Hast du Lust auf Seelenstriptease?

Stephan Guntli: Puh! Ich werde das Interview später ja noch autorisieren!



Hast du mich je dafür verachtet, dass ich Militärdienst geleistet und beim «Blick» gearbeitet habe?

Ich denke, der Altersunterschied zwischen uns ist zu gross, als dass ich dich dafür verachten würde. In der Zeit, als ich vor dieser Frage stand und als du vor dieser Frage standest, habe ich mich entwickelt und bin toleranter geworden. Ausserdem haben sich die allgemeine Lage und das Verhältnis zum Militär in diesen elf Jahren gewandelt. Wärst du aber gleich alt wie ich, hätte ich dich für den Militärdienst verachtet.

Und der «Blick»?

Eine schwierige Frage. Ich würde das, was ich für «Stern-TV» mache, und den «Blick» nicht vergleichen, auch wenn beide das ganz grosse Publikum ansprechen. Ich bin ja zufälligerweise zu «Stern-TV» gekommen. Früher habe ich für Sendungen wie den «ARD-Kulturweltspiegel» gearbeitet, die in intellektuellen Kreisen hoch angesehen waren. Wer vom «Kulturweltspiegel» kam, war jemand und wurde auch dementsprechend hofiert. Ich war beispielsweise der einzige deutsche Journalist, der nach Hollywood zur Vorpremiere von «Waterworld», dem damals teuersten Film, eingeladen wurde. Aber die Einschaltquoten solcher Sendungen sind im Vergleich zu «Stern-TV» ein Klacks. Oder wer sieht sich heute Dieter Moors Sendung «titel, thesen, temperamente» an? Nach meinen ersten Beiträgen für «Stern-TV» sass ich in einer Beiz und hörte am Nebentisch, wie zwei Leute über meinen Beitrag sprechen. Ich hab meine Suppe weitergelöffelt und fand das einfach nur geil. Etwas zu machen, was nicht übersehen werden kann, find ich schon spannend. Deshalb kann ich auch verstehen, wenn jemand für den «Blick» arbeitet.

Ich wollte eigentlich den «Blick» aus einem anderen Grund ansprechen. 1978 warf unser Vater während eines Familien-Picknicks in den Bergen eine Granate, durch deren Explosion sein Freund gestorben ist. Der «Blick» hat damals reisserisch berichtet und suggerierte, unser Vater habe vorsätzlich getötet. Hattest du nie Ressentiments gegenüber dieser Zeitung?

Meine Ressentiments gegenüber dieser Zeitung waren schon viel früher da und wurden durch diese Geschichte nur bestätigt. So nach dem Motto: Das ist doch eh die Zeitung, die als Ärzte verkleidete Journalisten ins Krankenhaus schickt, um aus einem Patienten eine gute Story herauszuholen. Deshalb hat mich die Berichterstattung über jenen Unfall nicht erstaunt. Aber dass meine eigene Familie Opfer dieses «Revolverblattes» geworden ist, hat mich sensibilisiert für meine eigene journalistische Arbeit - hoffe ich zumindest.

Hat dich der Unfall überhaupt tangiert?

Natürlich, da wurde man häufig mit so einem gespielten Mitgefühl konfrontiert wie: du armer Junge. Halt, jetzt muss ich aber aufpassen, dass ich den Unfall und den Tod des Vaters nicht vermische, auch wenn ich einen Zusammenhang sehe.

Ich auch.

Also der Unfall. Ich war zu diesem Zeitpunkt in Finnland und wurde telefonisch informiert. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, in eine Diskussion verstrickt worden zu sein, in der es darum ging, ob Vater sich eine Schuld aufgeladen hatte.

Und, hatte er Schuld auf sich geladen?

Ich habe ihm fast alles vorgeworfen, was man einem Vater vorwerfen kann. Aber in diesem Zusammenhang habe ich ihm nie etwas vorgeworfen. Vorsatz schon gar nicht. Jetzt schaust du mich so fragend an. Ich war nicht dabei, kann dir also nur aus Erzählungen berichten.

Ich war damals sechs Jahre alt und dabei, habe aber keine Erinnerungen mehr.

Soll ich dir erzählen, was ich gehört habe?

Ja.

Also. Vater, Mutter, du und ein befreundetes Ehepaar und deren Sohn waren auf einer Wanderung im Toggenburg. Auf einer Alp, die teilweise militärisches Sperrgebiet ist, habt ihr ein Picknick gemacht. Der andere Mann hat eine Panzerfaust gefunden, unseren Vater aus dem Mittagsschlaf geweckt und ihm seinen Fund präsentiert. Vater nimmt sie in die Hand, der andere Mann kriegt Panik und fordert ihn auf, die Panzerfaust wegzuwerfen. Vater wirft sie weg in eine Bodenvertiefung, die Panzerfaust explodiert und reisst dem anderen Mann das Hirn aus dem Kopf. Ein Ballistikexperte hat gesagt, dass ihr alle tot gewesen wärt, wenn die Granate auf einer Wiese explodiert wäre.

Du siehst auch einen Zusammenhang zwischen dem Unfall und seinem Krebstod drei Jahre später?

Es gab damals ein populäres Buch von Fritz Zorn, das «Mars» hiess. Er hat die These vertreten, dass Krebs eine psychosomatische Krankheit ist. Sich der Körper gegen sich selbst wendet und sich selbst zerstört. Genau dieses Phänomen ist Vater passiert. Dass er mit seinen eigenen Vorwürfen, und nicht mit denen von aussen, nicht fertig geworden ist.

Was aufgrund seines Naturells nicht verwundert.

Bis auf ein paar Äusserlichkeiten kann ich nicht sagen, wer er war. Er war begeisterter Schütze, ging gerne wandern und sah noch besser aus als ich. Er hat sich nicht nur mir, sondern allen drei Söhnen verschlossen. Wovon er geträumt hat, was seine Lebensperspektiven waren? Keine Ahnung.

Bereust du, nicht mehr über ihn zu wissen?

Als ich mit 21 nach Berlin kam, sah ich es als riesige Befreiung, keinen Vater zu haben, weil ich nichts abarbeiten musste. Später war es Gleichgültigkeit. Erst, seit meine Tochter auf der Welt ist, denke ich wieder öfter über ihn nach. Ich finde es irgendwie schade, dass er meine Tochter nie kennen gelernt hat.

Ich bin als Einjähriger in die Familie gekommen. Wie hast du das in Erinnerung?

Du warst das dritte Pflegekind. Die anderen beiden waren etwa ein Jahr bei uns. So gesehen, warst du einfach der Neue für mich. Ich habe schon eine gewisse Zeit lang einen Unterschied zwischen dir und meinem leiblichen Bruder Thomas gemacht. Doch dieser Unterschied wurde von Jahr zu Jahr kleiner. Spätestens, als ich einen gewissen Seelengleichklang zwischen uns entdeckt habe, war es für mich keine Frage mehr, ob du mein Bruder bist oder nicht. Eine Zeit lang warst du der einzige nähere Verwandte, den ich mir auch freiwillig ausgesucht hätte. Du warst wie ein Geschenk für mich.

Du bist 1982 nach Berlin ausgewandert, um Philosophie zu studieren. Ich dachte damals: Dank dem Erbe kann er sich Rock 'n' Roll leisten.

Das habe ich damals aber nicht so gesehen. Wirtschaftlich gesehen war der Tod unseres Vaters der Humus für meinen Weg.

Ich habe weniger Weg und mehr Rock 'n' Roll respektive Punk in Erinnerung, was deine erste Zeit in Berlin betrifft. Mehr Party und weniger Studium.

Nein, das stimmt nicht. Also fünf Semester Philosophie hab ich schon durchgezogen. Ich war nicht nebenbei noch Student, nur weil es chic war. Dass es etwas anders gekommen ist, hat sich entwickelt. Vier Jahre habe ich mit dem Luxus gelebt, auf Studenten-Niveau durchzukommen, ohne viel Geld verdienen zu müssen.

Was war in der ersten, auch wilden Berliner Zeit entscheidend für den weiteren Weg?

Einerseits habe ich das gemacht, was ich schon von klein auf am häufigsten gemacht habe; was schon von klein auf meine Fluchtwelt gewesen ist. Ich habe gelesen. Lesen ist das, was mich bis heute am meisten prägt. Nietzsche hat mich durch die Radikalität seines Denkens unglaublich beeinflusst. Aber auch Sartre.

Erzähl.

Wir beide sind doch in einer streng evangelischen Welt aufgewachsen. Das manifestiert sich in Aussagen der Grossmutter. Wenn es um grosse Fragen wie den Sinn des Lebens ging, sagte sie: «Solche Probleme hatten wir nicht, denn wir mussten arbeiten.» Das war das eine. Und dann hatte sie noch eine wunderbare Formulierung, wenn man nur herumhing, also nichts Konkretes gemacht hat. «Das ist dem Herrgott die Zeit gestohlen.» Das war so etwa das Schlimmste, was man tun konnte. Sowohl Nietzsche, Sartre wie auch Camus haben Dinge geschrieben, die eine derart grosse Sprengkraft hatten, dass ich dachte: Darf man solche Worte aufschreiben, ohne dass einen der Blitz trifft? Und dann war ich in Berlin, wo alles ging, wo es besetzte Häuser gab. Und es gab auch die Band Einstürzende Neubauten, die mit Klängen faszinierende Musik machte. Ein Satz von denen, «keine Schönheit ohne Gefahr», kann ich tausendmal unterschreiben.

Waren Einstürzende Neubauten die Schnittstelle vom Student zum Filmemacher?

Im allerweitesten Sinne ja. Wir lebten in einer Zeit der Grossdemonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss, des geteilten Berlins, des Reagan-Besuchs, der Hausbesetzungen, der Strassenkämpfe. Die eine Komponente war die Politisierung auf der Strasse. Die andere das Medium Video, das eben aufgekommen ist. Die Gedanken und Vorstellungen der Jugendbewegung, der ich auch angehörte, fanden im Medium Fernsehen kaum statt. Video war für uns die Chance zur Gegenbewegung. Dadurch gab es eine Initiative mehrerer Berliner Beizen, die ein eigenes Video-Programm auf die Beine stellten. «Schrägspur», ein monatliches Magazin, war unser erstes Projekt und wurde in diesen Beizen, die während der Vorführungen brechend voll gewesen sind, gezeigt.

So bist du in die Musikszene geschlittert und hast die ersten Clips gedreht?

Ja. Es gab vor Einstürzende Neubauten aber noch eine andere Band, deren Name ich vergessen habe. Aber mit Blixa Bargeld und seiner Band habe ich beruflich sehr viel Zeit verbracht, woraus sich Freundschaften entwickelt haben.

Mit wem hattest du sonst noch zu tun?

Relativ früh habe ich Nina Hagen kennen gelernt, Annette Humpe, damals Frontfrau von Ideal. Und den Gitarristen von Nena.

Nick Cave und David Bowie?

Bowie war schon nicht mehr in Berlin. Aber Cave, klar. Ich habe ihn durch seine Freundin kennen gelernt. Ich habe mehrere Interviews mit ihm gemacht und einen Konzertfilm. Den Promi-Höhepunkt erlebte ich, als wir U2 im Club «Dschungel» trafen und Bono gefragt haben, ob wir das Konzert zwei Tage später aufzeichnen dürfen. Wir waren uns mit Bono bereits einig, dann kam leider der Manager.

Hast du dich vor der Wende eingesperrt gefühlt? Oder war West Berlin eine Oase?

Eher das Zweite. Es sind ja wahnsinnig viele junge deutsche Männer nach Berlin gezogen, um dem Fahnenappell zu entgehen. Dass Berlin auch von der BRD ein Stück weit abgekapselt war, machte den Reiz dieser Stadt aus. Trotzdem war meine Sicht auf die DDR und die Beurteilung dieses Systems gekennzeichnet durch eine Grundsympathie und der Bereitschaft, zumindest ein Auge angesichts des Überwachungsapparats zuzudrücken. Ich wollte nie in der DDR leben. Aber ich fand es ein faszinierendes Experiment.

Eine romantisierte Sicht auf die DDR?

Absolut. Ich war damals beinahe so weit, die Zustände in der DDR als notwendiges Übel auf dem Weg hin zu einem besseren Staat zu sehen - total unverzeihlich im Nachhinein.

Wo warst du, als die Mauer fiel?

Am Abend des 9. November war ich dabei, fürs Kulturprogramm einen Beitrag über ein Kurzfilmfestival zu schneiden. Ich weiss nicht mehr, wann der erste in den Schneideraum kam und uns sagte, die Mauer sei gefallen und wir müssten aus Gründen der aktuellen Berichterstattung bald den Schnittplatz räumen. Ich hab den Typen überhaupt nicht ernst genommen. Irgendwann wurde es immer massiver, bis ich die Tür abschliessen musste, um meine Arbeit zu beenden. Das ging dann etwa bis 24 Uhr, ehe sie uns fast mit Gewalt vom Schnittplatz entfernten.

Und dann hast du es realisiert?

Ja. Es gab am Kudamm ein Einkaufszentrum, in dem die Rolltreppen noch in Betrieb waren. Die Decke war verspiegelt. Und die DDR-Bürger sind auf der Treppe rauf und runter gefahren und haben sich staunend im Spiegel beobachtet. Das ist mein Lieblingsbild dieses Abends.

Aus der Oase ist eine ordinäre Stadt geworden. Was hält dich noch in Berlin?

Für die ersten fünf Jahre nach der Wende habe ich eine Erklärung: Das war eine unglaublich spannende Zeit, eine Zeit der Pioniere, der Goldgräber, aber auch ekliger «Kriegsgewinnler». Es war die Zeit des Aufbruchs. Berlin ist nach wie vor die turbulenteste deutsche Stadt. Aber du hast schon recht: Berlin ist eine normale Stadt geworden, sie ist verwestdeutschlandet.

Eigentlich läuft es bei dir ähnlich wie bei den Alt-68ern, die heute in der FDP sind. Früher hast du politisches Fernsehen gemacht, heute bewegst du dich im Mainstream. Die Einschaltquote heiligt alle Mittel?

Bei den 68ern gab es den strategischen Ansatz «der Marsch durch die Institutionen». Statt etwas zu bekämpfen, wirst du Teil davon, änderst es von innen, ohne deine Orientierung zu verlieren. Das würde ich auch mir bis heute auf die Fahne schreiben. Ich habe gelernt, mit welchen Mitteln ich meine Anliegen verpacken muss, damit es quotenmässig funktioniert.

Wo ist der politische oder philosophische Ansatz deiner Arbeit, wenn du mit versteckter Kamera Fahrraddiebstahl dokumentierst?


Schlechtes Beispiel!

Nenn ein besseres?

Ich habe mich in meinen Reportagen, Features und Beiträgen immer wieder mit gesellschaftlich relevanten Themen wie Zivilcourage, Ausländerfeindlichkeit, Alkoholismus, Bildungsmisere und soziale Gerechtigkeit befasst. Oft auf eigene Art und Weise, oft auch mithilfe der versteckten Kamera.

Was löst du damit aus?

Ich picke mal ein Beispiel aus den letzten fast 20 Jahren mit versteckter Kamera heraus. Vor etwa 7 Jahren haben ein paar Türken von der bayerischen Regierung eine Zivilcourage-Auszeichnung erhalten, weil sie brisanterweise einem Griechen geholfen haben, der von anderen verhauen wurde. Als sie gefragt wurden, weshalb sie (dem Griechen) geholfen haben, antworteten sie: Sie hätten bei Stern-TV einen Beitrag gesehen, in dem eine junge Türkin verprügelt wurde, ohne dass ihr jemand geholfen hätte. Damals hätten sie sich geschworen: Wir würden eingreifen!

Wie gross ist der voyeuristische Ansatz bei der Arbeit mit versteckter Kamera?

Ich finde Voyeurismus per se nichts Schlechtes. Ich bin ja nicht gekommen und habe gesagt, Kurt Felix ist auch Schweizer und auch er hat mit versteckter Kamera gedreht. Nein, Quatsch. Es war die Verzweiflung eines Fernsehjournalisten, der immer, wenn er mit einer Kamera irgendwo hinkam, die Realität verändert hat. Als schreibender Journalist bist du einer in der Masse, da fällst du nicht auf. Aber als TV-Journalist ist wegen der Kamera immer ein Scheinwerfer auf dich gerichtet. Ich habe mich in so vielen Interviews verarscht gefühlt, weil der Interviewte nicht ehrlich war. Mein Ansatz war: Wie schaff ich es, die Realität abzubilden? Das authentische Verhalten von Menschen ist nur sichtbar, wenn sie nicht wissen, dass sie beobachtet werden. Aber teilweise war es auch nur lustig, mit versteckter Kamera zu drehen. Wobei es mir nie darum geht, einzelne Menschen zum Gespött zu machen.

Dani Levy, ebenfalls ein Schweizer, ist etwa zur selben Zeit nach Berlin gekommen. Er ist im deutschen Kino ein angesehener Regisseur, während du dein Talent mit seichter TV-Unterhaltung vergeudest.

Dicke Post. Ich habe seit 25 Jahren nicht mehr versucht, etwas fürs Kino zu machen.

Warum?

Sicher gab es Kreuzungen, an denen ich falsch abgebogen bin. Aber alles, was mit Prominenz zu tun hat, ist mir unangenehm. Früher, als er noch Stern-TV moderierte, bin ich häufiger mit Günther Jauch von Berlin nach Köln geflogen. Und ich war jedes Mal unendlich froh, dass die Leute ihm und nicht mir hinterher gerannt sind. Ich gebe zu, dass ich hin und wieder darüber sinniere, vermehrt künstlerisch tätig zu sein. Aber ich mache mir mehr Gedanken über ein Buch als über einen Spielfilm. Und - wer weiss - vielleicht merkt das Schweizer Fernsehen bald, was ihm entgeht, wenn man mir nicht einen spannenden Job in meiner Heimat anbietet.