Christian Nünlist

Nach krassen aussenpolitischen Debakeln in der Schweinebucht und in Berlin tönt Kennedy am 16. November deutlich demütiger, als er in Seattle erklärt, weshalb er keine US-Soldaten nach Vietnam schicken wird: „Wir müssen die Tatsache akzeptieren, dass die USA weder allmächtig noch allwissend sind. Wir machen nur 6 Prozent der Weltbevölkerung aus und wir können unseren Willen den anderen 94 Prozent der Menschheit nicht aufzwingen. Es kann nicht auf jedes Problem der Welt eine amerikanische Lösung geben."

Nach der Kubakrise schwenkt Kennedy 1963 auf einen Entspannungskurs um. Nach der Beinahkatastrophe ist die Zeit nun reif für einen direkten Draht zwischen Washington und Moskau, das berühmte rote Telefon (die „Hotline") wird installiert. In seiner wohl besten Rede fordert Kennedy die Amerikaner am 16. Juni 1963 auf, ihre Einstellung zum Kalten Krieg und zur Sowjetunion zu überdenken. Statt immer nur in Kategorien von Gegnerschaft und Unterschieden zu denken, sollten beide Seiten anfangen, das Gemeinsame zu sehen: „Schliesslich besteht unsere wichtigste Gemeinsamkeit darin, dass wir alle Bewohner dieses kleinen Planeten sind. Wir alle atmen die gleiche Luft. Uns allen liegt die Zukunft unserer Kinder am Herzen. Und wir sind alle sterblich." Aus dem Cold Warrior ist ein Friedenspolitiker geworden. Aus dem Kalten Krieg wird nun ein „Langer Frieden" - zumindest in Europa.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.