Herr Zbinden, die Fachhochschulen sind eine Erfolgsgeschichte. Alle wissen das, alle sagen das. Sie haben rasanten Zulauf – ein Steigerungslauf auf 70000 Studienplätze an sieben Hochschulen innert rund 15 Jahren.

Professor Hans Zbinden: In der Tat. Die Fachhochschulen sind in der breiten Öffentlichkeit zu einer Art «helvetischen Musterhochschulen» geworden, vor allem, weil sie auch kurzfristig einen messbaren wirtschaftlichen Nutzen erbringen. Dazu haben sie für eher bildungsferne soziale Schichten und ländliche Regionen einen lange gewünschten Hochschulzugang geschaffen. Und – last but not least – werden sie durch ihre wirtschaftlich-gewerbliche Einbettung kaum zu unberechenbaren Generatoren neuer politischer Theorien und Bewegungen. Nur so waren sie in der Lage, in unserem eher bildungsskeptischen, aber ausbildungsfreundlichen Land innert kürzester Zeit so viel Vertrauen und Goodwill zu schaffen.

Wo rundum Applaus ist, wo lauter Gewinner sind, da kann auch Selbstgefälligkeit Einzug halten.

Die Gefahr ist zumindest nicht von der Hand zu weisen. In letzter Zeit wurden die Entwicklungen der Fachhochschulen von aussenstehenden Experten durchleuchtet. Sie kamen zum Schluss, dass sie nicht nur sehr schnell gewachsen sind, sondern sich in ihrem regionalen und wirtschaftlichen Umfeld ganz unterschiedlich entwickelt haben. Der Gesetzgeber ging ursprünglich von einem recht standardisierten Hochschultypus aus.

Wie äussert sich das konkret?

Für den schnellen Aufbau und die weitgehend fehlende öffentliche Begleitkritik bezahlen die Fachhochschulen einen hohen Preis. Längerfristig zu hoch, wie ich meine. Denn bis heute kamen sie nicht dazu, im Spagat zwischen Wissenschafts- und Praxisansprüchen eine unverkennbare eigene Hochschulkultur zu erarbeiten. Eine solche Kultur aber bildet erst die Klammer und das Klima für eine verbindliche Gemeinschaft aller Hochschulangehörigen.

Haben die Fachhochschulen und ihr leitendes Personal da etwas verpasst – oder liegt eventuell ein Konstruktionsfehler vor?

Die meisten Fachhochschulen entstanden aus von oben her verfügten Zusammenlegungen und Weiterentwicklung früherer Höherer Fachschulen. Eine grundlegende Strukturreform und -bereinigung fand bei diesem Aufwertungsprozess kaum statt. Wohl vor allem deshalb verläuft der Integrationsprozess von früher selbstbezogenen Teilhochschulen hin zu einem Hochschulganzen zum Teil recht harzig. Eine Einheit muss eben nicht nur strategisch, führungsmässig, organisatorisch, finanziell und logistisch gelingen, sondern – wie erwähnt – auch kulturell. Es ist noch nirgends wirklich gelungen, eine standort- und fachbereichsübergreifende Hochschulkultur zu entwickeln.

Die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) gilt vielerorts als Pioniertat und als Katalysator für ein Zusammenrücken von vier Kantonen, die zuvor oft etwas Mühe miteinander hatten. Gilt Ihre Diagnose fehlender gemeinsamer Identität auch für die FHNW?

Ich habe bis vor kurzem selber in der Direktion der FHNW gearbeitet. Ich anerkenne die grossen Bemühungen, die für ein Zusammenwachsen geleistet werden. Trotzdem frage ich mich, wie gross der politische und hochschulinterne Wille tatsächlich ist, eine ganzheitlich denkende, integrale Hochschule zu schaffen. So werden zurzeit rund drei Viertel Milliarden Franken investiert, um in jedem einzelnen der vier Kantone einen eigenen Campus zu errichten: in Brugg-Windisch, Olten, Muttenz und Basel-Dreispitz. Das macht für mich eher den Eindruck, als wolle jeder Kanton seine Hochglanz-Visitenkarte präsentieren. Der ursprüngliche Gründungsgedanke – schaffen wir eine gemeinsame Hochschule als Sinnbild und Motor für eine zusammenwachsende Region Nordwestschweiz – scheint mit dem Kantons- und Bereichsdenken etwas in den Hintergrund gedrängt zu werden.

Fachhochschulen und Universitäten – ein nicht ganz einfaches Verhältnis. Der Gesetzgeber will, dass sie «gleichwertig, aber nicht gleich» sind. Wollen die Fachhochschulen zu stark wie Universitäten sein?

Die traditionsbewussten Universitäten, entstanden über Jahrhunderte, haben mit ihrer Wissenschaftskultur und öffentlichen Reputation nach wie vor – wenn auch unausgesprochen – eine Leitbildfunktion für die Fachhochschulen. Anderseits orientieren sich die FH stark an der Berufsbildung und deren Tradition sowie an den regionalen, primär wirtschaftlichen, berufsständischen und politischen Kontexten. Dieser Spagat ist nicht leicht auszuhalten.

Einführung der Doktoratsstufe auch an den FH – was halten Sie davon?

An diesem Thema kann man das Gesagte schön illustrieren: Die dritte akademische Stufe nach Bachelor und Master auch an den FH – ja, warum nicht? Aber sie sollten versuchen, nicht einfach dasselbe zu machen wie die Universitäten, sondern selbstbewusst ein eigenes, zeitgemässes Doktorat zu definieren, etwa unter dem Motto: weniger lange Liste von Fachpublikationen – dafür mehr Kompetenzen im Führen von Lehr- und Forschungsprojekten.