Ernährungs-Serie

Wie unser Speiseplan aussehen würde, wenn die Schweiz sich selbst versorgen müsste

Weniger Fleisch, dafür mehr Kartoffeln ässen wir, wenn wir nur inländische Nahrungsmittel verzehrten.

Weniger Fleisch, dafür mehr Kartoffeln ässen wir, wenn wir nur inländische Nahrungsmittel verzehrten.

Nur die Hälfte der Nahrungsmittel produziert die Schweiz im Inland. Dabei könnte sie sich selbst versorgen. Das hätte aber Auswirkungen auf das, was wir täglich essen.

Als offene Volkswirtschaft ist die Schweiz eng mit dem Weltmarkt vernetzt – auch beim Essen. Gerade mal 63 Prozent des inländischen Verbrauchs an Nahrungsmitteln stammten 2014 aus Schweizer Produktion, wie dem letzten Agrarbericht von 2016 zu entnehmen ist. Allerdings nur brutto. Werden auch die für die Inlandproduktion importierten Futtermittel miteinbezogen, schrumpft der Anteil auf 55 Prozent. Ein im internationalen Vergleich sehr tiefer Wert, der sich – wenn auch in unterschiedlichem Mass – auch in den Selbstversorgungsquoten verschiedener Nahrungsmittel widerspiegelt (siehe Grafik). Diesen Grad zumindest halten zu können, war mit ein Argument, mit dem der Schweizer Bauernverband die Initiative «für Ernährungssicherheit» lanciert hatte. Am 24. September wird über den Gegenvorschlag zur mittlerweile zurückgezogenen Initiative abgestimmt.

Die Kalorien werden nicht knapp

Die Abhängigkeit von ausländischen Erzeugnissen ist in den letzten Jahren «ziemlich stabil», sagt Ueli Haudenschild. Er leitet beim Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) die Geschäftsstellen Ernährung und Heilmittel. Zu beobachten sei hingegen eine Zunahme der Importe von Fertigprodukten. Als Folge davon werden die entsprechenden Rohwaren – im Falle etwa von Teigwaren der Hartweizen – weniger oder gar nicht mehr im Land verarbeitet und angebaut, wie Haudenschild sagt.

Je kleiner der Selbstversorgungsgrad, desto grösser die Abhängigkeit vom Weltmarkt. Ein Risiko? Beim BWL macht man sich mit Blick auf die Ernährung der Schweiz keine Sorgen. Die Gefahr einer tatsächlichen Knappheit besteht «zumindest kalorienmässig» derzeit kaum, wie Haudenschild sagt. Die meisten Produkte könnten gegebenenfalls ersetzt werden, indem man etwa von knapper werdendem Reis auf Weizen ausweicht. Damit Knappheit tatsächlich ein Thema werden könnte, wären «massive weltwirtschaftliche Verschiebungen» nötig, etwa wenn wichtige Exporteure – beim Weizen etwa die USA oder Südamerika – wegen Eigenbedarfs die Ausfuhr stoppten. Eher denkbar sind gemäss Haudenschild hingegen Engpässe bei Bereichen wie den Futtermitteln. Eine zunehmende Importabhängigkeit zeige sich bei den für die Landwirtschaft nötigen Vorleistungen wie Saatgut und Düngemitteln. «Aber da hatten wir in den letzten Jahrzehnten Gott sei Dank keine Probleme.» Anders sei die Lage im Heilmittelsektor und neuerdings auch im Veterinärwesen, sagt Haudenschild. So musste der Bund Anfang 2016 dieses Jahres ein Antibiotika-Pflichtlager für den Veterinärbereich eröffnen.

Das nackte Überleben

Dennoch beschäftigt die Frage der Selbstversorgung auch den Bund. «Allerdings wird der Selbstversorgungsgrad bei uns anders angeschaut», erklärt Haudenschild. «Autarkie bedeutet bei uns, das Minimum der nötigen Kalorien bereitzustellen. Da geht es um das nackte Überleben und nicht um eine optimale oder gar eine Überversorgung.» Das BWL rechnet mit 2300 Kalorien pro Tag und Person, die dazu in der Schweiz produziert werden müssten. Um diese Versorgung sicherzustellen, hat der Bund eine Mindestfläche von 430'500 Hektaren an besonders ackerfähigen Fruchtfolgeflächen ausgeschieden. Es ist Aufgabe der Kantone, den ihnen zugewiesenen Flächenanteil jederzeit zu garantieren.

Wenngleich schon fast 30 Jahre alt, gelte der zugrunde liegende Ernährungsplan auch heute noch, so Haudenschild. Der technologische Fortschritt in der Landwirtschaft habe das Bevölkerungswachstum kompensiert, wie jüngere Untersuchungen belegten. «Wir könnten diese 2300 Kalorien produzieren. Vorausgesetzt, die Vorleistungen kommen.» Düngemittel und vor allem Saatgut müssten also weiterhin importiert werden können.

Wie sähe eine solche auf Existenzsicherung ausgerichtete Landwirtschaft aus? Die Fleischproduktion würde wegen des grossen Flächenbedarfs stark eingeschränkt, so Haudenschild, insbesondere mit Blick auf Schweine und Geflügel. «Auf den Feldern müsste die Tierfutterproduktion der Nahrung für den Menschen Platz machen», sagt Haudenschild. In erster Linie heisse das: Steigerung des Getreide- und Kartoffelanbaus. Daneben würde auch die Herstellung von Zucker und Frischprodukten hochgefahren, die in der Schweiz gut gedeihen. Dazu, so Haudenschild, würden nebst den genannten Fruchtfolgeflächen selbstredend sämtliche Ressourcen genutzt, also etwa auch die Alpwirtschaft, die gerade für die Milchproduktion nützlich ist und nicht anders eingesetzt werden kann.

Dass, wie bei der Anbauschlacht während des Zweiten Weltkriegs, sämtliche Flächen bis hin zu privaten Gärten einbezogen würden, ist für Haudenschild aber «undenkbar». Es müsste weiterhin industriell angebaut werden können. «Ein paar Kartoffeln aus dem eigenen Garten» seien denn auch nicht Teil der Planung.

Selbstversorger auf Zeit

Was die Bevölkerung im Ernstfall tatsächlich auf dem Teller hätte, kann man auch beim BWL nicht sagen. «Es gäbe aber sicher viel mehr Kartoffeln und Getreide», sagt Haudenschild. Und die Nahrungsmittel würden weniger verarbeitet und vermehrt in ihrer ursprünglichen Form verzehrt – also Gschwellti statt Chips, Zucker statt Cola.

Diese Planspiele zur Ernährung des Landes sind aber nicht auf eine Dauersituation ausgerichtet, sondern immer nur auf vorübergehende Herausforderungen, wie Haudenschild sagt. Er spricht von einem Zeitraum von mindestens einer Vegetationsperiode, «schlimmstenfalls von zwei bis drei Jahren», der so bestritten werden könne. Für längere Zeiträume müssten die Verarbeitungs- und Lagerkapazitäten drastisch erhöht werden, um die steigende Produktion aufnehmen zu können, wie Haudenschild sagt.

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