folgen des abstimmungskampfes
«Wir bitten um Entschuldigung»: Bischof Gmür zum umstrittenen Holocaust-Rückgriff bei der Konzerninitiative

Die Schweizerische Bischofskonferenz und die Römisch-Katholische Zentralkonferenz entschuldigen sich in einer gemeinsamen Erklärung zum Holocaust-Rückgriff des katholischen Portals kath.ch. Und sie wollen den Abstimmungskampf aufarbeiten.

Othmar von Matt
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«Bitten um Entschuldigung»: Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz.

«Bitten um Entschuldigung»: Bischof Felix Gmür, Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz.

Keystone

Der Holocaust-Rückgriff auf dem katholischen Portal kath.ch sorgte für Empörung. «Vor knapp 40 Jahren zeigte der Filmemacher Markus Imhoof in ‹Das Boot ist voll› die Schweizer Mitverantwortung für den Holocaust», schrieb Redaktionsleiter Raphael Rauch am 9. November in seiner Kolumne «Rauchzeichen». «Klar ist: Hätte es damals ein Gesetz zur Konzernverantwortung gegeben, wäre es den Schweizer Banken deutlich schwerer gefallen, Hitlers mörderische Maschinerie zu finanzieren.»

Nun entschuldigt sich Felix Gmür, Präsident der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK), öffentlich für den Holocaust-Vergleich auf kath.ch. Und zwar in einer gemeinsamen Erklärung mit Renata Asal-Steger, Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ). Sie wurde am Freitagabend um 20 Uhr publiziert.

«Besonders getroffen und zu Recht empört»

«Besonders getroffen und zu Recht empört hat viele ein auf dem Portal kath.ch publizierter historischer Rückgriff auf das Verhalten der Schweiz gegenüber Nazi-Deutschland, der die Ablehnung der Initiative mit dem Holocaust in Verbindung brachte», schreiben Gmür und Asal-Steger. «Die SBK und RKZ als Auftraggeberinnen des Medienzentrums von kath.ch bedauern diese Äusserung zutiefst, distanzieren sich entschieden davon und bitten um Entschuldigung.» Zuvor hatte bereits die Leitung des Bistums St. Gallen den Vergleich «aufs Schärfste» verurteilt.

Renata Asal-Steger, Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz.

Renata Asal-Steger, Präsidentin der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz.

Eveline Beerkircher

Das Medienzentrum betreibt kath.ch im Auftrag der Bischofskonferenz und der RKZ. Gemäss Rahmenstatut kann der Redaktionsleiter von kath.ch erst angestellt werden, wenn jenes Mitglied der Bischofskonferenz zugestimmt hat, das für die Medienarbeit zuständig ist. Für die Finanzierung von kath.ch ist weitgehend der RKZ verantwortlich.

Katholische Kirche will die Abstimmung aufarbeiten

Gmür und Asal-Steger betonen in ihrer gemeinsamen Erklärung weiter, Bischofskonferenz und Römisch-Katholische Zentralkonferenz seien dabei, die Situation um die Debatten bei der Konzerninitiative «aufzuarbeiten und daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen».

«Die öffentlichen Auseinandersetzungen um die Konzernverantwortungsinitiative wurden insbesondere in den letzten Wochen vor der Abstimmung am 29. November 2020 sehr hitzig und in teils scharfer Tonalität geführt», heisst es in der gemeinsamen Erklärung. «Das hat auf allen Seiten Verletzungen hinterlassen.»

«Ich schätze diese Entschuldigung sehr»

«Ich schätze diese Entschuldigung sehr», sagt CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür, die Schwägerin von Bischof Felix Gmür. «Ich finde es gut, dass sich Bischofskonferenz und Römisch-Katholische Zentralkonferenz jetzt noch gemeldet haben. Im Übrigen war es ja immer wieder derselbe Journalist von kath.ch, der versuchte, Öl ins Feuer zu giessen.»

Für sie sei die Sache «erledigt», sagt sie. «Wichtig ist, dass die katholische Kirche keine politischen Kampagnen führt. Aber sie darf und soll sich selbstverständlich äussern.» Das solle in künftigen Abstimmungskämpfen «sachlich und differenziert» geschehen.

CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür und ihr Schwager, Bischof Felix Gmür.

CVP-Fraktionschefin Andrea Gmür und ihr Schwager, Bischof Felix Gmür.

Bildmontage CH Media. Bilder: Keystone/Boris Bürgisser

Auch CVP-Nationalrätin Marianne Binder ist «sehr froh» über die Stellungnahme von SBK und RKZ. «Diese deutliche Distanzierung zu ihrem Medienportal und die Entschuldigung zum Holocaustvergleich sind wichtig als Zeichen auch an den Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund und den religiösen Frieden», sagt Binder. Sie sei auch wichtig «für den versöhnlichen innerkirchlichen Dialog». Binder: «Ich biete gerne Hand dafür.»

Was der Israelitische Gemeindebund sagt

«Wir begrüssen diese klare und deutliche Stellungnahme», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). «Wir führen mit der Bischofskonferenz seit Jahren einen respektvollen Dialog und schätzen es sehr, dass sie Bedenken stets ernst nimmt.»

Kreutner fügt eine deutliche Kritik am katholischen Portal kath.ch hinzu: «Diese Klarheit und Einsicht vermissen wir allerdings bei der Leitung von kath.ch», sagt er. «Wir möchten wiederholen, dass man auf solche historischen Rückgriffe in der politischen Debatte ganz grundsätzlich verzichten könnte und sollte.» Die Stellungnahme des SIG konnte aufgrund des Sabbats erst um 18 Uhr eingeholt werden. (att)

Kirche garantiert «redaktionelle Unabhängigkeit»

Felix Gmür und Renata Asal-Steger betonen in ihrer gemeinsamen Stellungnahme, Bischofskonferenz und RKZ garantierten den katholischen Medienzentren die «redaktionelle Unabhängigkeit», wie sie im Redaktionsstatut festgehalten ist. «Diese findet freilich ihre Grenzen dort», schreiben sie, «wo die Werte, für die die Kirche eintritt, durch die Kommunikationsarbeit selbst verletzt werden.»

Das Katholische Medienzentrum als Trägerverein des Portals kath.ch hingegen lässt sich von der gemeinsamen Entschuldigung nicht beeindrucken. «Nach Meinung des Vorstandes lässt sich die gemeinsame Erklärung von einer eingeschränkten und einseitigen Perspektive leiten», heisst es in der Stellungnahme. «So bleibt unerwähnt, dass kirchliche KVI-Befürworter/innen, ja sogar die Kirche als ganze, im Abstimmungskampf verunglimpft wurden.»

Medienzentrum verteidigt den Rückgriff auf den Holocaust

Der Vorstand des Medienzentrums rügt Bischofskonferenz und Römisch-Katholische Zentralkonferenz für den Zeitpunkt der Stellungnahme. Es sei eine «Erklärung zur Unzeit», schreibt er. «Gerade die Exponenten der Gegner der Initiative sind nach dem für sie nicht sehr schmeichelhaften Abstimmungsergebnis – immerhin hat eine Mehrheit der Abstimmenden von 50,7 Prozent die Initiative angenommen – leise geworden und haben kein Interesse an einer weiteren öffentlichen Debatte.»

Den «historischen Rückgriff» auf den Holocaust verteidigt das Medienzentrum. «Der Vorstand ist der Auffassung, dass die vom Redaktionsleiter geäusserte historische Einschätzung fachlich richtig ist», heisst es in der Stellungnahme, die auf kath.ch publiziert ist. «Der renommierte Schweizer Historiker Prof. Jakob Tanner hat sie bestätigt.»

Allerdings räumt der Vorstand ein, es sei «unglücklich und ungeschickt» gewesen, dass der Redaktionsleiter in dieser überhitzten Abstimmungsdebatte den Rückgriff auf den Holocaust gemacht habe. «Er hat damit den politischen und medialen Gegnern der Initiative einen willkommenen Anlass geliefert, sich über den Autor und damit über die KVI-Befürworter zu empören», so die Stellungnahme, «statt sich mit den Zielen und der Stossrichtung der Initiative auseinanderzusetzen.»

Viel journalistisches Know-how

Unterschrieben haben die Stellungnahme alle fünf Vorstandsmitglieder des Medienzentrums. Neben Präsident Odilo Noti auch Simon Spengler und Clemens Studer, zwei langjährige ehemalige «Blick»-Journalisten. Das verdeutlicht, über welches journalistisches Know-how die katholische Kirche verfügt.

Ein Know-how, das sich im katholischen Portal kath.ch zeigt. Es wurde konsequent digitalisiert, fällt durch Tempo, Aktualität und Debattenfreudigkeit auf. In den letzten Monaten hat es deutlich an Sichtbarkeit gewonnen. Mit dem Holocaust-Rückgriff ging das Portal jetzt aber der katholischen Kirche einen Schritt zu weit.