Wissenschafts-Gremium
«Der Taskforce-Präsident sollte die Konsequenzen ziehen»: FDP distanziert sich von SVP-Forderung

Nachdem die düsteren Szenarien nicht eingetreten sind, schiesst die SVP gegen die Corona-Taskforce und fordert deren Abschaffung. Die FDP, die einst die Maulkorb-Forderung unterstützte, sieht das anders.

Nina Fargahi
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Soll es Konsequenzen für die Taskforce geben? SVP-Nationalrat Thoma Matter, FDP-Parteichefin Petra Gössi und Präsident der Akademien Schweiz Marcel Tanner nehmen Stellung.

Soll es Konsequenzen für die Taskforce geben? SVP-Nationalrat Thoma Matter, FDP-Parteichefin Petra Gössi und Präsident der Akademien Schweiz Marcel Tanner nehmen Stellung.

Montage: Berger Claudia

Die wissenschaftliche Corona-Taskforce würde «Horrormärchen erzählen», kritisiert SVP-Nationalrat Thomas Matter. Dies, weil das wissenschaftliche Beratungsgremium vor steigenden Fallzahlen gewarnt hatte, als der Bundesrat Öffnungsschritte verkündete. Doch effektiv sinken nun die Fallzahlen in der Schweiz. Matter sagt:

«Die Taskforce irrt sich zum x-ten Mal. Ihr Präsident sollte die Konsequenzen ziehen.»

Das Gremium würde längst nicht mehr eine Beraterfunktion einnehmen, sondern Angstmacherei-Politik betreiben, so der Zürcher SVP-Politiker.

Schon Ende Februar hatte die Partei in der Wirtschaftskommission einen Antrag gestellt, welcher der wissenschaftlichen Taskforce einen Maulkorb umbinden wollte. Die FDP unterstützte diese Forderung zu Beginn und reichte ebenfalls einen Antrag ein. Die Taskforce solle nicht mehr mit der Öffentlichkeit kommunizieren, forderte FDP-Nationalrätin Daniela Schneeberger. Sie krebste allerdings zurück, als Kritik laut wurde.

Und jetzt? Die FDP unterstütze die jüngsten Forderungen der SVP nicht, schreibt Parteichefin Petra Gössi auf Anfrage: «Verbesserungswürdig ist jedoch die Koordination zwischen BAG, Taskforce und Bundesrat.» Thomas Matter ist nicht erstaunt: «Die FDP schwankt auch in diesem Thema hin- und her, wie zum Beispiel beim CO2-Gesetz oder beim Rahmenabkommen.»

«Wir sind keine Aktivisten»

Marcel Tanner, Epidemiologe und Präsident der Akademien Schweiz, verteidigt die Taskforce. «Es geht nicht um die Frage: Taskforce ja oder nein.» Wer solch falsche Dichotomien schaffen wolle, habe die unterschiedliche Rolle und Verantwortung von Wissenschaft und Politik sowie den Prozess des Miteinanders nicht verstanden, sagt Tanner, ehemaliges Mitglied der Corona-Taskforce:

«Ein Modell reproduziert nie die Wirklichkeit, sondern zeigt mögliche Szenarien auf.»

Wenn ein Modell nicht eintreffe, heisse das nicht, dass man sich geirrt habe; gerade wenn die Szenarien dazu führten, dass die Massnahmen konsequenter umgesetzt würden.

Die Taskforce begleite und berate den Bundesrat, entscheide aber nichts, sagt Tanner. «Unsere Aufgabe als Wissenschafter ist, zu sagen, was wir wissen und was wir nicht wissen. Wir zeigen Handlungsoptionen auf, erlassen aber keine Vorschriften.» Und: «Wir sind keine Aktivisten.»

Epidemiologe Tanner erklärt, warum die Taskforce polarisiert

Auf die Frage, warum die Taskforce derart polarisiere, antwortet Tanner: «Es geht uns zu gut.» In ärmeren Ländern habe er gesehen, dass die Leute in einer Krise alle am gleichen Strick ziehen würden. «Man muss nicht gleicher Meinung sein, aber wir sitzen im gleichen Boot.» Es brauche stets mehr Kommunikation und nicht nur Propaganda.

Tanner erinnert sich, dass im letzten November vergleichbare Forderungen laut wurden und dass eine «Arena» im Schweizer Fernsehen zur Taskforce mehr Verständnis zwischen der Wissenschaft und Politik geschaffen habe. «Die Moderation war wohl enttäuscht, dass die Debatte nicht aggressiver ausfiel», vermutet Tanner.

Je mehr alle Beteiligten die multikausale Pandemie verstehen würden, desto besser funktioniere das Miteinander. Tanner erinnert sich an seine Kindheit, als seine Grosseltern einen Bauernhof hatten, aber weder Traktor noch Pferde besassen. «Man musste sich aushelfen, war aufeinander angewiesen, musste zusammenspannen, gerade auch zu einer Zeit, als im Lande die Maul- und Klauenseuche grassierte und es viele harte Einschränkungen gab.» Es gehe nicht einfach nur um offene Beizen, sondern darum, gemeinsam und in Kenntnis des gesamten Kontexts aus einer Krise zu finden.