Wikileaks-Mission für die totale Transparenz

Julien Assange enthüllt, was Regierungen und Unternehmen geheim halten wollen. Mit der Publikation geheimer Dokumente des US-Militärs gelang ihm erneut ein grosser Coup.

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Mission für die totale Transparenz

Mission für die totale Transparenz

Roman Schenkel

Keine bezahlten Arbeiter, keine Kopiergeräte, keine Pulte, kein Büro. Wikileaks ist kein normales Unternehmen – Wikileaks ist Julien Assange. Er ist der Kopf der Organisation, die als geheim klassifizierte Dokumente und Bilder sammelt und sie auf ihrer Website Wikileaks.org veröffentlicht.

Von E-Mails aus Sara Palins privatem Yahoo-Account über Verhörmethoden im Guantánamo-Gefängnis bis hin zu einem Video der US-Streitkräfte von einem Luftangriff im Irak: Seit die Website vor dreieinhalb Jahren online ging, hat sie einen langen Katalog geheimen Materials publiziert.

Der Chef der Enthüllungsplattform ist erst 39 Jahre alt, obwohl der Australier mit seinen schneeweissen Haaren viel älter aussieht. Seine Haare – vorher dunkelbraun – seien nach Abschluss eines jahrelangen Sorgerechtsstreits um seinen Sohn mit seiner Ex-Frau innerhalb kürzester Zeit weiss geworden, sagt er.

Vom Geheimdienst beschattet?

Schon als Jugendlicher wählte sich Assange mit seinem Heimcomputer – einem Commodore 64 – nicht nur in Mail-Box-Systeme ein, sondern auch in Netzwerke von Behörden und Unternehmen. Später machte er sich als Hacker einen Namen, als er mit Vorliebe amerikanische Militärrechner ins Visier nahm. Immer wieder tauchen deshalb Gerüchte auf, dass die US-Geheimdienste Julian Assange und seinen Mitstreitern nachstellen.

Um amerikanischen Agenten aus dem Weg zu gehen, sagte der Australier erst vor zwei Wochen einen geplanten Auftritt auf einer Konferenz in New York ab. Assange hat nicht einmal ein eigenes Zuhause; er reist von Land zu Land. «Ich lebe am Flughafen», sagte Assange dem amerikanischen Magazin «The New Yorker». Man könnte meinen, der Mann sei auf der Flucht.

Gleichzeitig helfen ihm Hunderte von Freiwilligen, die komplizierte In-frastruktur der Internetplattform aufrechtzuerhalten. Wikileaks betreibt über zwanzig Internetserver, die auf der ganzen Welt verteilt sind, und zahlreiche Internetadressen. Auf diese Weise will Assange verhindern, dass die geheimen Informationen – sind sie einmal online – von der Website entfernt werden können. «Wikileaks ist ein unzensierbares System», erklärte Assange dem «Guardian».

Auf seiner Mission für die totale Transparenz hat sich Assange viele Gegner geschaffen. Zuletzt mit der Veröffentlichung geheimer Militärdokumente aus dem Afghanistan-Krieg das amerikanische Verteidigungsministerium. Doch eine Regierung, die Informationen von Wikileaks entfernt haben möchte, «müsste schon das ganze Internet herunterfahren, um dies zu erreichen.» Und dies, obwohl Wikileaks mit Klagen und Drohungen nur so eingedeckt wird.

So versuchten Anwälte von Scientology, 2008 die Veröffentlichung geheimer Papiere zu untersagen. Vergeblich. Assange antwortete, er plane sogar noch mehr Unterlagen von Scientology zu publizieren. Und: «Wikileaks wird den rechtlichen Forderungen von Scientology genauso wenig Folge leisten, wie wir dies bei ähnlichen Wünschen von Schweizer Banken, afrikanischen Kleptokraten und dem Pentagon getan haben», erklärte Assange den Klägern.

Wikileaks veröffentlichte Daten von Bankkunden und Transaktionen der Schweizer Privatbank Julius Bär auf die zu Grossbritannien gehörenden Cayman-Inseln, die als Steueroase gelten. Aufsehen erregten aber weniger die Dokumente an sich als die zahlreichen Versuche von Julius Bär, im Februar 2008 gerichtlich gegen Wikileaks vorzugehen.

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