Olympische Spiele
Winterspiele gehören in die Schweiz

Der Marketingeffekt von Olympia ist von unschätzbarem Wert. Damit liesse sich die Schweiz gut zwei Wochen lang in einem positiven Licht ins Schaufenster der Weltöffentlichkeit stellen. Diskutieren Sie mit: Gehören die Winterspiele in die Schweiz?

Simon Steiner
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Im Juni 1999 bestimmte das Internationale Olympische Komitee (IOC) Turin zum Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2006. Die Enttäuschung in der Schweiz war gross, waren doch der unterlegenen Kandidatur Sion in Fachkreisen gute Chancen eingeräumt worden. Das Walliser Projekt war damit erledigt, das Thema «Olympische Winterspiele in der Schweiz» hingegen nicht.

Bereits für 2010 standen mit Bern und Davos wieder zwei Schweizer Bewerbungen im Raum. Bern wurde von Swiss Olympic ins Rennen geschickt und vom IOC zu einem von vier Finalisten gewählt, zog die Kandidatur jedoch 2002 zurück, nachdem die Berner Stimmbürger einen Kredit mit 78 Prozent Nein-Stimmen verweigert hatten. Ein Zürcher Projekt 2014 wurde von den Behörden vorzeitig zurückgezogen. Genf zog 2008 seine Pläne für 2018 wegen fehlender Unterstützung durch Swiss Olympic zurück.

Dachverband ist kritisch

In der Tat äusserte sich der Sport-Dachverband, der gleichzeitig als Nationales Olympisches Komitee fungiert, hinsichtlich einer neuerlichen Kandidatur zuletzt skeptisch. Um eine Entscheidungsgrundlage zu haben, beauftragte er aber eine Expertengruppe damit, die Anforderungen an eine Schweizer Bewerbung zu evaluieren.

Nun kommt das Dossier «Winterspiele in der Schweiz» wieder in Bewegung. Zum einen beurteilt der Exekutivrat von Swiss Olympic die im Expertenbericht aufgezeigten Hindernisse als überwindbar, zum andern hat er vermehrt ermutigende Signale aus Politik und IOC erhalten. Im November will sich Swiss Olympic daher vom Sportparlament grünes Licht für weitere Schritte geben lassen.

Die Durchführung von Olympischen Winterspielen in der Schweiz ist ein grosse Herausforderung. Es ist unbestritten, dass ein solches Projekt auf einen starken Rückhalt in Sport, Politik und Bevölkerung angewiesen ist. Swiss-Olympic-Präsident Jörg Schild sagt zu Recht, dass nur eine «Kandidatur Schweiz» eine Chance hätte.

Die breite Unterstützung im ganzen Land ist nur schon deshalb nötig, weil Olympische Spiele viel Geld kosten, sie zum grössten Teil von der öffentlichen Hand getragen werden müssten. Allein für eine Kandidatur wären geschätzte 30–40 Millionen Franken aufzuwerfen. Damit wäre noch nicht gesichert, dass die Spiele letztlich tatsächlich in der Schweiz stattfinden, wobei zu berücksichtigen ist, dass schon die Kandidatur eine grosse Werbewirkung mit sich bringt.

Kurzfristig betrachtet ein Verlustgeschäft

Studien warnen davor, den unmittelbaren volkswirtschaftlichen Nutzen von Olympischen Spielen zu überschätzen. Kurzfristig betrachtet sind Winterspiele ein Verlustgeschäft. In einer längerfristigen Sicht könnten das Land und die Austragungsregion im Besonderen indes enorm profitieren.

Der Marketingeffekt von Olympia ist von unschätzbarem Wert. Damit liesse sich die Schweiz gut zwei Wochen lang in einem positiven Licht ins Schaufenster der Weltöffentlichkeit stellen. Der mit nachhaltig konzipierten Spielen verbundene Ausbau der Verkehr- und Sportinfrastruktur, der im Milliardenbugdet zu Buche schlägt, kann als Investition in die
Zukunft betrachtet werde.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Schweizer Kandidatur ist die Bereitschaft des IOC zur Abkehr vom Trend hin zum Gigantismus. Natürlich ist es undenkbar, die Winterspiele auf den Stand von 1928 oder 1948 zurückzubringen, als St. Moritz zweimal Austragungsort war. Ein kleiner Schritt zurück wäre jedoch möglich. Wünschbar wäre auch, wenn die Winterspiele nach zwei Städten auf Meereshöhe (Vancouver und Sotschi) wieder einmal in den Bergen stattfinden könnten.

Wenn die Spiele für ein Wintersportland wie die Schweiz zu gross sind, dann stimmt mit ihnen etwas nicht mehr. Insofern könnte die Schweiz mit einer Kandidatur den Weg in die Zukunft weisen – mit einem Dossier, das bezüglich Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit Vorbildfunktion einnimmt.

Swiss Olympic wird frühestens im nächsten Sommer definitiv entscheiden, ob es eine Kandidatur in Angriff nimmt. Am 6. Juli 2011 vergibt das IOC in Durban die Winterspiele 2018 an Pyeongchang (Südkorea), München oder Annecy. Macht Südkorea das Rennen, käme 2022 für eine Schweizer Kandidatur infrage.

Kommt einer der beiden europäischen Bewerber zum Zug, dann frühestens 2026. Die Anziehungskraft von Olympischen Winterspielen auf mögliche Schweizer Bewerber ist nach wie vor gross. Aus verschiedenen Regionen wurde in den vergangenen Monaten Interesse angemeldet. Im Vordergrund steht dabei zum einen Genf/Wallis, zum andern Graubünden (allenfalls gemeinsam mit Zürich). Infrage kämen zudem Luzern, wo sich das Interesse zurzeit allerdings auf die Jugendspiele zu konzentrieren scheint, und Bern.