Im vergangenen Dezember war alt Bundesrätin Ruth Dreifuss zu Besuch bei Alain Berset, ihrem – wenn auch nicht direkten – Nachfolger als Vorsteher des Innenministeriums. Thema der Unterredung: der Umgang der Schweiz mit der illegalen Droge Cannabis.

Der genaue Wortlaut der Unterredung ist nicht überliefert. Die Position von Dreifuss in dieser Hinsicht jedoch ist klar, sie hat sich stets für die kontrollierte Abgabe von Cannabis ausgesprochen. Wie man seit Sonntag weiss, ist sie damit bei ihrem Westschweizer Parteikollegen offenbar auf offene Ohren gestossen. Berset sagte gegenüber der «NZZ am Sonntag», dass er es begrüssen würde, «wenn neue Modelle und Wege ausprobiert werden».

Ausnahmen erlaubt

Worum geht es? Im Jahr 2008 hat die Bevölkerung eine flächendeckende Hanflegalisierung deutlich abgelehnt, gleichzeitig aber das revidierte Betäubungsmittelgesetz angenommen. Dieses verbietet Anbau, Handel und Konsum von Cannabis, sieht aber gleichzeitig Ausnahmen zu wissenschaftlichen Forschungszwecken vor.

Mehrere Schweizer Städte – darunter Zürich, Bern, Genf und Basel – wollen sich diesen Passus nun zunutze machen und haben Projekte für eine regulierte Abgabe von Cannabis aufgegleist. Die einzelnen Vorschläge unterscheiden sich teilweise, so fokussiert Zürich auf junge, straffällige Personen, Genf will Vereine ins Leben rufen, bei denen die Mitglieder das Gras beziehen können, und Bern prüft die Abgabe über Apotheken. Gemeinsam ist allen Projekten: Sie wollen der teuren Kriminalisierung entgegenwirken und gleichzeitig präventiv wirken. «Unser Ansatz ist ein gesundheitlicher, der sich vor allem an Problemkonsumenten richtet. Sie sollen ihren Konsum stabilisieren und letztlich reduzieren können», sagt der Genfer Soziologieprofessor Sandro Cattacin, der die Projekte koordiniert.

Schmerzpatienten statt Kiffer

Bevor es so weit ist, muss das Bundesamt für Gesundheit (BAG) grünes Licht für die wissenschaftlichen Versuche geben. Wenn sich nun dessen oberster Chef Berset dafür offen zeigt, ist das mehr als nur ein Hinweis darauf, dass die nötigen Bewilligungen auch wirklich erteilt werden. Die ersten Gesuche werden laut Cattacin vermutlich diesen Herbst eingereicht.

Manfred Fankhauser, der in Langnau im Emmental eine Apotheke betreibt, verfolgt die drogenpolitischen Entwicklungen mit besonderem Interesse. Denn bei ihm gibt es bereits heute Cannabis zu kaufen – und das völlig legal. Ein Einzelfall in der Schweiz. Bei Fankhauser gehen allerdings nicht die klassischen Kiffer ein und aus, sondern Patienten, die in der Regel unter chronischen Schmerzen leiden. «Das sind oftmals Personen, die schon mehrere andere Therapien ausprobiert haben. Erst Cannabis konnte ihnen wirklich helfen», so Fankhauser.

Die Schmerzpatienten rauchen aber nicht etwa das Kraut, sondern nehmen eine Hanftinktur oder ein Hanföl zu sich. Der Stoff stammt aus eigener Produktion, Fankhauser lässt die Pflanzen auf einem Feld in der Ostschweiz anbauen. Die Ernte von rund 250 Kilogramm reicht etwa für ein Jahr, rund 600 Patienten beziehen die Produkte vor Ort oder per Post. Je nach Sachlage übernimmt die Krankenkasse die Kosten von täglich fünf bis zwanzig Franken, eine Pflicht besteht jedoch nicht.

Die unerwünschte Vermischung

Der Bund schaut dem Apotheker dabei bei jedem einzelnen Schritt genau auf die Finger. Wer die THC-haltigen Produkte konsumieren will, braucht ein Rezept vom Arzt, der wiederum einen Antrag ans BAG stellen muss. Erst wenn das Bundesamt grünes Licht gibt, kann der Patient das Medikament in Langnau bestellen.

Apotheker Fankhauser begrüsst es, wenn über die Städteinitiativen neue Wege gesucht werden, um den Konsum von Hanf als Droge zu kontrollieren. Gleichzeitig sieht er für sein Geschäftsmodell auch Gefahren: «In den letzten Jahren hat sich Cannabis als Medikament etabliert. Wird Hanf künftig legal abgegeben, besteht die Gefahr, dass Kiffer und Patienten in der öffentlichen Diskussion wieder ‹vermischt› werden – worunter letztlich die Kranken leiden.»

Sind Sie für die Legalisierung? – Diskutieren Sie mit!