Die Wiler Beizenszene prägte das Leben von Karin Keller-Sutter: In dem gutbürgerlichen Restaurant Ilge wirteten ihre Eltern. In der Trinkstube zum Hartz lernte sie ihren späteren Ehemann kennen, und im Hof zu Wil feierte sie viele politische Erfolge. Die 54-Jährige ist im Patronatskomitee für das Wiler Wahrzeichen, das 1998 wiederbelebt wurde.

Genauso lange leiten Heidi und Edgar Bürgler die kulinarischen Geschicke im Hof zu Wil. "Wir sind ganz auf der Linie von Karin Keller-Sutter", sagt Edgar Bürgler am Vorabend der Wahl. Der Innerschweizer schwärmt von seinem Arbeitsplatz: "Dieses Bauwerk ist nicht nur ein imposanter Bestandteil der Wiler Altstadt, sondern auch ein Teil der persönlichen Geschichte vieler Gäste, die hier ein- und ausgehen."

Karin Keller-Sutter: «Mein Mann würde nicht sagen, ich sei perfekt»

Karin Keller-Sutter: «Mein Mann würde nicht sagen, ich sei perfekt»

Die frisch gebackene Bundesrätin Karin Keller-Sutter (FDP) gilt als Überfliegerin, der alles gelingt, was sie anpackt. Im ersten Interview nach der Wahl gibt sie sich bescheiden: Sie könne viele Dinge nicht und sei keinesfalls perfekt.

Daumendrücken für "unsere Karin"

Am Mittwochmorgen versammeln sich im Fürstensaal des über 800-jährigen Gebäudes rund 60 Parteifreunde von Karin Keller-Sutter. Ab 8 Uhr überträgt die FDP Wil die Bundesrats-Ersatzwahlen - dazu gibt es Kaffee und Gipfeli. Claudio Altwegg, Präsident der FDP Wil, eröffnet das "Public viewing": "Selbstverständlich drücken wir 'unserer Karin' die Daumen, wenn der freiwerdende FDP-Sitz neu besetzt wird", sagt er.

Die Stimmung ist entspannt. Als Karin Keller-Sutter in einem TV-Beitrag eingespielt wird und auf ihre Liebe zur Punkmusik angesprochen sagt, sie sei rebellisch in kontrollierten Rahmen gewesen, gibt es wissendes Gelächter.

Karin Keller-Sutters Karriere in Bildern:

Nach der deutlichen Wahl von Viola Amherd gibt es viel Applaus. Wil ist eine CVP-Hochburg. Stadtpräsidentin Susanne Hartmann (CVP) ist an diesem Morgen in Bern, genauso wie auch eine Delegation der FDP-Frauen.

Vorbild und Motivator

Cornelia Kunz, Vizepräsidentin der FDP Wil, harrt mit ihren Parteifreunden in den Hof zu Wil aus. Lange muss sie nicht warten. Kurz vor 10 Uhr sind die Wahlen bereits vorbei. Die 36-jährige Betriebsökonomin freut sich über den klaren Erfolg der Frauen. Sie habe allergrössten Respekt vor Karin Keller-Sutter. "Sie ist ein Vorbild und Motivator."

"Sie ist auch sehr pflichtbewusst", sagt Kunz. Nach der Nichtwahl vor acht Jahren sei Karin Keller-Sutter durch einen harte Zeit gegangen. Umso schöner sei es, dass sie die Reise nochmals angetreten habe und jetzt in den Bundesrat gewählt wurde.

Im Herbst 2019 tritt die St. Galler FDP erstmals mit einer Frauenliste bei den Nationalratswahlen an. Auch Cornelia Kunz gehört der 12er-Liste an. "Wir haben uns hohe Ziele gesetzt", sagt sie.

Plakat ausgerollt

An den Wänden des Saals hängen Fotos von den wichtigsten politischen Stationen von "KKS": Karin Keller-Sutter hat in der FDP Wil ihre Sporen als junge Politikerin abverdient. 1988 gründete sie die Sektion Wil der Jungen FDP. Die erste Wahl ging verloren: Mit noch nicht ganz 18 Jahren scheitert sie im ersten Versuch in den Wiler Gemeinderat einzuziehen. 1992 - im zweiten Anlauf - klappt es.

Als einzige Tochter mit drei Brüdern, die neun bis dreizehn Jahre älter sind, lernt sie früh, sich durchzusetzen. In der Schule war sie Klassenchefin und hat mit den Lehrkräften verhandelt.

Keller-Sutter wollte unbedingt Tierärztin werden. Als Kind durfte sie viele verschiedene Tiere halten. Das hat ihr in der Nachbarschaft den Übernamen "Zirkusdirektor" eingetragen. Jetzt wird sie "Direktorin" von einem Bundesdepartement. "Ich sähe sie am liebsten im Aussen- oder Wirtschaftsdepartement", sagt Salome Zeintl, Präsidentin der Jungfreisinnigen Wil.

Während sich die Parteifreunde zuprosten, rollt die Stadt Wil ein Plakat für die neue Bundesrätin aus. "Wir gratulieren Karin Keller-Sutter herzlich zur Wahl in den Bundesrat", heisst es darauf. Am 13. Dezember steigt die grosse Wahlfeier.