Man könnte fast sagen: Scheidung schadet der Demokratie. Denn geschiedene Frauen beteiligen sich seltener an Abstimmungen und Wahlen als verheiratete oder Single-Frauen. Zu diesem Fazit kommen die Autorinnen einer Studie, welche Langzeitdaten aus dem Schweizer Haushalt-Panel (SHP) untersucht hat.

Das SHP ist eine jährlich wiederholte Panelstudie, die eine Zufallsstichprobe von Haushalten begleitet. Seit 1999 erhebt das vom Bund mitfinanzierte Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (Fors) jährlich bei den Mitgliedern dieser Haushalte Daten zum Thema «Leben in der Schweiz». Das SHP erlaubt es, Menschen über die Jahre zu begleiten und damit auch verändertes Verhalten nach Einschnitten in ihrer familiären Situation zu beobachten.

Ehefrauen sind sehr engagiert

Eben dies tat Fors-Mitarbeiterin Marieke Voorpostel: Sie analysierte anhand von Daten aus dem SHP, wie sich eine Veränderung der familiären Lebenssituation auf die Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen, die Freiwilligenarbeit und die Mitgliedschaft in Organisationen auswirkt. Die Studie, welche sie gemeinsam mit einer belgischen Co-Autorin veröffentlicht hat, ist kürzlich in der «European Sociological Review» publiziert worden.

Die Soziologinnen zeigen auf, dass verheiratete Frauen (und Frauen, die in einer festen Beziehung leben), nicht nur ihre demokratischen Rechte häufiger ausüben als Single-Frauen, sondern sich auch stärker ehrenamtlich engagieren. Konkret: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine verheiratete Frau Freiwilligenarbeit leistet, ist anderthalb Mal so gross wie diejenige, dass eine Single-Frau dies tut.

Kommt es zu einer Scheidung oder Trennung, verändern Frauen ihr Verhalten: Sie leisten markant seltener Freiwilligenarbeit und gehen seltener an die Urne.

Kein negativer Effekt bei Männern

Bei Männern lässt sich dieser negative Effekt nicht beobachten: Eine Trennung oder Scheidung bringt bei Männern keinen Rückgang des staatsbürgerlichen Engagements mit sich. «Geschiedene Männer haben selten Kinder zu Hause, für die sie sorgen. Damit verfügen sie über mehr Ressourcen, um ehrenamtlich und politisch aktiv zu sein», weist Voorpostel auf einen wichtigen Punkt hin. Denn: «Finanzielle Mittel und soziale Kontakte sind die Voraussetzung dafür, am sozialen und politischen Leben teilzunehmen. Geschiedene Frauen sind in beiden Bereichen weniger gut aufgestellt als ihre Ex-Männer, arbeiten sie doch häufig Teilzeit und haben dadurch auch kleinere soziale Netzwerke.»

So trägt die traditionelle Rollenteilung im Fall einer Scheidung dazu bei, dass sich Frauen weniger an staatsbürgerlichen Prozessen beteiligen (können). Voorpostel betont: «Die Beteiligung am Arbeitsmarkt ist ein Schlüsselfaktor, wenn es darum geht, politische Mitwirkung zu fördern.»

Ähnliche geschlechterbezogene Muster zeigen die Forscherinnen übrigens im Bereich der Elternschaft auf: Das Abstimmungsverhalten von Frauen verschlechtert sich deutlich nach der Ankunft eines Kindes. Beim Vater lässt sich dies nicht feststellen. «Ganz generell ist das Erwerbsleben von Männern wenig beeinflusst durch Veränderungen im Privaten, sei dies die Geburt eines Kindes oder eine Scheidung. Nun wissen wir, dass dies auch für die politischen Aktivitäten von Männern gilt», sagt Voorpostel.