Bern
«Wir sind keine Sterbefabrik»

Eine jährlich zu aktualisierende kantonale Statistik der Suizidbeihilfen durch Organisationen – das fordern Grossräte der EVP. Es sei alles legal, erklärt «Ex International».

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Sterben

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Berner Rundschau

Bruno Utz

«Unsere Forderung ist präventiv. Wir wollen Diskussionen verhindern, wie sie die Sterbehilfeorganisationen Dignitas und Exit im Kanton Zürich auslösen», sagt Ruedi Löffel (EVP/Münchenbuchsee). Der Grossrat hat zusammen mit Erstunterzeichner Daniel Steiner (EVP/Langenthal) die Motion «Suizidbeihilfe im Kanton Bern» eingereicht. Deren Ziel ist eine jährlich zu aktualisierende Statistik der Suizidbeihilfen durch Sterbehilfeorganisationen. Das Zahlenwerk soll Auskunft geben, welche Organisation den Freitod begleitet hat.

Bundesrat uneins, Nationalräte drücken

Der Bundesrat will zum Umgang mit Sterbehilfeorganisationen eine Vernehmlassung mit verschiedenen Vorschlägen ausarbeiten, liess dieser vergangene Woche verlauten. Im Januar hatte Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf angekündigt, Sterbehilfeorganisationen sollen in der Schweiz tätig sein dürfen, Voraussetzung sei allerdings, dass sie nicht aus finanziellen Interessen handeln und klare ethische Grundsätze einhalten. Wie diese aussehen könnten, formulierte EVP-Nationalrat Hansruedi Aeschbacher (ZH) in seiner im Oktober 2008 eingereichten Parlamentarischen Initiative. diese haben auch die Berner SVP-Nationalräte Jean-Pierre Graber und Erich von Siebenthal (SVP) sowie Walter Donzé (EVP) mitunterzeichnet. Sie verlangen eine Gesetzesänderung, dass nur «selbstlose, absolut unentgeltlich geleistet Suizidhilfe straffrei bleiben soll und dafür auch kein Geld, keine Vermächtnisse, Geschenke oder andere geldwerte Leistungen vom Suizidbeihelfer, seinem Umfeld oder einer involvierten Suizidhilfeorganisation entgegengenommen werden dürfen». Der Vorstoss wurde noch nicht behandelt. (uz)

Sterbetourismus verhindern

Ebenfalls enthalten sein soll der Wohnkanton beziehungsweise die Nationalität der in «den Selbstmord» begleiteten Personen. Weitere Motionspunkte betreffen den Grund der Suizidbeihilfe, die Anzahl der Ermittlungsverfahren durch die Untersuchungsrichterämter und die Zahl der danach eingeleiteten Strafverfahren. «Wichtig ist uns zudem, dass der Regierungsrat die rechtlichen Grundlagen erarbeitet, damit Sterbetourismus verhindert werden kann. Es ist unschön, dass Ausländer in unseren Kanton kommen, um in ihren Herkunftsländern geltende Gesetze zu umgehen», sagt Grossrat Löffel.

«Politiker haben keine Ahnung»

«Die Politiker haben offenbar keine Ahnung, wie die Sterbehilfe abläuft», erklärt Peter Widmer. Er ist seit 1997 Sterbebegleiter von Ex International. Der rund 800 Mitglieder zählende Verein mit einer Sterbewohnung im Grossraum Bern wurde vom ehemaligen Leiter von Exit Schweiz, Rolf Sigg, gegründet. «Wir sind keine Sterbefabrik. Zu uns kommen Leute, die eine lange Leidenszeit mit Schläuchen und ähnlichem als menschenunwürdig erachten», sagt Widmer. Wer hingegen den begleiteten Freitod als menschenunwürdig bezeichne, der müsse sich die Alternativen überlegen. Widmer: «Das sind von einer Brücke springen oder sich unter den Zug werfen.» Sterbebegleiter von Ex International führten mit den Betroffenen persönliche Gespräche. Häufig seien sogar Angehörige dabei. Wer nicht zu uns kommen kann, wird besucht; auch im Ausland.»

Statistiken seien nicht notwendig. Jeder Fall werde von den Behörden genau abgeklärt. «Nach jedem Suizid schalten wir die Polizei ein. Der kriminaltechnische Dienst und ein Arzt der Rechtsmedizin untersuchen den ganzen Körper, ob alles legal abgelaufen ist. Und am Schluss muss ein Untersuchungsrichter den Leichnam freigeben.»

Bisher habe «Ex International» im Durchschnitt jährlich acht Menschen in den Freitod begleitet. Derzeit seien es etwa zwei Menschen pro Monat, darunter auch Schweizer. «Wir arbeiten ehrenamtlich», antwortet Widmer auf die Frage nach finanziellen Interessen. Sie erhielten einzig effektive Spesen abgegolten. Den Hinterbliebenen würden zudem die Kosten für den Vertrauensarzt, der das Rezept für das das «einschlaf-Medi» Natrium-Pentobarpital austellt und die Ausgaben für die Bestattung verrechnet. Widmer nennt durchschnittliche Kosten von insgesamt 4200 Franken.