Gesundheit
Wird der Arztbesuch schon bald teurer?

Die Revision des Ärztetarifs Tarmed steht kurz vor dem Abschluss. Wegen Streitereien ist ihr Erfolg ungewiss.

Anna Wanner
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Wie viel darf ein Arzt für eine einfache Untersuchung abrechnen? Die Frage spaltet die Ärzteschaft und Versicherer.CHRISTIAN BEUTLER/Keystone

Wie viel darf ein Arzt für eine einfache Untersuchung abrechnen? Die Frage spaltet die Ärzteschaft und Versicherer.CHRISTIAN BEUTLER/Keystone

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Beim Branchenverband FMH hängt der Haussegen schief. Seit bald zehn Jahren ringen die Ärzte mit den Versicherern um die Revision des Tarmed, der den Lohn der Ärzte festlegt (siehe Kasten). Jetzt steht eine Lösung kurz bevor.

Bloss: Der Streit könnte auf der Zielgeraden das Reformpaket noch zum Absturz bringen. Zwar sind sich Versicherer, Ärzte und Spitäler (Tarifpartner) einig, dass die Struktur überholt ist, da einzelne Positionen klar unter- oder überbewertet sind.

So ist der technologische und medizinische Fortschritt oft nicht korrekt abgebildet: Der Versicherungsverband Santésuisse rechnet mit Einsparungen von rund 600 Millionen Franken pro Jahr.

Das Problem ist aber: Sobald in einem Bereich Kürzungen angesetzt werden, gehen die betroffenen Ärzte auf die Barrikaden. Ein Dilemma. Der Tarif kann nicht überarbeitet werden, ohne Einzelnen etwas wegzunehmen.

Wie Ärzte zu Lohn kommen

Seit 2004 ist der Ärztetarif Tarmed in Kraft. Er bewertet gut 4600 Einzelleistungen von Praxisärzten oder Ärzten, die in Spitalambulatorien arbeiten. Jede Leistung hat eine eigene Taxpunktzahl und kann einzeln in Rechnung gestellt werden. Wie viel tatsächlich vergütet wird, ist aber von Kanton zu Kanton unterschiedlich: Der Taxpunkt wird mit den kantonal festgelegten Taxpunktwerten multipliziert. Während die Zahl der Taxpunkte national definiert sind, muss der Wert zwischen kantonalen Ärztegesellschaften und Versicherern separat ausgehandelt werden. Die Revision des Tarmed fokussiert ausschliesslich auf die Taxpunkte, die gemäss Santésuisse heute bis zu fünf Mal zu hoch angelegt sind.

12 Prozent mehr Prämien?

Wer muss abspecken, wer wird durch die Revision gestärkt? An dieser Frage droht nicht nur die FMH zu zerbrechen, sondern auch die Revision zu scheitern.

Rund 6000 Änderungsanträge sind zum Reformprojekt eingegangen. Kaum eine Fachgesellschaft scheint mit den Vorschlägen zufrieden gewesen zu sein.

Angesichts der vielen Einzelinteressen wird vermutet, das Tarifsystem werde aufgebauscht. Wie Recherchen der «Schweiz am Sonntag» ergeben haben, soll die Revision bis zu einer Milliarde Franken mehr kosten. Das wären vier Prämienprozente pro Person – ohne erkennbare Zusatzleistung.

Der ewige Streit

Vor zwei Tagen wurde die überarbeitete Version veröffentlicht. Die betroffenen Ärztegesellschaften rechnen derzeit aus, welche finanziellen Auswirkungen diese auf die Fachärzte hätte und entscheiden erst dann, ob sie dem Paket zustimmen wollen.

Der Fahrplan sieht so aus: Anfang April befragt der Spitalverband H+ seine Mitglieder. Da Spitalärzte einen festen Lohn haben, sind sie am geringsten von der Revision betroffen.

Die kritische Phase folgt mit der Befragung der Ärzteschaft. Sie wird voraussichtlich Anfang Mai eine Urabstimmung halten. Das heisst, sämtliche FMH-Mitglieder entscheiden demokratisch, ob sie der Revision zustimmen.

Wie eingangs erwähnt, ist die Ärzteschaft zerstritten, der Ausgang der Abstimmung offen. Denn die Hausärzte sind seit Einführung des Tarifs 2014 der Ansicht, sie seien über den Tisch gezogen worden.

Für vergleichbare Leistungen erhalten sie weniger Geld. Diese Ungerechtigkeit wollen sie aus der Welt geschafft haben. Die Revision sieht das so vor.

Ein Grossteil der Spezialärzte will hingegen am System festhalten, wie Markus Trutmann sagt. Er ist Generalsekretär der FMCH, der Fachgesellschaft der Chirurgen.

Bei der Reform stelle sich nicht die Frage, welche Ärzte bessergestellt werden sollen, sondern ob die Leistungen heute «sachgerecht», also wirtschaftlich, seien. Die FMCH, welche die Reformpläne kritisiert, lässt noch offen, ob sie die Nein- oder Ja-Parole herausgeben wird.

Der Weg aus dem Dilemma

Es scheint ausweglos: Dank der Revision sollen jene, die heute wenig verdienen, mehr erhalten.

Gleichzeitig sollen Gutverdiener nicht verzichten müssen. Laut Verena Nold, Direktorin von Santésuisse, kann die Lösung deshalb nur teuer werden. Für sie ist klar: «Da machen wir nicht mit. Sonst müssen die Versicherten noch mehr zahlen.» Santésuisse habe immer gesagt, einer Reform werde nur zugestimmt, wenn diese keine Mehrkosten verursache.

Ganz so schwarz, wie Santésuisse die Situation malt, ist sie nicht. Denn die Verhandlungspartner FMH, Spitalverband H+ und die Tarifkommission der Unfallversicherer (MTK) haben das System komplett neu aufgestellt.

Dazu haben sie eigens eine AG gegründet. Entgegen der Befürchtung von Verena Nold stellen sie eine kostenneutrale Reform in Aussicht.

Trotz vieler Neuerungen sei gewährleistet, dass der Systemwechsel zu keinen Mehrkosten führen werde, verspricht H+-Direktor Bernhard Wegmüller. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die neue Struktur so normiert, dass sie nicht mehr kostet als die alte.

Wer bezahlt die Zeche?

An diesem Punkt driftet die Diskussion definitiv in technische Details ab.

Wichtig ist vor allem aber die Frage: Was bedeutet diese Tarifreform für den Prämienzahler? Und wie schlimm wäre ein Scheitern?

Die gute Nachricht ist: Gesetz und Bundesrat geben vor, dass der Systemwechsel kostenneutral erfolgen muss, die Prämien dürfen nicht steigen.

Allerdings sind die Auswirkungen der Änderungen überhaupt nicht absehbar. Jeder Arzt entscheidet für sich, welche Leistungen nötig sind und was er abrechnet.

Während H+, Curafutura und zumindest ein Teil der Ärzteschaft ein Scheitern vermeiden wollen, hält Santésuisse einen Absturz der Reform für verkraftbar. «Ein Grund zur Panik gibt es nicht», sagt Nold. Wichtiger sei es, jede Verschlechterung für den Prämienzahler abzuwenden.

Falls tatsächlich alle oben erwähnten Verhandlungspartner der Reform zustimmen, kann Santésuisse sie kaum mehr aufhalten.

Voraussichtlich Ende Juni wird sie dem Bundesrat zur Genehmigung vorgelegt. Scheitert sie, wird der Bundesrat prüfen müssen, ob er eigenmächtig Änderungen erlassen soll.

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