«Wir haben kein ‹Sünneli› auf der Fahne»

Parteipräsident Rudolf Lanz erklärt, weshalb die Sozi in Kulm den 1. Mai am Vorabend feiern, und sagt, es habe sehr wohl noch Büezer in der Partei. Rudolf Lanz leitet die Bezirkspartei der SP Kulm. Er zieht eine sachbezogene Politik, die zu Lösungen führt, der ideologischen Polemik vor.

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Aargauer Zeitung

Peter Siegrist

Herr Lanz, die Kulmer feiern als Einzige im Kanton, den Tag der Arbeit bereits am Vorabend. Wollen Sie ihren Mitgliedern einen ganzen freien Tag verschaffen?

Rudolf Lanz: Ja, dies auch. Aber es ist hier Tradition. Damit haben die Mitglieder, die an einem Umzug in einer Stadt, in Zürich etwa teilnehmen wollen, die Gelegenheit, dort hinzufahren. Wir sind in Kulm auch zu klein, hätten wohl auch Mühe, die entsprechenden Redner verpflichten zu können. Der Anlass ist bei uns ein lockerer Abend mit einem kurzen Referat.

Bis vor wenigen Jahren traten die Sozialdemokraten und Gewerkschafter mit einem Demo-Zug an die Öffentlichkeit. Jetzt treffen Sie sich in der Abgeschiedenheit der Beinwiler Waldhütte, wollen Sie den Mitgliederschwund kaschieren?

Lanz: Nein, wir wollen nichts verstecken, sonst hätten wir nicht mit Inseraten eingeladen. In der jetzigen Situation ist für mich die Durchführung eines Umzuges eher kontraproduktiv. Der 1. Mai ist für mich ein Datum. Sollte sich hier bei uns die Situation verschlechtern, dann können wir auch an einem andern Tag einen Umzug organisieren. Eine Demo muss sinnvoll sein, es braucht einen starken Anlass.

Zur Person und zur Bezirkspartei

Rudolf Lanz, 42, wohnt in Reinach und arbeitet als Aussendienstmitarbeiter in einer Importfirma. Er leitet seit neun Monaten die Bezirkspartei der SP Kulm. Gleichzeitig ist Lanz auch Präsident der Ortssektion der Reinacher Sozialdemokraten. Zur Bezirkspartei gehören die Sektionen von Beinwil am See, Dürrenäsch, Gontenschwil, Menziken-Burg, Oberkulm, Schöftland, Reinach und Unterkulm. (psi)

Im Wynental haben die Industrie und einzelne KMU Kurzarbeit eingeführt oder angekündigt. Weshalb wird die Bezirkspartei jetzt nicht aktiv an der Öffentlichkeit, besteht keine Notwendigkeit?

Lanz: Nötig ist es schon. Aber was die Industriebetriebe betrifft, sind wir lediglich Statisten. Bei den grossen zwei (Alu und Fischer) können wir nichts verändern, die Aufträge müssen die selber hereinholen. Die Situation, welche die Banken verschuldet haben, können wir nicht ändern.

Nehmen Sie denn Einfluss bei den KMU-Betrieben?

Lanz: Hier setzen wir uns dafür ein, dass die Gemeinden keine Investitionen zurückstellen und dass die Wertschöpfung in der Region bleibt. Die öffentliche Hand soll jetzt nicht sparen. Dabei denke ich an Projekte, die bereit sind und die realisiert werden müssen. Bestimmt sollen sich die Gemeinden nicht zusätzlich verschulden. Wichtig sind Investitionen, die den Menschen hier Arbeit bringen. Es ist bei den Gemeinden im Oberwynental auch einiges in der Pipeline.

Dieses Anliegen tragen Sie jedoch nicht öffentlich aus?

Lanz: Nein, das läuft via unsere Gemeinderäte oder via Ortsektionen. Sehen Sie, wir haben kein «Sünneli» auf der Fahne. Schlammschlachten wollen wir keine. Klar, bei Bedarf wehren wir uns so laut wie nötig und machen unsern Einfluss via Mandatsträger und als Partei geltend.

Ich habe den Eindruck, die SP Kulm agiere ohne kämpferisches Engagement, ist das so?

Lanz: Bei uns verhält es sich so: Wir haben engagierte Leute, die im Hintergrund viel seriöse Arbeit leisten. Aber wir verfügen im Bezirk - ich sage es deutsch - kaum über Leute, die eine grosse Klappe führen. Das ist manchmal ein Problem, weil wir vielleicht bei vielen Leuten weniger und weniger sympathisch wahrgenommen werden.

Wie meinen Sie das?

Lanz: Es ist doch so: Wenn einer jede Woche laut verkündet, dies und das ist nicht gut, dann wird dieser bekannt und die Leute verstehen ihn und glauben ihm. Aber wir bringen lieber Fakten. - Klar, wenn etwas Gröberes passiert, dann treten wir auch auf. Aber wir wollen nicht anheizen und die Leute aufhetzen.

Das weist also bei Ihnen eher auf eine moderate sozialdemokratische Politik hin?

Lanz: Ja, das ist so, ich suche nach Lösungen.

Gegenwärtig ist die Jugendarbeitslosigkeit ein Thema. Gewinnen Sie im Bezirk Kulm junge Leute, die sich für die Sache der SP einsetzen?

Lanz: Das ist wie bei andern Parteien schwierig. Es gab zwar seit den Wahlen Eintritte. Wir sind via einzelne Mitglieder nahe an der Jugend. Aber Lösungen zur Arbeitslosigkeit der Jungen zu bringen, ist schwierig. Denn auch die Patrons von KMUs müssen zuerst genügend Aufträge haben, damit sie neue, junge Leute einstellen können. Hier hängt alles zusammen. Wenn die Kasse leer ist, ist sie leer.

Sie suchen also aktiv junge Leute unter dreissig Jahren?

Lanz: Ganz bestimmt. Aber mit jung bezeichne ich in der Politik Leute unter vierzig. Wir haben rund 160 Mitglieder, davon gehören etwa 25 zu den Jungen.

Von den 22 SP-Grossräten sind 10 Lehrer, Therapeuten oder Soziologen, 10 Kaufleute oder Techniker aus dem mittleren Kader. Wo sind die Vertreter der Arbeiterklasse?

Lanz: Was bin ich? Ich arbeite im Aussendienst, bin Bezirkspräsident und ich sehe mich als Büezer, wenn ich auch mit dem Bleistift arbeite. Im Übrigen hat es in der SP Platz für alle. Die Tendenz mit vielen Mitgliedern aus Lehrer- und Ärztekreisen hat sich ergeben, wir waren eine so genannte Freidenker-Partei geworden. Eine Entwicklung aus den 1960er- und 70er-Jahren. Und das Bild des Büezers hat sich auch verändert, gleich wie jenes der Partei.

In der Partei hat es also kaum noch Arbeiter?

Lanz: Das stimmt nicht ganz, wir haben sehr wohl noch Büezer bei uns. Auch heute braucht der einfache Arbeiter Leute, die ihm Auskunft geben können bei komplexen Problemen. Unsere Mitgliederstruktur bezeichne ich als gut, wir haben vom Alter und von der sozialen Schicht her eine gute Durchmischung.

Ich behaupte dennoch, heute wählen viele Büezer SVP.

Lanz: Das ist so, wenn die Leute Angst haben. Die SVP hat ihren «Traumanteil» in den letzten 20 Jahren aufgebaut. Das ist jedoch ein Kreislauf, noch nicht vor langer Zeit stellte die SP im Bezirk Kulm acht Grossräte und erreichte knapp das absolute Mehr, sie war eine tragende Kraft.

Wo liegt denn der Hund begraben?

Lanz: Es hängt mit der Bevölkerungsstruktur zusammen. Heute verrichten in der Industrie viele Ausländer die Fabrikarbeit. Die meisten der Fabrikarbeiter können nicht abstimmen oder nehmen nicht an Abstimmungen teil. Das ist die Folge vom Wandel und Rückgang der Industriearbeit.

Die SP ist folglich nicht mehr eine alleinige Arbeiterpartei?

Lanz: Das haben viele Leute nicht ernsthaft wahrgenommen. Gerade auf nationaler Ebene vertritt die SP auch die Anliegen der Landwirtschaft und der KMU-Betriebe.

Wie beschreiben Sie Ihr politisches Credo?

Lanz: Es ist heute leicht, in den Medien laut und destruktiv zu reden, so findet man leicht Zuhörer. Das ist einfacher, als Fakten zu vermitteln. Aber mir geht es um die Sache, um eine konstruktive Politik, auch mit anderen Parteien zusammen. Wir wollen uns nicht verbrüdern, aber wenn es der Sache dient, sind wir zum gemeinsamen Suchen von Lösungen bereit. Heute müssen wir in der Politik pragmatische Lösungen liefern.