Urserental
Wieso baut Milliardär Sawiris ausgerechnet in Andermatt ein Ferienresort?

Das Dorf liegt oft im Schatten, man blickt auf kahle Hänge – doch ausgerechnet in Andermatt baut Milliardär Sawiris ein Ferienresort. Das Urserntal hat zwar kein Matterhorn, dafür andere Trümpfe.

Sabine Kuster
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Impressionen aus Andermatt
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Häderlisbrücke Urserental Die Häderlisbrücke über die Reuss im Urserental zwischen Göschenen und Andermatt. Erbaut um 1646 anstelle eines älteren Steges, wurde die Brücke 1987 durch ein Hochwasser zerstört. Im Jahr 1991 wurde die Häderlisbrücke wieder aufgebaut und unter Schutz gestellt.
Urserental Motorradfahrer fahren durch das Urserental richtung Andermatt.
Andermatt Die Teufelsbrücke führt in der Schöllenenschlucht über die Reuss.
Gotthard Residences Andermatt Die noch im Bau befindlichen Gotthard Residences beim Dorfeingang Andermatt.
Bänz Simmen, Dorfführer in Andermatt
Gotthard Residences Andermatt Die noch im Bau befindlichen Gotthard Residences beim Dorfeingang Andermatt.
Schaf in Andermatt Ein Schaf posiert in Andermatt für den Fotografen.
Kolumbankirche Andermatt Die Kolumbankirche in Andermatt. Die Kirche, ein Romanischer Bau, wurde zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert erbaut und war bis 1602 Talkirche von Ursern und wurde 1942 restauriert.
Andermatt Die Unteralpreuss fliesst durch das Dorfzentrum von Andermatt.
undefined Ein Bergkristall wird als Souvenir zum Verkauf angeboten. Das Gebiet um Andermatt ist aufgrund der besonderen geologischen Situation reich an Mineralien.
Andermatt: Der Preis für Immobilien ist seit dem Baustart des Ferienresorts stark gestiegen. Hinten im Bild fährt ein Zug der Matterhorn Gotthard Bahn vom Oberalppass hinunter nach Andermatt. 
Andermatt Baustelle im Zentrum von Andermatt.
Andermatt Infotafel im Dorf Andermatt.
Ein Zug der Matterhorn Gotthard Bahn fährt oberhalb der Teufelsbrücke durch die Schöllenenschlucht
Die Teufelsbrücke führt in der Schöllenenschlucht über die Reuss.
Schöllenenschlucht Das bekannte Suworow-Denkmal. Es erinnert an die Kämpfe am 25. September 1799 während des Zweiten Koalitionskrieges zwischen napoleonischen und russischen Truppen. Letzte standen unter dem Befehl von General Alexander Suworow.
Andermatt Das Dorfzentrum.
Der Stollen Teufelswand bei Andermatt Der im Berg gehauene Stollen in der Teufelswand diente der Umgehung der Schöllenenschlucht, falls man die Teufelsbrücke(n) hätte sprengen müssen. Heute kann der Stollen als Teil des Rundwegs Schöllenen besichtigt werden.
Kaserne Altkirch Andermatt Ein Bunker.
Die Kaserne Altkirch Das Militär war lange eine sichere Einkommensquelle für die Einheimischen in Andermatt. 
Andermatt Ein Wegweiser oberhalb von Andermatt.

Impressionen aus Andermatt

Severin Bigler

Ich will endlich die Antwort. Die Erklärung zu Andermatt. X-mal bin ich mit dem Zug vorbeigefahren, jedes Mal habe ich mich gefragt: Warum hier? Warum steht im Schatten des Gemsstock-Nordhangs ein Dorf? Warum ist der Südhang kahl? Und warum baut ein Ägypter ausgerechnet hier ein Ferienresort?

Im Hotel Bergidyll, dunkles Holztäfer, schlichtes Zimmer, freundliche Wirtin, deponiere ich das Gepäck und spaziere durchs Dorf. Die Dorfstrasse sieht aus wie neu gepflästert. Ich gehe am Hotel-Baustil-Sammelsurium vorbei Richtung Dorfkern. Das neue, glamouröse Hotel Chedi ist nicht das Ziel, ich will mehrere Jahrhunderte zurück. Ich will zu Bänz Simmen.

Eigentlich bin ich mit ihm erst tags darauf verabredet, aber dann stolpere ich auf der Suche nach einem Aufladekabel für mein Natel zufällig in seinen Kiosk. Bänz Simmen, Snowboarder der ersten Stunde, Weltreisender, heute Dorfführer und Vollblut-Andermatter, legt sofort los. Erst als es dunkel ist und mein Magen knurrt, finden seine Erzählungen ein vorläufiges Ende. Tausend Jahre liegen hinter uns. Meine Fragen sind beantwortet.

Bänz Simmen Der Dorfführer in seinem Kiosk "Café 61" in Andermatt. 

Bänz Simmen Der Dorfführer in seinem Kiosk "Café 61" in Andermatt. 

SEVERIN BIGLER

Hab ich es doch geahnt: Das Urserental war einst komplett bewaldet! Wer dem Wald zuerst zu Leibe rückte, kann nicht mehr genau gesagt werden. Sicher ist: Schon zu den Zeiten der Römer kamen Hirtenstämme aus Norditalien ins Tal, die an Weideland, nicht an Wald interessiert waren. Später liessen sich Bündner hier nieder – bis die Walser auf der Suche nach neuen Weidegründen ebenfalls in die Urseren kamen. Ein paar Ausdrücke aus diesem Kulturenmix blieben erhalten: «Chalazza» für Frühstück hat italienische Wurzeln (collazione), die Furka oder Furgge (Pass) kommt vom romanischen Fuorgla. Und auch «Andermatt» ist nichts als die Übersetzung des ersten romanischen Dorfnamens: De Prato, an der Fläche, oder eben: an der Matte.

Die Walser, Meister der Alpen-Bewirtschaftung, brandrodeten die Südhänge. Dadurch lösten sich im Winter die Lawinen vom Hang und die Humusschicht wurde weggeschwemmt. Als das Kloster Disentis um das Jahr 800 die Talschaft in Besitz nahm, war den Bündnern klar: Im Süden kann man nicht bauen. Nicht nur wegen der Lawinen und nicht nur wegen der Reuss, welche die Ebene im Sommer in einen einzigen Sumpf verwandelte, bevor sich das Wasser die Schöllenen hinunterstürzt. Der dritte Widersacher ist der Wind. Er pfeift als Föhn von der Furka durchs Tal. Heute prallt er auf die Baugerüste von Samih Sawiris.

Das Gerücht mit dem Scheich

Bänz Simmen erinnert sich noch gut daran, wie Anfang 2000 das Gerücht durchs Dorf geisterte, ein Scheich habe das Tal gekauft. Es war eines von vielen Gerüchten, Simmen schenkte ihm wenig Beachtung. Jetzt ist Sawiris schon zehn Jahre lang am Bauen, zeigt sich unerschütterlich optimistisch, trotzt dem Föhn nicht minder als die Walser.

Die bauten ihre schlichten Holzhäuser an die geschützte Stelle im Schatten des Gemsstock und weideten im Sommer das Vieh an den Sonnenhängen. Heute sind die gerodeten Hänge zu einem kleinen Teil aufgeforstet und sonst mit Lawinenverbauungen gesichert. Zudem ist die Reuss kanalisiert. Der Sumpf ist getrocknet und darauf ein Golfplatz eingerichtet. Die Apartmenthäuser draussen in der Ebene, die nun gebaut sind oder noch werden, heissen «Schneefalke», «Wolf», «Edelweiss» oder «Alpenrose». Sie sollen den Föhn brechen. Zwischen den Häusern ist eine Piazza geplant, Brunnen, Bäume, Restaurants, Shops. Ein neuer Teil von Andermatt.

Die Kaserne Altkirch Das Militär war lange eine sichere Einkommensquelle für die Einheimischen in Andermatt. 

Die Kaserne Altkirch Das Militär war lange eine sichere Einkommensquelle für die Einheimischen in Andermatt. 

Severin Bigler

Das Dorf breitet sich aus, mehr noch als in den letzten hundert Jahren, als das Militär die sichere und bequeme Einkommensquelle der Andermatter war. Seine ganze Verwandtschaft habe beim Bund gearbeitet. «Meinen einen Onkel habe ich nie in ziviler Kleidung gesehen», sagt Simmen.

Der Unternehmergeist der Andermatter, Hospentaler und Realper ist währenddessen verkümmert. Die Ehrgeizigen zogen weg. Dabei bewachten sie einst die Passstrassen, erhoben geschäftstüchtig Zölle, trieben als Säumer Vieh durch die Berge und verkauften es in Luzern zum Wucherpreis. Hinzu kam, dass nach dem Zweiten Weltkrieg auch das goldene Zeitalter des Tourismus vorbei war. Festungen zu putzen war ohnehin einfacher als Touristen bei Laune zu halten.

Zweimal Standortvorteil

Von den einst vier Bäckereien hat nur eine überlebt. Nur die Berliner der Bäckerei Baumann an der Gotthardstrasse locken durchs Schaufenster in den Laden. Sie sind süss, der Zucker knirscht zwischen den Zähnen und rieselt von den Fingern. Der Tourismus erwacht hier gerade wieder. Nach der Hirterei, der Säumerei und dem Militär ist dies – also der Unternehmer aus Ägypten – Andermatts (einzige) Chance für die Zukunft.

Trotz steiler, kahler oder schattiger Hänge – einen Standortvorteil hat Andermatt für immer: Vom Dorf gehen die Strassen in die vier Himmelsrichtungen weg. Über den Furkapass ins Wallis und weiter nach Frankreich, die Schöllenen hinunter ins Mittelland und nach Deutschland, über den Oberalppass ins Engadin und nach Österreich und schliesslich über den Gotthard ins Tessin und Richtung Italien.

Der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris, hier im luxuriösen Hotel The Chedi, glaubt weiterhin an Andermatt.

Der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris, hier im luxuriösen Hotel The Chedi, glaubt weiterhin an Andermatt.

KEYSTONE

Als der Gotthard, der ewige Mythos, noch nicht durchstochen war, musste jeder auf dem direkten Weg in den Süden an Andermatt vorbei. Der Stau auf der Gotthardstrasse war kein Übel, nein, die Ursner verkauften ihr Wasser zum Kühlen der Motoren und priesen es als besonders wirksam an. Den ersten Tunnel von 1880 nannten die Ursner «Brotschelm», er raubte ihnen lebenswichtige Einnahmequellen. Mit der Neat, dem neusten Loch, halten die Züge heute nicht mal mehr unten in Göschenen. Abends an der Bar des Hotel Bergidyll schimpft ein Andermatter über die neuen, schlechteren Zugverbindungen ins Tessin und nach Zürich.

Trotzdem: Die Lage bleibt ein Trumpf im Vergleich mit anderen Feriendestinationen in den Alpen. Zermatt, St. Moriz oder Gstaad haben alle lange Anfahrtswege. Der andere Trumpf: nochmals die Lage. Hier, an der Wasser- und Wetterscheide Europas, regnet und schneit es überdurchschnittlich oft. Schneesicherheit ist in der Zeit des Klimawandels das entscheidende Argument für einen Skiort. Ein Argument für Andermatt, eine Erklärung für Sawiris Optimismus.

Bloss: Gelingt es, die Leute anzulocken? Der englische Gentleman, der anderntags beim Frühstück im «Bergidyll» sitzt, kam in den 60er-Jahren zum ersten mal mit dem Auto in die Schweiz. Er montierte in Göschenen die Schneeketten und landete schliesslich eher zufällig in Andermatt. Er kam immer wieder, «it’s the good quality of snow», wegen der Schneequalität, sagt er. Das «Bergidyll» war damals «the place to be», abends spielten Bands, man tanzte, auch das Militär. Heute ist das Hotel nicht mal im Online-Reservationstool des Tourismusbüros aufgeführt. Andere Unterkünfte sind hip. Dafür hat das «Bergidyll» moderate Preise.

Andermatt: Der Preis für Immobilien ist seit dem Baustart des Ferienresorts stark gestiegen. Hinten im Bild fährt ein Zug der Matterhorn Gotthard Bahn vom Oberalppass hinunter nach Andermatt. 

Andermatt: Der Preis für Immobilien ist seit dem Baustart des Ferienresorts stark gestiegen. Hinten im Bild fährt ein Zug der Matterhorn Gotthard Bahn vom Oberalppass hinunter nach Andermatt. 

SEVERIN BIGLER

Die Preise sind ein Thema in Andermatt: Wohneigentum wurde teurer (+160 Prozent seit Projektbeginn) und es fehlen Wohnungen für die Angestellten. Diese belegen nun die Ferienwohnungen, welche nicht von Touristen belegt sind. Die Übernachtungszahlen sind erst leicht gestiegen. Aber immerhin ist die Bevölkerung um 10 Prozent gewachsen – wenn auch nicht an Kindern. Die Steuereinnahmen haben sich verdoppelt. Das sind sehr gute Neuigkeiten für ein Dorf, das in den 90ern auszusterben drohte. Nicht alle waren so treue Stammgäste wie der Herr aus England.

Die Engländer machen heute einen Anteil von acht Prozent aus bei den Übernachtungen der Hotels von Andermatt Swiss Alps, Sawiris’ Firma. Damit bringt das Königreich immer noch am meisten ausländische Gäste. Zweieinhalb Stunden sind es zwar von Andermatt nach Mailand – doch die Touristen sind nur zu zwei Prozent Italiener. Die Schweizer sind mit 58 Prozent am stärksten vertreten – fast die Hälfte davon Romands.

Sawiris’ CEO vor Ort, Franz-Xaver Simmen, und CFO Matthias Jäggi präsentierten an einer Pressekonferenz im Frühling diese Zahlen. Die Baustelle lag in dichtem Nebel. Das gibts halt auch an der Wetterscheide.

Sawiris alleine schafft es nicht

«Die Andermatter glaubten zuerst, sie würden noch einmal stinkreich durch Sawiris», sagt Simmen. Er sollte das Dorf retten. Man stimmte dreimal überdeutlich für seine Vorhaben. Aber nach zehn Jahren wird im Dorf langsam klar, was es hiess, als Sawiris sagte, er sei ein Vollblut-Unternehmer. Der Ägypter wird weiter alles daransetzen, dass sein Projekt im Süden des Dorfes zum Fliegen kommt, aber wenn die Andermatter sich eine Scheibe davon abschneiden wollen, müssen sie das Messer selber in die Hand nehmen. Sie müssen wieder selber Unternehmer werden. Und ihre Natur anpreisen. Ein Matterhorn gibt es in Andermatt nicht, aber Simmen ist mit seinen Dorf- und anderen Führungen ausgebucht. Er geht mit den Touristen auch auf Kristall-Suche und ist überzeugt, dass noch viel mehr drinliegt. Ihnen das einsame Wittenwassertal zeigen, den Rossplattensee am Südhang und alles Schöne und Urtümliche. Ein Besuch bei seiner befreundeten Sennin beim Käsen zum Beispiel.

«The Chedi» Das bekannte Luxushotel in Andermatt, das Sawiris gebaut hat. 

«The Chedi» Das bekannte Luxushotel in Andermatt, das Sawiris gebaut hat. 

SEVERIN BIGLER

In der zweiten Befragung der Andermatter Bevölkerung 2012 durch die Hochschule Luzern zeigte sich: Die Aufbruchstimmung ist teilweise der Enttäuschung gewichen. Das versprochene Sportzentrum fürs Dorf ist immer noch nicht gebaut. Manche fühlen sich beiseitegelassen. Sawiris hat sie nicht gerettet. Die neue Gemeindepräsidentin will zu alldem lieber nichts sagen. Auch nicht zu neuen Strategien oder Visionen und ob der schöne alte Dorfteil endlich verkehrsfrei wird.

Aber Bänz Simmen ist nicht der einzige positiv Eingestellte im Dorf. Auch José im «Ochsen» zum Beispiel. Es ist die Stammbeiz der Dorfbewohner, der Feuerwehr und von langjährigen Touristen. Den Tagestouristen – Passfahrer sind noch immer eine gute Einnahmequelle – verkauft der Spanier Fondue in urchigem Ambiente. «Nur jene, die nichts tun, beklagen sich», sagt er.

Was hatte Simmen gesagt? «Die einzige Konstante in diesem Tal ist die Veränderung. Wir haben uns schon immer den Gegebenheiten angepasst.»

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