Massentierhaltungs-Initiative
«Wilde Hühner auf der Wiese» – wie eine 25-Jährige die Massentierhaltung abschaffen will

Am Mittwoch startet die Unterschriftensammlung für die Initiative gegen Massentierhaltung. Meret Schneider erklärt, warum sich vor allem die Bauern über die Initiative freuen sollten.

Helene Obrist
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Legehennen in der konventionellen Zucht stehen in der Schweiz 14cm Platz zur Verfügung.

Legehennen in der konventionellen Zucht stehen in der Schweiz 14cm Platz zur Verfügung.

Keystone

«Meret Schneider rettet die Welt», so heisst ein kürzlich erschienener SRF-Dokumentarfilm. Er zeigt, an welchen Fronten die 25-Jährige überall kämpft.

Eine davon ist politisch: Als Geschäftsführerin der antispeziesistischen Stiftung «Sentience Politics» setzt sich Schneider zusammen mit ihrem Team für das Wohl der Tiere ein. Heute Dienstag startet die Stiftung die Unterschriftensammlung für die Massentierhaltungs-Initiative.

Warum es diese Initiative braucht, was sich Schneider davon verspricht und wie die 100'000 Unterschriften zusammenkommen sollen, verriet die 25-Jährige im Interview.


Frau Schneider, heute starten Sie die Unterschriftensammlung für die Initiative gegen Massentierhaltung. Wollen Sie mit dieser Initiative alle Bauern arbeitslos machen?

Meret Schneider: Nein, auf gar keinen Fall! Es geht uns darum, einen Gegentrend zu setzen. In der Landwirtschaft geht es momentan immer um noch mehr Optimierung, mehr Produktion, mehr Leistung. Das geht ganz stark auf Kosten der Tiere und der Umwelt. Die Schweiz ist zum Beispiel Spitzenreiter bei der Ammoniakverschmutzung der Böden. Es braucht eine Kehrtwende.

«Wir wollen eine Tierhaltung, wie sie uns in der Werbung von Swissmilk und Co. versprochen wird – Schweine im Stroh, wilde Hühner auf der Wiese.»

Meret Schneider

Und darum wollen Sie gleich jegliche Massentierhaltung verbieten?

Wir wollen eine Tierhaltung, wie sie uns in der Werbung von Swissmilk und Co. versprochen wird – Schweine im Stroh, wilde Hühner auf der Wiese. Wir wollen das Bild einer Schweiz, wie sie auch den Touristen suggeriert wird, zurück: Grüne Wiesen mit glücklichen, grasenden Kühen.

Laut «Sentience Politics» geniessen nicht alle Schweizer Tiere genügend Auslauf und Platz.

Laut «Sentience Politics» geniessen nicht alle Schweizer Tiere genügend Auslauf und Platz.

Keystone

Das Schweizerische Tierschutzgesetz gilt als eines der strengsten der Welt. Laut CVP-Nationalrat Markus Ritter sei es gar «vermessen» in der Schweiz von Massentierhaltung zu sprechen. Was sagen Sie dazu?

18’000 Hühner auf engster Fläche, zehn Schweine zusammengepfercht auf einem Parkplatz, weniger als ein Quadratmeter pro Tier, männliche Küken, die geschreddert werden... Wenn das keine Massentierhaltung ist, was dann? Gut möglich, dass die Schweiz eines der besten Tierschutzgesetze der Welt hat. Aber das heisst nicht, dass es besonders gut ist.

Ganz konkret: Wie viele Schweine dürften zusammen in einem Stall gehalten werden?

Laut Gesetz muss ein Schwein mindestens 0.9 Quadratmeter Platz haben. Auf Bio-Höfen sind es 1.65 Quadratmeter.

Im Initiativtext heisst es, dass der Bund die Kriterien für eine tierfreundliche Unterbringung und die maximale Gruppengrösse festlegen soll. Schieben Sie da die Verantwortung nicht ab?

Absolut nicht. Wir haben ergänzt, dass sich der Bund dabei an die Bio-Suisse-Richtlinien halten soll. Dieser Katalog entspricht verhältnismässig unseren Ansprüchen.

Sammelfrist dauert bis Dezember 2019

Tierschutz-, Tierrechts- und Umweltorganisationen haben heute die Volksinitiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz (Massentierhaltungsinitiative)» lanciert. Bis zum 12. Dezember 2019 müssen sie die benötigten 100'000 Unterschriften zusammenbringen.

Laut den Initianten soll der Bund Kriterien festlegen für eine tierfreundliche Unterbringung und Pflege, den Zugang ins Freie, die Schlachtung und die maximale Gruppengrösse je Stall. Er soll auch Vorschriften über die Einfuhr von Tieren und tierischen Erzeugnissen zu Ernährungszwecken erlassen. (sda)

Nur «verhältnismässig»?

Es gibt auch noch vorbildlichere Betriebe. Aber das zum jetzigen Zeitpunkt der ganzen Landwirtschaft überzustülpen, wäre utopisch.

Kommt die Initiative zustande und wird vom Volk angenommen, geht es vielen Landwirten an die Substanz. Spüren Sie auch Unmut von Seiten der Bauern?

Natürlich gibt es solche, die unzufrieden sind mit unseren Forderungen. Darum ist im Initiativtext aber auch von einer realistischen Übergangszeit von 25 Jahren nach Annahme die Rede. Es ist aber sicher keine Initiative gegen die Bauern! Viele Landwirte, mit denen ich gesprochen habe, wären froh, würde die Initiative umgesetzt. Sie leiden unter dem enormen Preisdruck, der fortschreitenden Konzentration und der hochgezüchteten Rassen. Die Annahme der Initiative wäre eine Chance für sie.

Inwiefern?

Die hiesigen Bauern würden ohne Finanzspritzen vom Bund sowieso schon lange zugrunde gehen. Die Landwirtschaft an sich ist eine sehr teure Angelegenheit. Mehr auf Qualität und gute Tierhaltung zu setzen, wäre nur positiv. Auch für den Fleischexport ins Ausland. Die Schweiz könnte sich als Qualitätsvorreiterin im Markt positionieren.

Herr und Frau Schweizer konsumieren gut 80 Prozent Fleisch aus dem Inland. Was unternehmen Sie, damit bei Annahme der Initiative nicht einfach mehr Fleisch aus dem Ausland importiert wird?

Wir fordern natürlich auch vom Bund, dass er Importverbote auf Fleisch aus Massentierhaltungen verhängt. Alles andere würde ja nichts bringen. Sonst würde nur der Schweizer Markt mit ausländischem Fleisch überschwemmt.

Sie rechnen aber nicht ernsthaft damit, dass die Initiative mehrheitsfähig ist?

Doch, natürlich. Wir errechnen uns gute Chancen und werden von vielen verschiedenen Organisationen unterstützt. Niemand sieht gern zu, wie Tiere leiden.

Trotzdem kaufen viele Menschen Billig-Pouletflügeli.

Genau: Jedem normalen Menschen liegt das Tierwohl am Herzen. Nun will ich von ihnen nur wissen, ob sie auch bereit wären ein paar Franken mehr für ein Stück Fleisch oder eine Packung Eier zu bezahlen, mit dem Wissen, dass die Tiere gut gehalten wurden. Und die Bereitschaft ist da. Darum wird unsere Initiative auch Erfolg haben.