Analyse

Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben

Das Tessin ist landesweit am stärksten vom Coronavirus betroffen: Soldaten der Schweizer Armee beim Transport eines Patienten mit Covid-19 am Eingang der Notaufnahme im Kantonsspital ''La Carita'' in Locarno.

Das Tessin ist landesweit am stärksten vom Coronavirus betroffen: Soldaten der Schweizer Armee beim Transport eines Patienten mit Covid-19 am Eingang der Notaufnahme im Kantonsspital ''La Carita'' in Locarno.

Analyse zu den zwei drängendsten Fragen in der Coronakrise.

Seit 17 Tagen ist die Schweiz stillgelegt. Die Schulen sind geschlossen, Mütter und Väter unterrichten ihre Kinder am Stubentisch. Restaurants sind zu, Kinos und Coiffeursalons ebenfalls. Zehntausende arbeiten zu Hause im Homeoffice.

Auch wenn es Probleme und Versagen gab – etwa die Datenerfassung der Infizierten und Verstorbenen, der Mangel an Schutzmasken oder die schnelle Kapitulation beim systematischen Testen – die Bevölkerung hat die Notwendigkeit und den Sinn der Massnahmen wie Social Distancing und das Stilllegen grosser Teile der Wirtschaft akzeptiert.

Die Massnahmen leuchten ein: Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, müssen wir unser gewohntes Leben eine Zeit lang auf Eis legen. Arbeit, Schule und Sport sind stillgelegt, damit wir uns voneinander fernhalten können. So soll die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus abgebremst werden, damit unser Gesundheitssystem nicht komplett überrannt wird und Zeit bekommt, sich darauf einzustellen.

Es gilt etwa die Intensivstationen vorzubereiten und zu vergrössern, zusätzliche Beatmungsgeräte zu beschaffen oder das Lager mit Schutzmasken aufzufüllen.

Doch je länger dieser Stillstand andauert, desto stärker drängen sich bei den Leuten in den eigenen vier Wänden zwei Fragen auf: Wann endet diese Pandemie? Und wann kehrt die Normalität zurück? Die beiden Fragen haben ganz unterschiedliche Antworten. Auf die erste Frage gibt es eine klare wissenschaftliche Antwort.

Die Pandemie wird erst dann enden, wenn ein Impfstoff gefunden ist. Auch wenn gewisse Forscher optimistischer sind: Die Mehrheit der Experten geht davon aus, dass ein Impfstoff frühestens in einem Jahr vorhanden sein wird. Und er muss ja nicht nur entwickelt werden. Er muss vervielfältigt, verteilt und von den Staaten orchestriert werden.

Bis dann bleiben wir jedoch verletzlich. Das bringt uns zur zweiten Frage: Wann werden wir endlich zur Normalität zurückkehren? Es liegt auf der Hand, dass dies nicht ein Jahr andauern kann. Bereits vor Ablauf der dritten Woche mit den bundesrätlichen Notmassnahmen wurden die ersten Stimmen laut, dass nun Lockerungen folgen müssen.

Denn die Belastung für die Gesellschaft und die Wirtschaft sind sehr hoch. Letztere verliert wöchentlich Milliarden, Unternehmen melden Kurzarbeit an oder müssen gar Angestellte entlassen. Nicht auszudenken, hielte dieser Zustand auf unbestimmte Zeit an.

Auf der anderen Seite nehmen zu Hause die emotionalen Spannungen zu. Die Schülerinnen und Schüler verpassen zig Schulstunden, die Zahl an Vorfällen häuslicher Gewalt steigt, psychische Probleme nehmen zu.

Was es nun neben viel Geduld braucht, ist die Erkenntnis, dass wir lernen müssen, mit dem Coronavirus zu leben. Das Virus wird uns noch eine Zeit lang begleiten. Auch wenn wir diese erste Welle in den Griff bekommen.

Die nächste Welle wird kommen. In Asien ist das bereits Tatsache. Wir müssen also lernen, die Pandemie zu managen: Neue Infektionsherde isolieren, Kontakte konsequent testen, die Zahl der Todesfälle minimieren.

Wenn wir so schnell wie möglich in diese Position gelangen, werden wir den Schaden trotz allem in Grenzen halten können. Irgendwann zwischen jetzt und der ersten erfolgreichen Coronaimpfung wird es dann nach dem harten Stopp einen sanften Wiederbeginn geben. Schulen, Restaurants und Coiffeur-Salons werden wieder öffnen.

Nicht jetzt. Jetzt ist der Zeitpunkt für Social Distancing. Doch wenn der erste schlimme Sturm vorüber ist, braucht es eine Idee, wie es stufenweise wieder zurück zur Normalität gehen könnte. Und das wird sicherlich nicht 12 Monate lang dauern.

Es braucht deshalb schnell einen Plan, wie wir mit dem Coronavirus leben können – mit welchen Einschränkungen, aber auch mit welchen wieder­gewonnenen Freiheiten.

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