Unsicher
Wird unser Militär abgehört? Schweizer Armee setzt auf Verschlüsselungstechnik einer US-Spionagefirma

Die Armee verschlüsselt zentrale Teile ihrer Kommunikation mit einem Produkt der Firma Omnisec. Diese war von ausländischen Geheimdiensten unterwandert. Wird die Armee abgehört? Dafür gebe es keine Hinweise, sagt das VBS. Doch so sicher ist das nicht.

Stefan Schmid
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In einem Radpanzer bedient ein Soldat das BSG-93 von Omnisec (oben).

In einem Radpanzer bedient ein Soldat das BSG-93 von Omnisec (oben).

Mediathek VBS

Dichtes Schneetreiben in Davos. Soldaten der Führungsunterstützungsbasis der Armee (FUB) bringen Richtstrahlantennen in Position. Ein Mann mit dunkler Stimme erklärt im Off: «Die FUB ist für das unabhängige Kommunikationsnetz der Armee am WEF in Davos verantwortlich».

Kameraschnitt. Im Bild ein Bündelschlüsselungsgerät BSG-93 der Firma Omnisec. Damit werden Nachrichten verschlüsselt übermittelt. Auf dem Gerät ist ein Kleber mit der Aufschrift «CSA» angebracht. Die Abkürzung steht im Schweizer Militär für Chef Stab Armee. Der Film stammt aus dem Jahr 2016. Die Armee hat ihn zu Propagandazwecken gedreht. Er wurde auf Youtube fast 60'000 Mal angeschaut. Als Betrachter des Films stellen wir fest: Sogar der Chef Stab Armee kommuniziert am WEF über ein Gerät der Firma Omnisec.

Anfrage beim Verteidigungsdepartement (VBS) in Bern. Kann das VBS den Einsatz von Omnisec-Technologie in der Schweizer Armee bestätigen?

Wo, wie und ob überhaupt Geräte dieses Typs im Einsatz sind, unterliegt der Geheimhaltung.

Weitere Angaben kommuniziere man aus Sicherheitsgründen nicht. «Dies sind sensitive Informationen, die die Sicherheit der Schweiz betreffen.»

Zweifel sind angebracht

Geheim? Sensitiv? Kurze Recherche auf Facebook- und Instagram-Seiten von Armeeeinheiten, die für die Kommunikation zuständig sind: Soldaten und Offiziere (mit Maske, denn es ist September 2020) diskutieren vor einem Stapel Omnisec-Verschlüsselungsgeräten Einsatzpläne. Auf einer Skizze ist der Verwendungszweck des BSG-93 detailliert aufgezeichnet. Die Richtstrahlschule Kloten bildet gemäss ihrer Website «Soldaten und Kader für die militärische Swisscom aus. Landesregierung und Armee haben dank unserer Schule Soldaten, um sichere Verbindungen aufbauen und betreiben zu können».

Sichere Verbindungen? Zweifel sind angebracht. Die Lieferantin des BSG-93 ist die Zürcher Firma Omnisec. Diese war von ausländischen Geheimdiensten unterwandert, wie SVP-Nationalrat Alfred Heer, der Präsident der parlamentarischen Aufsichtskommission GPDel, auf Anfrage von CH Media sagt. Recherchen von «Rundschau», «WoZ »und «Republik» deckten im November auf, dass die von US-Geheimdiensten kontrollierte Omnisec in den Nullerjahren manipulierte Faxgeräte des Typs OC-500 an die Grossbank UBS sowie an die damaligen Schweizer Geheimdienste DAP und SND geliefert hatte. Gemäss dem Bericht der GPDel zur Firma Crypto, die manipulierte Chiffriergeräte unter Schweizer Mitwirkung an die halbe Welt verkauft hatte, habe der damalige VBS-Chef Samuel Schmid das Notwendige unternommen, um die erkannten Mängel in diesen Faxgeräten zu beheben.

Alfred Heer, SVP-Nationalrat und Präsident der parlamentarischen Aufsichtskommission GPDel.

Alfred Heer, SVP-Nationalrat und Präsident der parlamentarischen Aufsichtskommission GPDel.

Keystone

Doch was ist mit dem BSG-93, das in der Schweizer Armee weiterhin breit im Einsatz ist, Alfred Heer? Dazu könne er aus Geheimhaltungsgründen nichts sagen. In Bezug auf die Sicherheit von Omnisec-Produkten hält Heer generell fest: «Der Unterschied zwischen einem manipulierten und einem schlechten Gerät ist aber schwierig, eventuell gar nicht zu beweisen».

Das Unternehmen gab sich als topsolide Schweizer Firma aus

Das VBS wähnt sich auf der sicheren Seite: «Gemäss heutigem Kenntnisstand können Schwächen in den an Schweizer Behörden gelieferten Verschlüsselungssystemen ausgeschlossen werden.» Bloss: Dasselbe hatten die Schweizer Behörden in den 1990er und frühen Nullerjahren auch gedacht, als sie bei Omnisec Faxgeräte des Typs OC-500 eingekauft hatten. Immerhin gab sich das Unternehmen als topsolide Schweizer Firma aus, die frei von ausländischen Einflüssen operiere. Die Manipulation wurde Mitte der Nullerjahre ruchbar - zumindest für die zuständigen Stellen. Die Öffentlichkeit erfuhr davon erst im Herbst 2020.

Doch zurück zum geheimen BSG-93: Recherchen zeigen, es ist im Einsatz, beispielsweise zur Sicherung des Weltwirtschaftsforums in Davos. Oder zu Ausbildungs- und Übungszwecken bei der Richtstrahlschule 62 in Kloten. Weiter wissen wir, wie ein Blick in die jährlichen Rüstungsprogramme der Armee zeigt, dass seit den 1990er Jahren in verschiedenen Tranchen das Kleinrichtstrahlsystem R-905 beschafft wurde. Ursprünglich war dieses mobile Kommunikationssystem für das Integrierte Militärische Fernmeldesystem (IMFS) vorgesehen. Später wurde es aber auch für andere militärische Netze als «zuverlässiges Verbindungsmittel» eingesetzt. «Mit dem zum System gehörenden Bündelschlüsselungsgerät 93 biete es ein abhörsicheres und leistungsfähiges Mittel sowohl für mobile als auch ortsfeste Einsätze», heisst es im Rüstungsprogramm 2007.

Damit lässt sich festhalten: Die Schweizer Armee setzt zur Verschlüsselung wichtiger Kommunikationsnetze mehrere hundert BSG-93 der von ausländischen Geheimdiensten unterwanderten Firma Omnisec ein.

Der Rest ist geheim

Es sei Sache des Bundesrates, dafür besorgt zu sein, dass die Schweiz über sichere Geräte für die Kommunikation verfüge, sagt Nationalrat Alfred Heer, Präsident der GPDel. Diese habe dazu im Bericht zur Crypto AG Stellung genommen. «Sie können davon ausgehen, dass es für die GPDel eine wichtige Aufgabe ist, zu prüfen, was die Behörden und der Bundesrat unternehmen, um die Kommunikationskanäle sicher zu gestalten», sagt Heer.

Der Rest ist geheim. So geheim, dass das VBS nach Recherchen von CH Media allzu eindeutige Aufnahmen des BSG-93 aus seiner Mediathek verschwinden liess.

Übrigens: Finnland verzichtete gemäss Recherchen der «Rundschau» gegen Ende der Nullerjahre auf Omnisec-Produkte in militärischen und diplomatischen Netzen. Zu unsicher. Man habe lange darauf vertraut, dass Verschlüsselungstechnik aus der neutralen Schweiz sicher sei. In der Schweiz tut man das heute noch.