Ecopop
Wo die Angst vor Überbevölkerung ihren Anfang nahm

Die Angst vor zu vielen Menschen ist nichts Neues in der Geschichte der Menschheit und schon gar nicht in jener der Schweiz. Eine Chronologie der Angst – von Malthus bis Ecopop.

Lina Giusto
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Links: Thomas Robert Malthus (1766-1834) sah in der Überbevölkerung die Ursache für Armut und Elend. Mitte: Befürworter der Schwarzenbach-Initiative (1970). Rechts: Am 30. November stimmt die Schweiz über die Ecopop-Initiative ab.

Links: Thomas Robert Malthus (1766-1834) sah in der Überbevölkerung die Ursache für Armut und Elend. Mitte: Befürworter der Schwarzenbach-Initiative (1970). Rechts: Am 30. November stimmt die Schweiz über die Ecopop-Initiative ab.

Keystone/zvg

Schon 1789 – also über 200 Jahre vor der Ecopop-Initiative – wurden Theorien der Bevölkerungsgrenze populär. So beschrieb die These des Ökonoms Thomas Robert Malthus das Bevölkerungswachstum im Vergleich zum Wachstum der Unterhaltsmittel, wie etwa der Nahrungsmittelproduktion, als überproportional. Grund für die stark ansteigende Bevölkerung war laut Malthus der Fortpflanzungstrieb der Menschen. Die Folgen seien ein Leben in Armut und Elend. Als Reaktion auf seine Theorie verschärfte England damals das Armengesetz.

Skepsis von links bis rechts

Um 1800 erreichte die Weltbevölkerung die Milliardengrenze und verdoppelte sich bis 1927. Jeder vierte Bewohner lebte damals in Europa. Das Zeitalter der Industrialisierung half durch verbesserte Hygiene, Medizin und Ernährung, die Sterblichkeitsrate – bei hoher Geburtenrate – zu senken. Für die kleine Schweiz bedeutete dies damals, jeden tausendsten Erdenbewohner zu beherbergen.

Der Club of Rome machte 1972 mit seiner Studie «Grenzen des Wachstums» die Wachstumskritik in Europa salonfähig. Die Studie wurde in 29 Sprachen übersetzt und über 30 Millionen Mal verkauft. Die Gesellschaft bestand aus unabhängigen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und hatte sich aus der Bürgerrechtsbewegung von 1960 formiert.

Die Hauptthese der Studie besagte, dass die zunehmende Zahl der Menschen die vorhandenen Ressourcen erschöpfen und die menschliche Existenz bedrohen würde. Die Worte klangen nach Malthus, waren aber erstmals wissenschaftlich formuliert.

Im gleichen Zeitraum gruppierte sich in der Schweiz die erste grosse Bewegung gegen die Überfremdung des Volkes und des Landes, aufgrund der erhöhten Einwanderung aus Italien. Der Historiker und spätere Nationalrat James Schwarzenbach gab dem Vorstoss Gesicht und Namen. Er lancierte 1970 die fremdenfeindliche «Initiative Schwarzenbach» zur Beschränkung des Ausländeranteils auf zehn Prozent der Gesamtbevölkerung der Schweiz, die nach einer grossen öffentlichen Debatte mit 46 Prozent vom Volk knapp abgelehnt wurde.

In der anderen politischen Ecke entstand aus der 68er-Studentenbewegung die Ecopop-Arbeitsgruppe unter dem Namen «Mensch und Natur», die die Überbevölkerung im politisch-ökonomischen System begründet sah. Es sei der Kapitalismus, der die Missstände zwischen Bevölkerung und Ressourcenverbrauch verursache.

Diese Bewegungen verankerten die Thematik der ausländischen Überbevölkerung in der Schweiz bis heute.

Wiederholt sich die Geschichte?

Grösstenteils unterentwickelte Länder hatten im 20. Jahrhundert eine starke Bevölkerungszunahme, während die Industrieregionen ein verlangsamtes Wachstum, eine abnehmende Geburtenrate und eine höhere Lebenserwartung von durchschnittlich 78 Jahren aufwiesen. Entsprechend leben 60 Prozent in Asien, rund 20 Prozent in Afrika und weniger als 10 Prozent in Europa.

Mit dem Jahr 2014 wurde die Angst vor Überbevölkerung erneut in die Politik getragen. Die SVP-Initiative «Gegen Masseneinwanderung» beschäftigte sich mit der starken Zuwanderung aus dem EU-Raum und hob die dadurch verschärften Probleme hervor. Staus, überfüllte Züge, die Wohnungsnot in Städten und der erhöhte Dichtestress waren die Schlagworte. Am 9. Februar wurde diese vom Schweizer Stimmvolk mit 50,3 Prozent knapp angenommen.

Nur rund neun Monate später soll über die Ecopop-Initiative abgestimmt werden. Die von der rechtsbürgerlichen Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) unterstützte Vorlage fordert die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen wie Luft und Boden und bekämpft direkt die Zubetonierung der Schweiz. Ihr Anliegen will die natürlichen Lebensgrundlagen und die Lebensqualität für die kommenden Generationen sichern.

Die Ziele sollen mit der Einschränkung der jährlichen Zuwanderung auf rund 17 000 Personen und dem Einsatz von zehn Prozent der Staatsausgaben für die Förderung von freiwilliger Familienplanung in Entwicklungsländern umgesetzt werden. Die Angst vor zu vielen fremden Menschen beschäftigt folglich die Welt und auch die Schweiz in einer wiederkehrenden Chronologie.

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