«Wir erleben eine Verstaatlichung der Gemeinden»

Zuhause in Eiken: Georges Collin mit seiner Schäferhündin Sina. Er trägt die Verantwortung für sie, dafür dankt sie mit grossem Vertrauen. 	(Bild: sh)

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Zuhause in Eiken: Georges Collin mit seiner Schäferhündin Sina. Er trägt die Verantwortung für sie, dafür dankt sie mit grossem Vertrauen. (Bild: sh)

Der Bürger ist ernst zu nehmen und er wird immer kritscher. Deshalb ist die Übernahme eines Gemeinderatsmandat für Georges Collin eine verantwortungsvolle Aufgabe, die nach Einsatzwillen und Ausbildung verlangt.

Susanne Hörth

Im Laufe diesen Jahres werden die Gesamterneuerungswahlen bei den Gemeindebehörden durchgeführt. Nach wie vor werden diese Gemeinderatsämter vorwiegend nebenberuflich ausgeübt. Ein Vorteil dieses Milizsystems ist unter anderem die gute Verankerung der Behördenmitglieder im Dorf. Gleichwohl nehmen die Anforderungen, insbesondere an den Gemeinderat, immer mehr zu. Ausbildung ist deshalb auch hier ein Thema. Georges Collin, Gemeindeammann von Eiken und Mitgründer von «polit» (siehe Kasten) nimmt zu diesem Thema im Samstag-Interview Stellung.

Wie viel Professionalität braucht es in einem Gemeinderat?

Georges Collin: Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es mehr Professionalität braucht. Dies, weil Geschäfte, die in einer Gemeinde anfallen, trotz guter Verwaltung, immer mehr Sachwissen voraussetzen. Man muss sich ein fundiertes Bild von einem Gemeindegeschäft machen können, damit ein Entscheid sachgerecht gefällt werden kann.

Was ist unter Professionalität zu verstehen?

Collin: Professionalität heisst nicht, dass noch mehr Zeit auf der Gemeinde verbracht werden muss. Diese Zeit fehlt sowieso allen. Professionell heisst, dass man à fond gut Bescheid weiss. Mit einer entsprechenden Ausbildung kann man sich dieses Wissen aneignen.

Ausbildung oder Weiterbildung?

Collin: Um sich weiterzubilden, müsste man erst ausgebildet sein. Und bisher hat noch kein einziger Gemeinderat eine Ausbildung zum Gemeinderat gemacht. Und hier sollten eben Lehrgänge und Seminare weiterhelfen.

Was sollte ein Gemeinderatsmitglied wissen?

Collin: Auskennen muss man sich vor allem mit dem, was vom Kanton kommt. Bei diesen externen Sachgeschäften, unter anderem Sozialhilfebereich, Bauwesen, Finanzen, Energie, ist der Gemeindeschreiber auf jeden Fall immer ein guter Berater. Diese Beratung nützt einem aber vor allem etwas, wenn man selber über ein entsprechendes Sachwissen verfügt und Beurteilungen vornehmen kann.

Und hier braucht es die angesprochene Ausbildung?

Collin: Ja. Der Kanton wie auch «polit» bietet solche an. Generell kann sich ein Behördenmitglied das geforderte Wissen auf drei Wegen aneignen. Zum einen durch eine gute, interne Informationen via Verwaltung. Zum anderen durch die eigene Erfahrung, bei welcher sich ein kontinuierliches Wissen aufbaut. Und drittens eben durch eine Ausbildung. Persönlich bin ich der Meinung, explizit in einer Zeit, in der auch Fusionen immer mehr ein Thema werden, dass die Gemeinden dazu aufgerufen sind, ihre gewählten Behördenmitglieder in solche Ausbildungen zu schicken.

Das ist aber freiwillig?

Collin: Absolut. Ich bringe immer den Vergleich: Wollen Angestellte einer Firma eine Weiterbildung machen, die dem Geschäft dient, so werden die Verantwortlichen mit gewissen Vereinbarungen die Weiterbildungen gutheissen. Auf der Gemeinde gilt dasselbe. Denn hier ist Sachwissen gefordert.

Wie steht es mit den Kosten?

Collin: Werden in aller Regel von der Gemeinde getragen. Wenn ein Gemeinderat einen Lehrgang besuchen will, wird zuerst generell über diese Kosten diskutiert. Kosten werden aber vielfach auch in den Vordergrund geschoben, weil der Faktor Zeit ebenfalls zählt.

Der Zeitaufwand ist ja bereits jetzt sehr hoch.

Collin: Ja, und hier stossen wir wieder auf das Thema Milizsystem. Es stellen sich Fragen. Beispielsweise, wie viel Zeit ist der Arbeitgeber bereit, seinem Mitarbeiter für ein Behördenamt zur Verfügung zu stellen? Und wie viel Zeit ist ein Gemeinderat bereit, in sein Behördenamt zu investieren?

Wie lange dauern die Lehrgänge?

Collin: 19½ Tage, verteilt auf ein halbes Jahr. Die Kosten belaufen sich je nach Lehrgang auf zirka 5000 Franken

Was hat sich in den letzten Jahren beim Gemeinderat verändert?

Collin: Verändert hat sich ganz klar aufgrund unserer Gesetzgebung die Komplexität der Geschäfte. Diese Komplexität ist oft etwas unüberschaubar, die Auswirkungen sind teilweise nicht erkennbar. Verändert hat sich auch die Präsenzzeit. Hierzu ist zu sagen, dass man diese Präsenz immer selbst bestimmen kann. Möchte ein Gemeinderat als Ganzes aktiv sein, dann hat er eine hohe Präsenz.

Beispiele in Eiken?

Collin: Wir sind im Juni und im September 2007 an je zwei Abenden im Sinne von Quartiertreffen zur Bevölkerung gegangen. Daraus resultierte eine Liste mit vielen individuellen Anliegen, aber auch allgemeinen Bedürfnissen. Hier haben wir sehr bewusst eine hohe Präsenz gezeigt. Denn die Nähe zur Bevölkerung ist sehr wichtig.

Hat sich noch anderes verändert?

Collin: Mit Sicherheit hat sich Kommunikation inhaltlich und von den zeitlichen Gegebenheiten her verändert. Der Empfänger steht der Kommunikation sehr viel kritischer gegenüber. Verändert hat sich auch die Gesellschaft. Es stellen sich mehr Herausforderungen, beispielsweise mit den Jugendlichen. Und die Erwartungshaltung der Bürger ist anders geworden.

Wäre es angesichts der zunehmenden Aufgaben nicht sinnvoll, ein Teilzeitpensum für den Gemeindeammann bereitzustellen?

Collin: Das ist eine heikle Frage. Ich antworte deshalb im Konjunktiv. Es wäre durchaus temporär gut, wir hätten ein Teilzeitpensum. Die Grösse einer Gemeinde ist sicher entscheidend. Dennoch wäre bei einer kleineren Gemeinde, die eventuell nicht über eine feindetaillierte Infrastruktur verfügt, ein Teilzeitamt sogar noch angebrachter als bei einer grösseren Gemeinde.

Was wäre der Vorteil eines Teilzeitamtes?

Collin: Wir können mit einem Teilamt die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Gemeinderat noch mehr verbessern. Gleichwohl ist auch dieses Aussage heikel. Denn wir entscheiden im Gemeinderat gemeinsam. Trotzdem glaube ich, wenn ich eineinhalb Tage im Gemeindehaus arbeiten würde, wäre eine Qualitätsverbesserung gegenüber der Bevölkerung wahrscheinlich möglich. Es geht deshalb nicht nur um Entscheidung, sondern vielmehr um eine optimale Vorbereitung der Gemeindegeschäfte.

Wo sind Ängste, Fragen bei Gemeinderäten vorhanden?

Collin: Ich möchte den Kanton nicht angreifen. Dennoch erleben wir eine Verstaatlichung der Gemeinden. Jeder Gemeinderat muss sich fragen, was sind denn meine Perspektiven, was können wir in Zukunft noch allein bestimmen? Sind wir nur Verwalter, die Befehle entgegennehmen, oder können wir noch irgendwo kommunal regieren?

Was heisst das in Zahlen beim Gemeindebudget?

Collin: Wir werden zu rund 70 Prozent fremdbestimmt. 30 Prozent liegt in unserer Kompetenz. So stellt sich für einen Gemeinderatskandidaten sicherlich auch die Frage, ist es für mich überhaupt noch optimierend, wenn mir ein grosser Teil vorgeschrieben wird, was ich zu machen habe? Wo ist in den 30 Prozent der motivierende Punkt? Wir haben nach wie vor eine grosse Verantwortung, beispielsweise als Baubewilligungsbehörde. Ein Gemeinderat, der unsicher ist, kennt sich eventuell in seinem Ressort zu wenig aus. Auch sollte jeder Gemeinderat in jedem Bereich, also ressortübergreifend, Bescheid wissen.

Empfehlen Sie den Leuten, sich für ein Behördenamt zur Verfügung zu stellen?

Collin: Ja, wenn man bereit ist, für die Öffentlichkeit zu arbeiten und dabei die Verantwortung übernimmt. Nein, wenn wenig Zeit, Motivation und Zutrauen vorhanden ist. Man muss bedingungslos hinter dem Ja stehen. Da kommt auch mal Schlechtes auf mich zu, ich muss Kritik einstecken können.

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