Schweiz

«Wir hatten in der Schweiz zehn Jahre lang ein goldenes Zeitalter»

Serge Gaillard sorgt sich um die Zukunft der Sozialwerke.

Serge Gaillard sorgt sich um die Zukunft der Sozialwerke.

Der Direktor der eidgenössischen Finanzverwaltung, Serge Gaillard, warnt vor der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten zehn Jahre. Die Schweiz wachse hauptsächlich dort, wo es koste.

(wap). Im Gespräch mit Radio SRF 1 zog Serge Gaillard, Direktor der eidgenössischen Finanzverwaltung, am Samstag eine positive Bilanz der Finanzpolitik der letzten zehn Jahre. Es sei nicht nur gelungen, 30 Milliarden Schulden abzubauen, man habe auch viel in Bildung und Infrastruktur investiert und die Steuerbelastung relativ tief halten können.

Dennoch warnte Gaillard vor der derzeitigen wirtschaftlichen Entwicklung: Bedingt durch den starken Franken sei die exportorientierte Industrie mit Ausnahme der Pharma nicht mehr gewachsen. Das Wirtschaftswachstum der letzten zehn Jahre habe vorallem in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Bildung und beim Staat selbst stattgefunden. «In diesem Bereich haben wir 200'000 Stellen geschaffen, aber die Industrie stagniert und der Tourismus geht zurück», stellte Gaillard fest.

Dazu kämen nun die Negativzinsen, von denen hauptsächlich der Bau und die öffentliche Hand profitierten. «Das ist eine ungesunde Entwicklung», sagte Gaillard. Eine Stunde Industriearbeit sei in der Schweiz heute 20 Prozent teurer als in Deutschland. Dies sei früher anders gewesen. «Es war 30 Jahre lang die Maxime der Schweizer Politik, nicht wesentlich teurer als Deutschland zu sein,» gab er zu bedenken.

Ideen, die aktuell gute finanzielle Lage zu nutzen, um die Schuldenbremse zu lockern und mehr Geld in die AHV fliessen zu lassen, erteilte er eine Absage. Sozialwerke müssten so aufgebaut sein, dass ihre Finanzierung auch in wirtschaftlich schlechteren Zeiten noch gewährleistet sei. Er erinnerte an seine Zeit als Gewerkschaftssekretär in den Neunzigern: Damals habe er selbst erfahren, was es bedeute, wenn die Sozialwerke in schwierigen Zeiten unter Spardruck gerieten, sagte er.

Serge Gaillard erreicht in diesem Jahr das Pensionsalter. Er werde aber noch bis Ende Jahr in seiner jetzigen Funktion arbeiten, erklärte er gegenüber SRF 1.

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