Wütend sei sie gewesen, sagt Gewerkschaftssekretärin Michela Bovolenta. Mit Christiane Brunner und alt Bundesrätin Ruth Dreifuss sprachen sich diese Woche zwei SP-Galionsfiguren für das ständerätliche Modell der Altersreform aus. Die Erhöhung der AHV-Renten um 70 Franken komme den Frauen zugute und ein Referendum nütze nur den Rechten,
so die beiden Westschweizerinnen im «Tages-Anzeiger». VPOD-Gewerkschafterin Bovolenta teilt diese Ansicht nicht. Sie gehört zu den wichtigsten linken Reformgegnern und ist überzeugt: «Die Frauen bezahlen mit der Erhöhung des Rentenalters die Reform.» Die linken Reformgegner, sie kommen vorwiegend aus der Westschweiz, haben allerdings ein erhebliches Defizit: Ihnen fehlt eine starke Figur. Bovolenta gibt das zu. Sie bedauert, dass sämtliche linken Parlamentarierinnen den Kampf gegen das höhere Frauenrentenalter aufgegeben hätten.

Keine Alternative

Die ehemalige SP-Nationalrätin und VPOD-Präsidentin Christine Goll setzte sich 1995, bei der letzten erfolgreichen AHV-Revision, noch vehement gegen
ein höheres Frauenrentenalter ein. Die damalige Revision brachte den Frauen mit der Einführung der Erziehungs- und Betreuungsgutschriften zwar erhebliche Verbesserungen, doch das Rentenalter wurde von 62 auf 64 Jahre heraufgesetzt. Für Goll damals Grund genug, die Reform zu bekämpfen. Und heute? «Ich bin klar gegen ein höheres Rentenalter für Frauen», sagt Goll. Doch wenn sich das ständerätliche Modell durchsetzt, werde sie an der Urne Ja stimmen. Die Stärkung der AHV wäre eine wichtige sozialpolitische Errungenschaft, die den Frauen nützt: «Ich glaube nicht, dass es eine bessere Alternative gibt. Scheitert das Paket, wird bei der AHV abgebaut.»

Doris Bianchi, Zentralsekretärin beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund, stellt einen Röstigraben fest. In der Romandie werde die Erhöhung des Frauenrentenalters als grosser Rückschritt in der Gleichstellungspolitik empfunden. «Die Deutschschweizer murren zwar auch, doch die Erhöhung wird als unausweichlich betrachtet», sagt Bianchi. Sie ist derzeit viel unterwegs, um in Gewerkschaftskreisen für das ständerätliche Modell zu werben. Zwar schliesst das Parlament die Beratung der Altersreform erst nächste Woche ab, doch es ist absehbar, dass sich die Erhöhung der AHV-Rente durchsetzen wird.

Die Kehrtwende der Juso

Bianchi steckt deshalb bereits in Phase zwei: Die Reihen innerhalb der Linken sollen geschlossen werden. Das zeigte sich diese Woche auch an einer anderen Front. Die jungen SP-Nationalräte Mattea Meyer, Cédric Wermuth, Jean-Christophe Schwaab und Mathias Reynard sprachen sich in einem offenen Brief für das Ständeratsmodell aus. Es sei ein Sieg gegen die «neoliberalen Hardliner». Die Adressaten des Briefes werden nicht genannt, sind aber klar: die Jungsozialisten. Deren Geschäftsleitung kündigte in einem Resolutionsentwurf Opposition gegen die Reform an, selbst mit dem AHV-Zustupf. Die Juso werden heute an ihrer Jahresversammlung nun aber auch über eine Gegenresolution debattieren. Darin ist von Kampf keine Rede mehr. Die Reform wird zwar als zweischneidig bezeichnet, doch der Ständeratskompromiss würde die Lebensrealitäten real verbessern. Pikant: Die Geschäftsleitung unterstützt den Gegenentwurf und hat sich von der eigenen Oppositions-Resolution verabschiedet. Die Reihen schliessen sich.