IKRK
«Wir sind als Einzige im Kampfgebiet tätig»

Es sei auch eine Last, dass das IKRK oft als einzige humanitäre Organisation in einem Konflikt helfen könne, sagt Kellenberger. Und er lobt den IKRK-Delegierten Andreas Notter, der drei Monate in den Händen von Rebellen war.

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Jakob Kellenberger

Jakob Kellenberger

Zur Verfügung gestellt

Von Christian Dorer und Philipp Mäder

Der IKRK-Mitarbeiter Eugenio Vagni ist seit vier Monaten in den Händen der philippinischen Rebellen. Was wissen Sie über sein Schicksal?
Jakob Kellenberger: Wir wissen, dass er am Leben ist. Das ist das Entscheidende. Wir wissen aber auch, dass er gesundheitliche Probleme hat.

Was machen Sie, um ihn zu befreien?
Kellenberger: Wir aktivieren alle unsere Kontakte und wirken darauf hin, dass Aktionen unterbleiben, die sein Leben gefährden könnten.

Hat dieses Netzwerk auch bei Andreas Notter genützt, der vor kurzem freikam, nachdem er drei Monate in den Händen der gleichen Rebellen war?
Kellenberger: Ja, bei ihm sind wir gleich vorgegangen.

Andreas Notter erzählte uns, er sei plötzlich allein im Urwald gestanden. Das tönt fast unglaublich . . .
Kellenberger: Sie haben Recht. Es zeigt, dass man immer auch etwas Glück braucht. Er hatte das Glück des Tüchtigen und zudem im entscheidenden Moment richtig reagiert.

Zur Person

Der Appenzeller Jakob Kellenberger (64) begann 1974 als Diplomat für das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) zu arbeiten und übernahm verschiedene
Posten innerhalb Europas. Zudem leitete er als Chefunterhändler die Verhandlungen der Schweiz mit der
Europäischen Union zu den Bilateralen Verträgen I zwischen der Schweiz und Europa. Seit dem Jahr 2000 ist Kellenberger
Präsident des heute rund 12000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählenden Internationalen Komitees
vom Roten Kreuz (IKRK). Jakob Kellenberger ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Welche Rolle spielte das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bei der Befreiung von Andreas Notter? Seine Familie hatte ja kritisiert, das EDA setze sich zu wenig für ihn ein.
Kellenberger: Zunächst: Wir haben das besonnene Verhalten der Familie in schwieriger Lage sehr geschätzt. Die Kritik am EDA teile ich nicht. Es setzt sich heute und setzte sich in der Vergangenheit entschlossen für gefährdete Staatsbürger im Ausland ein. Die Zusammenarbeit EDA/IKRK funktionierte auf den verschiedenen Ebenen. Die grösste Verantwortung liegt in einem solchen Fall beim IKRK als Arbeitgeber.

Welche Lehren ziehen Sie aus diesen Entführungen?
Kellenberger: Das IKRK ist stärker als jede andere humanitäre Organisation in Kriegsgebieten präsent. Unser Arbeitsort ist gefährlicher als die Zürcher Bahnhofstrasse. Das IKRK hat ein straffes Sicherheitsmanagement, das sich bewährt: Zwischen 2000 und 2008 haben im Zusammenhang mit Konflikten weniger Mitarbeiter das Leben verloren als zwischen 1994 und 1999 - obwohl wir unseren Einsatzbereich stark ausdehnten. Aber natürlich schmerzt jeder Verlust, deshalb mag ich auch nicht Statistiken ausbreiten.

Sind für die Sicherheit der Delegierten vor allem Garantien der Konfliktparteien ausschlaggebend?
Kellenberger: Absolute Sicherheit gibt es leider nicht. Der Kontakt mit allen Konfliktparteien in einem Einsatzgebiet ist ein Kernelement unseres Sicherheitsmanagements. Das ist schwieriger geworden. Die Konflikte sind unübersichtlicher geworden. Die Konfliktlage ändert oft sehr rasch. Konfliktparteien können schwer erreichbar sein. Denken Sie an die Entwicklungen der letzten sechs Jahre in Darfur, einem unserer grössten Einsätze.

Ist die Arbeit des IKRK dadurch gefährlicher geworden?
Kellenberger: In Gebieten ohne staatliche Ordnung sind Banditentum und Kriminalität ein zunehmendes Sicherheitsrisiko.

Wie weit ist die Neutralität der Schweiz wichtig für die Sicherheit des IKRK?
Kellenberger: Die Neutralität der Schweiz und des IKRK sind zwei verschiedene Angelegenheiten. Für das IKRK ist Neutralität ein Mittel, um sich den Zugang zu möglichst vielen Menschen zu sichern, die Schutz und Hilfe brauchen. Dies verlangt, dass wir uns politischer Stellungnahmen zwischen Konfliktparteien enthalten. Die schweizerische Neutralitätsdiskussion kennen Sie selbst. Sie hat teilweise mythische Züge und dient auch innenpolitischen Zwecken.

Bringt diese Neutralität dem IKRK noch den notwendigen Schutz?
Kellenberger: Glaubwürdige Unabhängigkeit, Neutralität, operationelle Kompetenz und rasche Einsatzbereitschaft ermöglichen dem IKRK den Zugang zu Gebieten, wo - von einigen Ausnahmen abgesehen - andere Organisationen aus Sicherheitsgründen nicht arbeiten. Das schafft auch einen Erwartungsdruck, der zur Last werden kann. Auch deshalb die enorme Bedeutung des Sicherheitsmanagements. Wir sind für unsere Mitarbeitenden verantwortlich und nehmen diese Verantwortung ernst. Schmerzliche Erfahrungen wie derzeit im Nordosten Sri Lankas bleiben uns trotzdem nicht erspart.

Ist es nicht wahnsinnig schwierig, auch mit den grössten Schergen einen normalen Umgang zu pflegen?
Kellenberger: Wir müssen mit Vertretern aller Konfliktparteien sprechen, wenn wir unseren Auftrag erfüllen wollen. Sie können davon ausgehen, dass wir Klartext reden.

Widert es Sie nicht an, Personen die Hand zu schütteln, die Tausende von Frauen und Kindern auf dem Gewissen haben?
Kellenberger: Zum Ersten weiss ich nicht, ob Händeschüttler im Allgemeinen so genau wissen, mit wem sie Hände schütteln. Ja, die Arbeit im IKRK erfordert viel Disziplin und stets klares Zielbewusstsein: Menschen erreichen, die dringend Schutz und Hilfe brauchen. Vor diesem Ziel müssen öffentliche Gefühlskundgebungen zurückstehen. Einfach ist das für niemanden von uns.

IKRK-Delegierte klagen, es sei oft frustrierend, seitenlange Berichte an die Zentrale in Genf zu schicken, wo sie dann zu versickern scheinen.
Kellenberger: Das erinnert mich etwas an Vorwürfe von Botschaften an die Zentrale in Bern während meiner EDAZeit. Mein Eindruck ist, dass die Berichte der Delegationen sorgfältig ausgewertet werden. Für die einzelnen Delegationen steht ihr Einsatzgebiet im Vordergrund - und das muss so sein. In Genf müssen aber auch Beurteilungen zur Geltung kommen, welche die Organisation als Ganzes im Auge haben.

Vor kurzem ist ein IKRK-Bericht an die Medien gelangt, laut dem Ärzte an den Folterungen im US-Gefangenenlager Guantánamo beteiligt waren. Schadet solche Indiskretion dem IKRK?
Kellenberger: Die Indiskretion geschah nicht bei uns. Wenn der Eindruck entstünde, dass solche Berichte durch uns an die Öffentlichkeit gelangen, würde das unseren Zugang zu Gefangenen erschweren oder verunmöglichen. Abgesehen davon schweigen wir nicht um jeden Preis. Es gibt durchaus Situationen, in denen wir an die Öffentlichkeit gehen.

Wann ist dies der Fall?
Kellenberger: Wenn ein Land das humanitäre Völkerrecht systematisch und schwerwiegend verletzt und unsere wiederholten vertraulichen Interventionen keine Wirkung zeigen. Zudem müssen wir selbst Zeuge der Verletzungen sein und überzeugt sein, dass der Gang an die Öffentlichkeit das Beste ist, was wir für die Betroffenen tun können. Deshalb habe ich im Fall von Myanmar das Schweigen gebrochen.

Hat es etwas genützt?
Kellenberger: Myanmar verweigert uns nach wie vor den Zugang zu den Gefangenen.

Auch das Gefangenenlager Guantánamo haben Sie wiederholt öffentlich kritisiert. Hat das etwas gebracht?
Kellenberger: Ja, die hartnäckigen Interventionen des IKRK haben über die Jahre zu Verbesserungen geführt. USPräsident Barack Obama hat nun im Januar verfügt, Guantánamo zu schliessen und die Inhaftierungspolitik der USA im Kampf gegen den Terrorismus zu überprüfen. Ich war im April in Washington und habe Fragen in diesem Zusammenhang mit Vertretern der neuen US-Regierung besprochen, so mit dem Justizminister, dem Verteidigungsminister und dem Chef der CIA.

Welche Signale haben Sie erhalten?
Kellenberger: Zahlreiche Anliegen des IKRK stossen auf viel Verständnis. Die Ablehnung jeder Form von Folter ist klar, und die Regierung steht zu den Genfer Abkommen.

War das unter der Bush-Administration anders?
Kellenberger: Die Diskussion war vor allem in den ersten Jahren nach dem 11. September sehr schwierig, aber sie blieb nicht ohne Fortschritte über die Jahre. Manches wird jetzt einfacher sein. Aber das schliesst schwierige Gespräche zu einzelnen Fragen nicht aus, - der Frage des Anwendungsbereichs des humanitären Völkerrechts im Kampf gegen den Terrorismus zum Beispiel.

Können Sie Obama anrufen, wenn Sie es für nötig halten?
Kellenberger: Ich habe Zugang zu den Präsidenten in den verschiedenen Staaten. Aber ich nehme ihnen nicht die Zeit mit Höflichkeitsbesuchen. In einem wichtigen Moment habe ich auch mit Präsident Bush wegen Guantánamo gesprochen.

Welche Konfliktherde machen Ihnen zurzeit am meisten Sorgen?
Kellenberger: Jetzt, wo wir sprechen, vor allem Sri Lanka - wegen der Zivilisten im Kampfgebiet und der srilankischen IKRK-Mitarbeitern, die vor Ort tätig sind und ebenfalls grösster Gefahr ausgesetzt sind.

Sie wollen zusätzliche Delegierte aus der Schweiz nach Sri Lanka schicken, haben aber keine Visa bekommen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?
Kellenberger: Wir sind als einzige Hilfsorganisation mitten im Kampfgebiet tätig - unter sehr schwierigen Bedingungen. Um Visa ersuchten wir vor allem, um total erschöpfte Mitarbeiter zu ersetzen.

Aber Sie können keine zusätzlichen Mitarbeiter schicken.
Kellenberger: Die Schwierigkeiten, die wir mit den Visa hatten, sind für mich trotz gewissem Entgegenkommen inakzeptabel.

Ist die Verweigerung der Visa ein Zeichen, dass Sri Lanka das wahre Leiden der Zivilbevölkerung verbergen will?
Kellenberger: So weit ginge ich nicht. Es ist aber sicher kein gutes Zeichen.

Welche Gebiete machen Ihnen sonst noch Sorgen?
Kellenberger: Der Nordwesten von Pakistan. Die Intensivierung der Kämpfe mit der Gegenoffensive der Armee führte zu einer hohen Anzahl von Vertriebenen. Doch niemand weiss, mit Ausnahme von rund 120 000 in der Umgebung von Peschawar registrierten Vertriebenen, wo diese Leute genau hingegangen sind. Das macht uns grosse Sorgen.

Wo könnten sie sein?
Kellenberger: Viele werden, wie bei den Paschtunen üblich, bei Verwandten untergekommen sein, andere nicht. Wir wissen nicht, wie viele welche Hilfe benötigen. Vor zwei Wochen war ich in Peschawar, wo das IKRK vor kurzem mithilfe des finnischen Roten Kreuzes ein Spital eröffnete. Wir hatten schlechte Vorahnungen hinsichtlich der Konfliktentwicklung. Bis vor gut drei Wochen war das IKRK zusammen mit dem pakistanischen Roten Halbmond als einzige humanitäre Organisation in den Distrikten Swat und Lower Dir tätig. Seither mussten wir die Tätigkeiten stark reduzieren.

Weshalb?
Kellenberger: Die Kämpfe sind heftig und werden mit schweren Waffen geführt. Das Risiko für unsere Mitarbeiter wäre zu gross. Dort gibt es im Moment überhaupt keine humanitären Organisationen. Deshalb weiss auch niemand, wie viele Menschen auf der Flucht sind - obwohl die wildesten Zahlen kursieren.

2009 ist der 150. Jahrestag der Schlacht von Solferino, die am Anfang des IKRK steht. Macht es Sie nicht müde, dass es auch 150 Jahre später immer neue Konflikte gibt?
Kellenberger: Das IKRK hat den Auftrag, die Opfer von bewaffneten Konflikten zu schützen und zu versuchen, ihnen zu helfen. Weil ich leider davon ausgehen muss, dass Menschen auch in Zukunft Kriege führen, nehmen wir diese Aufgabe auch künftig entschlossen wahr. Aber man muss die Relationen sehen: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen Millionen von Menschen in Kriegen durch direkte Gewalt ums Leben. Die Zahl direkter Gewaltopfer in den bewaffneten Konflikten der letzten Jahre ist damit nicht vergleichbar.