Pestalozzi. «Sicher ist, dass Max Schmidt im Jahr 1890 ein Vollamt innehatte. Möglicherweise auch schon sein Vorgänger, dies lässt sich aber nicht eindeutig belegen.» Seither sei die Abschaffung des Vollamts nie zur Diskussion gestanden, sagt der Aarauer Archivar.

Marcel Guignard In Aarau stand die Abschaffung nie zur Diskussion. (spi)

Marcel Guignard In Aarau stand die Abschaffung nie zur Diskussion. (spi)

Aargauer Zeitung

Baden (17 641 Einwohner, Stadtammann: Stefan Attiger, FDP): «Der erste vollamtliche Stadtammann von Baden war Karl Killer, der 1927 gewählt wurde und bis 1948 im Amt war», sagt Stadtschreiber Stefan Jetzer. «Auch seine Nachfolger (Max Müller, Viktor Rickenbach, Josef Bürge und Stefan Attiger) waren alle im Vollamt tätig.» Josef Bürge, Vorgänger des heutigen Stadtammanns, ergänzt: «Soweit ich mich erinnern kann, war eine Abschaffung des Vollamts in Baden nie ein Thema.»

Stefan Attinger Eine Abschaffung des Vollamts war in Baden nie ein Thema. (awa)

Stefan Attinger Eine Abschaffung des Vollamts war in Baden nie ein Thema. (awa)

Aargauer Zeitung

Brugg (9186 Einwohner, Stadtammann: Rolf Alder, FDP): «Ich bin der erste vollamtliche Ammann in Brugg, seit 1990 im Amt», sagt Rolf Alder. Im Jahr 1989 fällten Einwohnerrat und Volk in Brugg diesen Entscheid. «An der Urne kam das Vollamt eher knapp durch», erinnert sich Alder, der nach der laufenden Amtsperiode als Stadtammann zurücktritt.

Rolf Alder In Brugg gibt es künftig eine flexible Lösung. (wal)

Rolf Alder In Brugg gibt es künftig eine flexible Lösung. (wal)

Aargauer Zeitung

«Ich war 1989 Einwohnerratspräsident und Lehrer an der Schule Brugg, die Kandidatur für ein Teilamt wäre für mich nicht infrage gekommen», denkt er zurück. Künftig übt der Brugger Ammann nicht mehr zwingend ein Vollamt aus. «Zuletzt wurde das Reglement über die Anstellungsbedingungen des Ammanns angepasst. Mein Nachfolger muss nun mindestens 80% für die Gemeinde arbeiten, er kann das Amt aber auch mit 100% ausüben», erläutert Rolf Alder.

Max Läng Vollamt für den Ammann wurde in Obersiggenthal 1972 eingeführt. (wal)

Max Läng Vollamt für den Ammann wurde in Obersiggenthal 1972 eingeführt. (wal)

Aargauer Zeitung

Obersiggenthal (8174 Einwohner, Gemeindeammann: Max Läng, CVP): «Das Vollamt für den Ammann wurde im Jahr 1972 eingeführt», erinnert sich Max Läng. Ähnlich wie in Wohlen war ein personeller Wechsel der Auslöser dafür. «Der damalige nebenamtliche Ammann Beda Hauser war Jurist und konnte die Infrastruktur seines Büros nutzen», sagt Läng. «Seinem Nachfolger Eduard Oegerli war dies nicht mehr möglich, deshalb war die Einführung des Vollamt naheliegend.»

Martin Bhend In Oftringen wird das Vollamt nicht ernsthaft infrage gestellt. (awa)

Martin Bhend In Oftringen wird das Vollamt nicht ernsthaft infrage gestellt. (awa)

Aargauer Zeitung

Zudem sei die Gemeinde in jener Zeit auch stark gewachsen. «Eine Abschaffung des Vollamts war seither kein Thema», ergänzt Läng. Wohl habe es im Einwohnerrat gelegentlich Anfragen zum Lohn des Ammanns gegeben, allerdings keine grundsätzliche Opposition gegen das Vollamt.

Markus Dieth Die Gemeinde Wettingen kennt das Vollamt seit 80 Jahren. (wal)

Markus Dieth Die Gemeinde Wettingen kennt das Vollamt seit 80 Jahren. (wal)

Aargauer Zeitung

Oftringen (11 785 Einwohner, Gemeindeammann: Martin Bhend, EVP): «In Oftringen wurde das Vollamt des Gemeindeammanns im Jahr 1962 eingeführt», sagt Gemeindeschreiber Peter Lüscher. Hauptgrund für den damaligen Entscheid war das rasche, starke Wachstum der Gemeinde. «Damals herrschte eindeutig die Meinung vor, dass Oftringen mit seiner Grösse einen vollamtlichen Ammann braucht. Infrage gestellt wurde das Vollamt seither nicht ernsthaft», erklärt Lüscher.

Wettingen (19 757 Einwohner, Gemeindeammann: Markus Dieth, CVP): Gemeindeschreiber-Stellvertreterin Sibylle Strebel erklärt nach einem Blick ins Archiv: «Wettingen kennt das Vollamt für den Gemeindeammann seit 80 Jahren. 1929 wurde es eingeführt, aus der Einsicht heraus, dass für die Aufgaben jener Zeit eine Person nur für die Gemeinde im Einsatz stehen sollte. Damals ging es primär um den Ausbau der Infrastruktur wie Strassen und Kanalisationen. Eine allfällige Abschaffung des Vollamts stand seither nie zur Diskussion.»