Philippe Reichen

«Wirkliche Freunde hat Bundesrat Merz nicht»

6. August 2010 in Bern: Bundesrat Hans-Rudolf Merz beim Verlassen der Medienkonferenz, an der er seinen Rücktritt auf Oktober 2010 angekuendigt hat.

hans-rudolf merz

6. August 2010 in Bern: Bundesrat Hans-Rudolf Merz beim Verlassen der Medienkonferenz, an der er seinen Rücktritt auf Oktober 2010 angekuendigt hat.

Sechs Monate arbeitete Philippe Reichen mit Bundesrat Hans-Rudolf Merz an dessen Biografie, bevor der Bundesrat die Veröffentlichung plötzlich untersagte. Jetzt redet der Schreiberling erstmals über Merz und das verhinderte Buch.

Einsam sass er da, in mitten des Trubels eines 1.-August-Brunchs: Bundesrat Merz. Von allen Seiten gemustert und angestarrt, aber gemieden. 2007 war das. Einer der Gäste beschloss dann schliesslich doch noch, sich zum Finanzminister zu setzen. Es war Philippe Reichen, damals noch Journalist bei der «Appenzeller Zeitung».

Dass das daraus folgende Gespräch zur Arbeit an einer ganzen Biografie führen sollte, hatte aber nichts mit einer Begeisterung für die Person Merz zu tun. Reichen fiel auf, wie wenig er über den Appenzeller Bundesrat wusste.

Das reichte als Motivation, um in über 60 Gesprächen aus seinem Umfeld, Treffen mit dem Bundesrat selbst und durch Auswertung zahlreicher schriftlicher Quellen eine Biografie über Hans-Rudolf Merz zu erarbeiten.

Den Grund für den einsamen Merz beim Brunch fand Reichen schon bald. Ob dieser ein Einzelkämpfer sei, wisse er zwar nicht. Aber Merz sei gerne alleine. Schon als Kind beim Geschichten schreiben war das so. Heute beim Wandern. «Er kennt zwar sehr viele Leute, wirkliche Freunde aber hat Bundesrat Merz nicht», sagt Reichen in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger».

Der Supermensch

Eine der kuriosesten Entdeckungen, die Reichen bei seinen Recherchen machte, war ein Essay über die «elative Persönlichkeit». «Elativ» ist der absolute Superlativ, ohne vergleichbares Synonym, ohne Konkurrent.

Geschrieben hat Merz das Essay zwar während seiner Zeit am UBS-Ausbildungszentrum, wo er es womöglich dazu gebrauchte, um Eindruck zu schinden. Reichen reizte es jedenfalls lange, Merz zu fragen, ob er das Essay als ein Selbstbild sehe.

«Angespannter, emotionaler und gereizter»

Fest steht, dass Merz sein Leben lang für seinen Aufstieg arbeitete und seiner Karriere stets den Vorrang gab im Leben. Trotzdem musste er schon früh eingestehen, das Amt des Bundesrats unterschätzt zu haben: Zu schaffen macht ihm  «vor allem die Intensität, das ständige Gefordertsein vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Zur Zäsur kam es dann mit dem Herzstillstand und dem Präsidialjahr», so Reichen gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Seitdem sei Merz «angespannter, emotionaler und gereizter» gewesen.

Nach seiner Herzoperation musste Merz sein bevorstehendes Präsidialjahr innert drei Wochen vorbereiten. Eine Arbeit, die sich normalerweise über ein halbes Jahr erstreckt. Dazu kam der grosse mediale Druck, der damals herrschte.

Hier kommt der Punkt, an dem Merz Reichen anruft und ihm unter Androhung juristischer Schritte eine Verschiebung der Veröffentlichung der Biografie aufbrummt: Ohne das Präsidialjahr sei diese nicht komplett. Als neuen Termin gibt Merz das Frühjahr 2010 vor.

Das enttäuschende Präsidialjahr

Dann brach das Jahr 2009 an, das Jahr von Merz im Amt des Bundespräsidenten. Es sollte der Höhepunkt seiner Karriere werden. Stattdessen reihte sich in seinem Präsidialjahr Niederlage an Niederlage. In der Bankenkrise liess er die UBS zu lange walten, gegenüber Gaddhafi zog er den Kürzeren.

Das Zögern von Merz in der Bankenkrise erklärt sich Reichen mit der Appenzeller Herkunft von Merz: «Die ausserrhodischen Patrons genossen viel Freiraum, sorgten aber im Gegenzug freiwillig für das Gemeinwohl ihrer Arbeiter (...). Diese Selbstverantwortung hat Hans-Rudolf Merz geprägt. Deshalb erwartete er wohl, dass die UBS die Suppe selbst auslöffelt, die sie sich eingebrockt hat. Dadurch ging Zeit verloren, die ihm später fehlte.»

In der Libyen-Krise schätzte Merz Gaddafi falsch ein. Seine Entschuldigung für die Verhaftung von Gaddafis Sohn habe Merz aus Pragmatismus ausgesprochen. Während einem Kamingespräch mit Reichen bezeichnete Merz den Präsidenten Libyens denn auch als «Maske».

Eine «zu sehr auf die Person bezogene» Biografie?

Gegen Ende des Jahres forderte Merz dann Reichen dazu auf, ihm Fragen zu schicken. Jetzt sei der Zeitpunkt zur Veröffentlichung des Buchs gekommen, so Merz gegenüber Reichen. Doch nachdem dieser Merz seine Fragen gesendet hatte, hörte er lange nichts mehr vom Bundesrat.

Bis dann im Februar 2010 dessen Kommunikationschefin Tanja Kocher Reichen wissen liess, das Buch dürfe nicht erscheinen - weder jetzt noch in der Zukunft.

Offiziell wurde die dubiose Begründung angeführt, die Biografie sei «zu sehr auf die Person bezogen». Gegenüber Reichen wurde mit der Ansicht argumentiert, er hätte zu tagesaktuelle Fragen gestellt.

Für den Journalisten eine Schutzbehauptung: «Wahrscheinlich wollte man das Präsidialjahr nicht mehr in Erinnerung rufen. Dies, obwohl das Buch für Merz eine Chance gewesen wäre, das Jahr aus seiner Sicht zu analysieren.».

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