Wenn Johann Schneider-Ammann über Berufsbildung, über den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Vorzüge der Sozialpartnerschaft spricht, rümpfen Politiker und Journalisten die Nase. Tausendmal gehört. Die Themen, die den Wirtschaftsminister umtreiben, sind immer die gleichen.

In Langenthal hält man seine Aussagen hingegen für «authentisch». Das sagt neben Diego Clavadetscher, Präsident der örtlichen FDP, auch Stadtpräsident Reto Müller von der SP. «Schneider-Ammann spricht nicht nur davon, Arbeitsplätze zu erhalten, das Unternehmen, die Ammann Group, lebt dies auch vor», schwärmt er. Wobei der Baumaschinenhersteller kein Einzelfall sei. Auch andere industrielle Arbeitgeber, die in Langenthal angesiedelt sind, bezeichnet Müller als vorbildlich. Und natürlich fällt das Wort, das diesen Typus umreisst: «Patron». Darin schwingt mit, dass Firmen, die durch Eigentümer geführt sind, ihren Mitarbeitern mehr Wertschätzung entgegenbringen. Reto Müller sagt, dass es deshalb in der SP Langenthal auch keinen starken gewerkschaftlichen Flügel gebe.

Die Stadt, die ein Dorf sein will

Die Langenthaler sehen sich als Wirtschaftsmotor des Oberaargaus, ja des ganzen Kantons Bern. 10 000 Arbeitsplätze kommen auf 15 700 Einwohner. Und obwohl die digitale Transformation fortschreitet und der Dienstleistungssektor wächst, sei die Industrie mit 38 Prozent immer noch gut vertreten, sagt Stadtpräsident Müller zufrieden. Der Stadt gehe es gut; das Stadttheater wird derzeit für 15 Millionen Franken saniert.

Wobei «Stadt» eigentlich der falsche Begriff ist. Wenn der Langenthaler ins Zentrum fährt, geht er «ins Dorf». Zwar erhielt die Gemeinde 1997 unter dem damaligen Stapi Hans-Jürg Käser Stadtrecht. Das Jubiläum feiert jedoch niemand. Und dennoch fühlen sich die Einheimischen unterschätzt, das Potenzial der Stadt werde verkannt. Denn Langenthal hat eine reiche Historie.

Dazu ein Abriss: 1571 erhält Langenthal Marktrecht, vierzig Jahre später wird ein Kaufhaus mitten auf der Allmend gebaut. Das Dorf entwickelt sich innert Kürze zu einem Zentrum des Tuchhandels. Die Öffnung des Marktes zweihundert Jahre später regt den Handel zusätzlich an. Von Langenthal wird nach Frankreich, Italien, Spanien und Portugal exportiert. Der Ort gilt bald in ganz Europa als reiches Dorf.

Goldküste Langenthals

Sowohl Exportindustrie als auch Wohlstand sind geblieben. Auf ihren Spuren fährt Diego Clavadetscher mit dem Auto vom Zentrum, das früher Sumpfgebiet war, auf eine Anhöhe. Schoren heisst das Quartier, wo auch das Haus der Familie Schneider-Ammann steht. Direkt angrenzend das Anwesen von Sohn Hans-Christian, der die Ammann Group heute in sechster Generation führt. Produktionsstätten und Firmensitz liegen nur einen Steinwurf entfernt, ennet der Gleise und am Ende der Strasse.

Die Fahrt geht später an Berufsschule und Gymnasium vorbei ins Industriegebiet, wo weitere Familienunternehmen wie Güdel und Création Baumann ihren Sitz haben. Auch Motorex und Hector Egger produzieren hier in der Schweiz und exportieren ins Ausland. Laut Clavadetscher trägt die besondere Unternehmenskultur zum Erfolg bei. Doch heile Welt herrscht auch im Oberaargau nicht. Im Mai gab die Ammann Group bekannt, dass sie 130 von 420 Arbeitsplätzen in Langenthal abbauen und ins Ausland verlagern muss. Der starke Franken lässt grüssen.

Zu Fuss geht es im Zentrum weiter. Obwohl beim Bauen in den letzten Jahrzehnten viel gesündigt wurde, zeigt sich der frühe Reichtum des Dorfes in der Marktgasse, die dem Ort seit dem 18. Jahrhundert einen mondänen Charakter verleiht. Das Kaufhaus ist heute ein Kunsthaus und Café. Es steht am «Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann Platz», dem Zentrum des Ortes.

Das Rütli des 19. Jahrhunderts

Direkt daneben der altehrwürdige «Bären», wo Schneider-Ammann zu seinen Nationalratszeiten im Barock-Saal «Züpfe-Zmorge» organisierte und dazu Redner aus aller Welt einlud. Der «Bären» selbst gilt als Symbol des Fortschritts und der liberalen Gesinnung: Am ersten eidgenössischen Militärfest 1822 ritten Offiziere aus allen Kantonen nach Langenthal und erklärten, die Freiheit der Eidgenossenschaft verteidigen zu wollen. Gemäss Erinnerungstafel legten die Offiziere damit den «Grundstein für den spätern Bundesstaat von 1848 und machten Langenthal zum Rütli des 19. Jahrhunderts». Das Fest hat der Maler Friedrich Traffelet als Fresko in einem Saal des Gasthofs Bären festgehalten.

Vier Jahre nach dem Offiziersfest, 1826, hielt der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi seine letzte grosse Rede über «Erziehung und Vaterland» – ebenfalls im «Bären». Er dozierte über «eine menschengerechte Wirtschaft» und setzte sich für eine Schule ein, die allen gesellschaftlichen Schichten zugänglich sein und sich am Können des Einzelnen orientieren soll.

Schneider-Ammann nahm 2008 und 2009 die beiden Ereignisse zum Anlass, um in deren Gedenken ein Fest zu feiern. Kein Wunder, sind die Langenthaler überzeugt, dass der Bundesrat seine politische Prägung in der «Hochburg des Liberalismus» erhielt. Wobei auch gemunkelt wird, dass der Schwiegervater, der Industrielle Ulrich Ammann, ihm den Frei-
sinn eingeimpft habe.

Denn die FDP war in seinem Heimatort fremd. Die Kindheit verbrachte «Hannes» in Affoltern, dem höchstgelegenen Dorf im Emmental. Von Burgdorf (557 Meter) steigt das enge Strässchen bis nach Affoltern (801 Meter), vorbei an Weiden, die noch vom Morgentau glänzen, an Höfen mit den typischen, grossen Giebeln und an kleinen Wäldchen. Gegen Süden öffnet sich die Sicht auf die Berner Alpen, gegen Norden blickt man über das Nebelmeer auf den Jura.

Ein einziger Freisinniger

Hier dürfen sich die Säue noch mitten im Dorf im Dreck suhlen, der strenge Geruch gehört eben dazu. Die Bauern sind in Affoltern geblieben, doch die Metzger und der Dorfladen sind weg. Der «Löwen» und die «Sonne» sind zu. Und die Schaukäserei sowie die Besenbeizen der Bauern seien etwas für Auswärtige, sagt man im Dorf.

Das frühere Haus der Familie Schneider liegt zwischen der alten Schmiede und dem Gasthaus Löwen. Der Blick schweift vom Hof mit den Säuen über die Weiden, Matten und grasenden Tiere, bis hin zu Eiger, Mönch und Jungfrau. In dieser Umgebung war der Vater, Tierarzt Ernst Schneider, unverzichtbar. Er sorgte sich nicht nur um die Tiere in Affoltern, wo er mit seiner Familie lebte, sondern auch um jene der umliegenden Gemeinden. In der Regel mit dem Auto, im Winter aber auch mal hoch zu Ross oder auf Skiern, wenn die Strasse blockiert war, sei Ernst Schneider zu allen Tages- und Nachtzeiten ausgerückt, erzählt Hansueli Müller, der sein Leben lang an der Schule in Affoltern unterrichtet hat. Und er weiss: «Der Tierarzt galt als streng. Streng mit den Bauern, streng mit seinen sechs Kindern, aber auch streng zu sich selbst.» Er habe von seinen Kindern dieselbe Arbeitsmoral eingefordert, die er selbst an den Tag legte.

Ernst Schneider engagierte sich auch politisch. Partei gab es im Dorf damals nur eine: die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB). Einzig der Metzger im angrenzenden Weiler, der seinen Betrieb massiv ausbaute und seine Ware weit über die Kantonsgrenze hinaus vertrieb, wählte Freisinn. Ein Tabu.

Der Weg nach Langenthal

Viel Zeit, die politische Färbung seiner Heimat anzunehmen, blieb «Hannes» nicht. Er besuchte nur die Primarschule in Affoltern. Die Sek absolvierte er in Sumiswald. Und anstatt ans Gymnasium im nahegelegenen Burgdorf zu gehen, wie es in Affoltern üblich war, wählte er den «Gymer» in Langenthal. Der erste Stein für seine politische Zukunft war gelegt – obwohl er sich anfangs schwertat, aus der Sonne im Emmental ins neblige Langenthal zu fahren, wie der frisch gewählte Bundesrat im Oktober 2010 an der Wahlfeier in seinem Heimatdorf sagte.

Dabei sah es zunächst danach aus, als würde er in die Fussstapfen des Vaters treten. Als ältester Sohn begleitete er seinen Vater bei der Arbeit und nahm nach abgeschlossenem Gymnasium das Studium der Veterinärmedizin auf. Zwei Semester, dann brach er ab und wechselte an die ETH, studierte Elektrotechnik. Durch die Liaison mit der Industriellentochter Katharina Ammann landete der junge Mann endgültig in Langenthal.

Demütige Bundesratsfamilie

Dort heisst es heute, den Bundesrat sehe man nur selten «im Dorf». Die Familie lebe eher zurückgezogen. «Bescheiden und demütig», sagt Stadtpräsident Reto Müller. So fahre Katharina Schneider-Ammann dienstags seit Jahren immer noch mit dem alten Drei-Gang-Velo an den Wochenmarkt.


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