Stefan Brändle, Paris

Schuld ist der Butler. Wie bekannt geworden ist, liess der «Maître d’hôtel» bei der reichsten Französin, Liliane Bettencourt, in ihren Gemächern im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine monatelang und sehr diskret ein Tonband laufen. Er wollte damit aufzeigen, dass die 87-jährige Besitzerin des weltgrössten Kosmetikkonzerns L’Oréal völlig unter dem Einfluss ihres Günstlings François-Marie Banier stehe.

Im Juli beginnt ein Prozess gegen den Fotografen Banier, dem von der Tochter Bettencourts «Missbrauch der Schwäche» vorgeworfen wird. Die alte Dame soll dem Tout Paris bekannten Dandy nicht weniger als 993 Millionen Euro in Form von Bargeld, Schecks, Lebensversicherungen und Picasso-Gemälden geschenkt haben.

Steuersünder-Jäger Woerth

Am Montag machten die Tonbandaufnahmen des Butlers aber noch anderweitig Schlagzeilen. Was darauf zu hören ist, birgt politischen Zündstoff ersten Grades. Laut dem Pariser Internetanbieter Mediapart, der Auszüge aus den Bändern veröffentlichte, werden auf den 18CDs mehrere Politiker immer wieder genannt. Am meisten Aufmerksamkeit erregt Arbeitsminister Eric Woerth, der in der Schweiz gut bekannt ist: Er hatte vor einem Jahr eine ominöse Liste mit 3000 Steuerflüchtlingen in der Schweiz präsentiert.

Die Tonbänder legen den Schluss nahe, dass sich Woerth für Bettencourt verwendete, während sie selbst Steuerflucht betrieb. Bettencourts Finanzverwalter Patrice de Maistre sagt zum Beispiel auf dem Tonbandmitschnitt, der Minister habe gebeten, dass seine Gattin Florence Woerth bei Bettencourts Finanzgesellschaft Clymène als Vermögensverwalterin angestellt werde. De Maistre wirbt bei Bettencourt auch für eine Geldspende über 7500 Euro zugunsten von Woerths Partei UMP; sein Argument lautet, Woerth sei «ein Freund».

Wer stand auf der Liste?

Gleichzeitig erwähnt de Maistre auch den Transfer von 78 Millionen Euro aus der Schweiz auf Konten in Singapur und Hongkong. Das klingt stark nach Steuerflucht – und erfolgte, nachdem Woerth den französischen Steuersündern mit seiner Liste gedroht hatte. Stand darauf vielleicht sogar der Name Bettencourt – von der er eine politische Spende entgegennahm?

Die Linksopposition verlangt jedenfalls Aufklärung, die Grünen sogar den Rücktritt Woerths. Dieser verteidigt sich, er habe Bettencourt nie einen Dienst erwiesen. Der Bettencourt-Vertraute de Maistre erwähnt auch einen Besuch im Elysée. Präsidialberater Patrick Ouart habe ihm dabei versichert, dass Staatschef Nicolas Sarkozy den für den Bettencourt-Prozess zuständigen Staatsanwalt «sehr, sehr gut» kenne; dieser werde bei dem Prozess um den Milliarden-Günstling schon zum Rechten schauen.

Auch Sarkozy gefällig?

Die UMP, der Bettencourt die – legale – Geldspende machte, ist auch die Partei von Sarkozy. Bettencourts Finanzmann informiert seine Chefin auch, der Präsidialberater habe ihm «gesagt, dass Sarkozy bei all dem sehr wichtig sein könne». Und das auch in anderer Hinsicht: «Wenn Sarkozy zu Nestlé sagt, ‹ich warne euch, ich bin nicht einverstanden›, dann wird es (gemeint: für Nestlé) sehr schwierig», beruhigt de Maistre Bettencourt laut Tonband. Die Alleinerbin von L’Oréal befürchtet offenbar, dass ihr Aktionärspartner Nestlé – der wie sie rund 30 Prozent der Anteile an L’Oréal hält – ihren Familienstreit zum Anlass nehmen könnte, um die Kontrolle bei L’Oréal ganz zu übernehmen.

Sarkozy würde sich zweifellos gegen eine Übernahme des französischen Kosmetikkonzerns durch den Schweizer Nahrungsmittelkonzern sträuben. Ihm nicht nationale, sondern finanzielle Interessen zu unterstellen, ist womöglich falsch. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass sich mehrere Politiker von Bettencourts Milliarden einspannen liessen, obwohl sie rhetorische Feldzüge gegen unsaubere Finanzpraktiken führen. Die französische Justiz nimmt aber nicht gegen Minister Woerth Ermittlungen auf. Sondern – wegen Verletzung der Privatsphäre – gegen den Butler.