Wochenkommentar
Testen, testen, testen – endlich packt es der Bundesrat. Aber wann kommt impfen, impfen, impfen?

Der Druck des Parlaments und der Wirtschaft hat gewirkt: Der Bundesrat gibt Gas bei den Coronatests – und macht sie gratis. Doch das ist bloss ein erster Schritt.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Jetzt lanciert der Bund die Testoffensive. (Symbolbild)

Jetzt lanciert der Bund die Testoffensive. (Symbolbild)

Donato Caspari

Die Frage, die sich zur Offensive bei den Coronatests stellt, lautet: Warum erst jetzt?

Der Bundesrat wusste es seit dem vergangenen Sommer, die Taskforce wiederholte es mantraartig, und in den Zeitungen wurde es zur multiplen Schlagzeile: «Testen, testen, testen» ist entscheidend, wenn die Schweiz die Pandemie zurückdrängen will, ohne das private und wirtschaftliche Leben vollends lahmzulegen. Denn konsequentes Testen reduziert nachweislich den R-Wert, bremst also die Ausbreitung des Virus.

Zögerliche BAG-Chefin

Doch die Landesregierung und das Bundesamt für Gesundheit unter der zögerlichen Direktorin Anne Lévy haben sich erst am Freitag dazu durchgerungen, das Naheliegende zu tun: Die Tests gratis zu machen. Für alle, auch für Personen ohne Symptome. In Apotheken, in Testzentren, in Unternehmen, in Schulen und auch bei Selbsttests zuhause. Ab dem 15. März könne jeder Mensch, der das wünsche, sich gratis testen lassen, sagte Gesundheitsminister Alain Berset. Er versprach zudem, der Bund werde monatlich jeder Person fünf Selbsttests für zu Hause abgeben, sobald – vermutlich bereits ab April – verlässliche Tests dieser Art auf den Markt kommen.

Warum erst jetzt?

Warum gerade jetzt?

Es scheint, als habe der Bundesrat den Druck der Medien und des Parlaments gebraucht. Am Donnerstag titelte diese Zeitung angesichts der Trödelei: «Der Bund ist beim Test durchgefallen.» Die Exekutive, in der ersten Coronawelle allseits gelobt für ihr entschlossenes Handeln, geriet in der zweiten Welle aus dem Tritt, verlor zuletzt gar die Kontrolle. Mit Machtdemonstrationen, etwa im unsäglichen Terrassen-Streit, versuchte sie die Hoheit zu bewahren, gab damit aber nur der Diktatur-Polemik der SVP Auftrieb. Ein Eigentor.

Entschlossenheit statt Gängelei

Die erste Sessionswoche des Parlaments machte das deutlich. Die Legislative stellte die Corona-Kompetenzen des Bundesrats infrage, drohte damit, das Heft selber in die Hand zu nehmen. Der bürgerliche Angriff im Nationalrat scheint seine Wirkung nicht verpasst zu haben. Die Tempoerhöhung beim Testen ist ein Befreiungsschlag für den Bundesrat. Nur mit Entschlossenheit und nicht mit Gängelei gewinnt er die Kontrolle zurück. Mit der neuen, robusten Strategie gehört die Schweiz bald zu jenen Ländern, die weltweit am intensivsten testen. Endlich!

Die zusätzlichen Tests sind laut Berset «extrem teuer», sie kosten eine zusätzliche Milliarde, doch das ist gut investiertes Geld. Die Schäden für die Wirtschaft und die Steuerzahler, die wegen der staatlich verfügten Schliessungen und Einschränkungen Tag für Tag anfallen, sind ungleich grösser. Um diese zu lockern, das betonen die Wirtschaftsverbände seit Wochen völlig zu recht, braucht es eben Tests – und dazu einen Effort beim Impfen.

Sogar Trump konnte es besser

So wie die Schweiz nun zum Test-Primus werden will, sollte sie auch den Ehrgeiz haben, zum am besten durchgeimpften Land zu werden. Doch hier haben der Bundesrat, das BAG und auch die Heilmittelbehörde Swissmedic, die zur langsamsten Zulassungsbehörde der Welt zu werden droht, in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht, die man nicht durch einen Kraftakt wie beim Testen beheben kann. Länder, die früh bei vielen Impfstoffanbietern grosse Mengen zu hohen Preisen bestellten, haben einen Vorsprung, der sich kaum mehr aufholen lässt.

Diese Versäumnisse des Bundes werden Gegenstand von politischer Aufarbeitung sein müssen. Warum konnten es die Briten, die Israeli und sogar die als unfähig verschriene Trump-Administration so viel besser als die Schweiz?

Vorerst gilt es, vorwärts zu schauen und Tempo zu gewinnen, dort wo es möglich ist. Etwa bei der Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca. Dieser ist vielfach erprobt, warum muss dann die Schweiz noch auf Daten aus einer US-Studie warten? Alle Behörden müssen jetzt das Impfen zur obersten Priorität erklären. Jeder Tag zählt.