Hinter dem Vorhang tobt ein unerbittlicher Kampf. Nicht mit Fäusten, sondern mit Worten und Scheinen. Es wird viel versprochen und noch mehr bezahlt. Gekämpft wird um uns. Wir, die den Sport am Fernsehen konsumieren. Wir, die einen Purzelbaum machen, wenn Roger Federer ein Turnier gewinnt. Wir, die sofort erkennen, wenn Vladimir Petkovic die falsche Taktik wählt. Wir, die den Durchblick im Sport haben, aber immer mehr den Durchblick verlieren, was wir wann wo schauen können.

Den jüngsten Kampf hat Teleclub gewonnen. Der Swisscom-Bezahlsender hat sich die Rechte für die Champions und Europa League ab der Saison 2018/19 für drei Jahre gesichert. Für die bisherige Rechteinhaberin SRG ist das eine schwere Schlappe. Zwar hat die Schweiz ab 18/19 keinen fixen Startplatz mehr in der Champions League. Unser Meister muss durch die Qualifikation, womit die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass er es tatsächlich in die Königsklasse schafft. Dafür werden voraussichtlich drei, vielleicht sogar einmal vier Schweizer Klubs in der Europa League vertreten sein. Wie wichtig ein Schweizer Vertreter für die Beachtung ist, beweisen Zahlen von SRF. Die Champions-League-Partie Basel gegen Arsenal schauten am 6. Dezember 284 000 Zuschauer. Einen Tag später schalteten noch 211 000 beim Gipfeltreffen zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund ein.

Aber noch ist nicht klar, ob SRF an Europacup-Abenden leer ausgeht. Denn Teleclub schreibt in einer Medienmitteilung: «Entgegen dem Trend im umliegenden Ausland finden diese attraktiven Wettbewerbe nicht ausschliesslich im Pay-TV statt. Vielmehr werden einzelne Spiele auch auf dem Free-TV-Sender Teleclub Zoom live zu sehen sein. Zudem wurden an einigen Spielen co-exklusive Rechte erworben, sodass eine Übernahme und Ausstrahlung durch die SRG möglich ist.»

MySports mischt die Szene auf

Im Gerangel um Sportrechte haben SRF und Teleclub neuerdings einen Konkurrenten mehr: den UPC-Kanal MySports. Wobei der Kampf vor allem zwischen den beiden Bezahlsendern ausgefochten wird. «Skandal», schreit UPC. «Skandal», kontert Swisscom. In beiden Fällen greift die Eidgenössische Wettbewerbskommission (Weko) ein.

SRF bietet eine Sportabdeckung, wie sie quantitativ kein anderer öffentlich-rechtlicher Sender in der Nachbarschaft aufweisen kann. Das nach eigenen Angaben grösste öffentlich-rechtliche TV-Sportangebot Europas begleichen wir mit der Billag. Teleclub und MySports hingegen sind Pay-TV-Sender. Wobei MySports nur schauen kann, wer einen Kabelnetz-Anschluss hat. Im Gegenzug kann Teleclub nicht nur von Swisscom-, sondern zumindest teilweise auch von UPC-Kunden abonniert werden.

Im Duell Teleclub versus MySports geht es nicht in erster Linie um Einschaltquoten. Viel eher sind strategische Interessen der Mutterunternehmen Swisscom und UPC die Triebfeder. Es geht um Anschlüsse und Abos. Mit dem Sport, für den beide Player beinahe astronomische Summen ausgeben, wollen sie uns ködern. Festnetz, Mobilfunk, Internet, TV-Anschluss – «all in one und am besten bei uns».

Dass Swisscom und UPC streiten, ist nicht weiter schlimm. Denn üblicherweise sinken die Preise, wenn ein Wettbewerb tobt. Doch in diesem Fall wird der Kampf um Sportrechte auch auf dem Rücken der Konsumenten ausgetragen. Wer künftig die Spiele der Schweizer Eishockey- und Fussball-Liga schauen will, bezahlt mehr. Ein Teleclub-Abo wie bisher reicht nicht mehr. Jetzt muss man auch noch einen MySports-Zugang fürs Eishockey kaufen.

Die Krux an der Geschichte: Beide nehmen eine Monopolstellung ein und schwärzen den Konkurrenten aus diesem Grund bei den Gralshütern der freien Marktwirtschaft an. Siehe da: Die Weko hat die Swisscom schon mal mit 71,8 Millionen gebüsst, weil sie in der Vergangenheit ihre marktbeherrschende Stellung im Bereich der TV-Rechte für nationalen und internationalen Fussball sowie für die nationale Eishockey-Meisterschaft missbraucht und die TV-Bilder UPC und anderen Kabelnetzbetreibern vorenthalten hatte. Swisscom hat das Urteil vor Bundesverwaltungsgericht gezogen. Doch nun untersucht die Weko, ob UPC ihre marktbeherrschende Stellung im Eishockey missbraucht. Mit einem Entscheid der Weko ist im Normalfall in eineinhalb Jahren zu rechnen.

Ich hab, was du nicht hast – Ätsch! Von mir kriegst du nichts – Ätsch! Mag sein, dass im Kindergarten nicht viel anders gestritten wird. Aber hier geht es um sehr viel Geld. UPC hat die Eishockey-Rechte für die nächsten fünf Jahre bis 2022 für 35 Millionen Franken pro Saison gekauft. Etwa gleich viel bezahlt Teleclub für die Fussballrechte bis 2021. Profiteure dieses Verdrängungswettbewerbs sind die Verbände und Ligen. Die Swiss Ice Hockey Federation kassiert im Vergleich zum letzten Abschluss dreimal mehr. Die Swiss Football League nimmt beinahe das Doppelte ein. Als Preistreiber entpuppt sich UPC, wo man sich zum Ziel gesetzt hat, «die Monopolstellung von Swisscom zu durchbrechen».

SRG: Sport ist nicht refinanzierbar

Zum Vergleich: Die SRG bezahlt pro Jahr im Schnitt 51,2 Millionen für den Erwerb von Sportrechten. Darin inbegriffen sind Gassenfeger wie Olympia, Fussball-Nati, Lauberhorn, Eidgenössisches Schwingfest, Champions League (zumindest noch die kommende Saison), Wimbledon und, und, und.

«Sport ist in der Schweiz generell nicht refinanzierbar», sagt Roland Mägerle, Leiter Business Unit Sport SRG und Sport SRF. «Unser durchschnittlicher Refinanzierungsgrad beträgt 13 Prozent.» Bei Teleclub und MySports wird er wohl um einiges tiefer sein. Einerseits, weil sie für die Rechte ein Vielfaches bezahlen. Andererseits, weil sie punkto Reichweite SRF weit unterlegen sind, was sich auf die Werbeeinnahmen negativ auswirkt.

Aber eben: Es geht bei Teleclub und MySports nicht primär um Einschaltquoten, sondern um Abos und Anschlüsse. Deshalb sagt Roger Elsener, Geschäftsleiter des TV-Bereichs der AZ Medien: «Glauben Sie mir. Beide Unternehmen haben seriöse Businesspläne erstellt. Entscheidend ist für sie die Zahl unter dem Strich. Und vor dieser Zahl wird kein Minus stehen.»

Wer die Teleclub-Homepage anklickt, staunt. Der Bezahlsender suggeriert, dass er die Schweizer Eishockeyliga weiterhin im Portfolio führt. Erst im Kleingedruckten steht: «Teleclub ist zuversichtlich, dass auch die NLA-Spiele der Saison 2017/18 auf der Swisscom-TV-Plattform und/oder im Rahmen des Teleclub-Angebotes weiterhin übertragen werden.» Darüber ist man bei der Konkurrenz nicht erfreut: «Um unsere Investitionen zu schützen, werden wir das MySports-Signal nicht an Swisscom weitergeben», heisst es bei MySports.

Für Carole Söhner von der Weko ist klar: «Der Status quo mit Fussball exklusiv auf der einen und Eishockey exklusiv auf der anderen Plattform verärgert die Konsumenten. Ich nehme an, dass die beiden Parteien im Sinne des Konsumenten eine Einigung finden sollten.» Möglich, dass UPC und Swisscom miteinander reden. Aber dass sie Konzessionen eingehen, der eine dem anderen Teile seines exklusiven Inhalts zur Verfügung stellt, ist unwahrscheinlich. Denn: Der UPC-Sender MySports ist auf Exklusivität angewiesen, um sich als Neueinsteiger im TV-Sport-Markt zu etablieren. Sprich: Die Ankündigung von Teleclub ist wohl Wunschdenken.

Eishockey mal hier, mal dort

Kompliziert wird es für den Eishockey-Fan. Die National League A gibts bei MySports. Den Cup und die Spiele der Nordamerikanischen Hockey League (NHL) auf Teleclub. Aber wenn die Post abgeht, ist man bei SRF gut bedient. Das Schweizer Fernsehen zeigt das olympische Turnier, die WM, den Spengler-Cup und ist ab den Playoffs mit Liveübertragungen am Start. Zwei von vier Viertelfinals, einen Halbfinal (jeweils mit Erstzugriffsrecht) und natürlich den Final.

Auch im Schweizer Fussball hat sich SRF gut positioniert. Sicher: Teleclub kann mit Quantität auftrumpfen, 36 Runden à 5 Spiele macht 180 Live-Partien. Demgegenüber wirkt das eine Live-Spiel pro Runde auf SRF 2 bescheiden. Doch Mägerle sagt: «Da wir einige Erstzugriffsrechte haben, ist die Chance gross, dass wir Basel gegen YB zeigen, wenn die beiden Teams in der zweitletzten Runde im Titelduell aufeinandertreffen.» Kurz: Wer Reichweite erzielen will – und das streben alle Verbände und Ligen in der Schweiz an – geht zwangsläufig eine Liaison mit der SRG ein.

Braucht die Schweiz Teleclub und MySports überhaupt? Oder: Ist der Schweizer Markt gross genug für zwei Bezahlsender? Unbestritten ist, dass Sport einem Sender ziemlich viel Beachtung bescheren kann. TV24 beispielsweise erreichte mit dem relativ spannungsarmen Handball-Länderspiel Slowenien - Schweiz beachtliche 4 Prozent Marktanteil und wird am 2. September mit dem WM-Qualifikationsspiel Spanien - Italien, einem Fussballklassiker schlechthin, hohe Quoten erreichen. In einer anderen Dimension bewegt sich SRF. Das EM-Gruppenspiel der Schweiz gegen Frankreich war mit 1,57 Millionen Zuschauern die Sendung mit der höchsten Einschaltquote im Schweizer Fernsehen seit Einführung des neuen Messsystems 2013. Aber eben: Das sind Zahlen, welche die Bezahlsender nie erreichen werden. Selbst in Deutschland (82 Millionen Einwohner), wo Fussball wirklich König ist, muss sich der Bezahlsender Sky mit 5 Millionen Kunden begnügen.

Champions-League-Final ist gratis

Die Schwierigkeit für Teleclub und MySports besteht darin, dass wir eine TV-Gratiskultur gewohnt sind. Dazu zwei Zahlen aus Deutschland: 10 Millionen schauten das Champions-League-Viertelfinal-Hinspiel zwischen Bayern München und Real Madrid auf ZDF. Beim Rückspiel auf dem Bezahlsender Sky sassen nur noch 1,5 Millionen vor der Glotze.

Aber es gibt auch gute Neuigkeiten für die Sportfans. Es wird nicht alles teurer. Teleclub und MySports bieten künftig auch Gratis-Angebote. Teleclub Zoom, so heisst das eine Baby, will Talk- und Magazinsendungen, ausgewählte Partien aus der Serie A und ein Challenge-League-Spiel pro Runde zeigen. Ausserdem verspricht Teleclub: Den Champions-League-Final 2019 gibts ebenfalls auf der Free-TV-Plattform Teleclub Zoom, die ab 22. Juli ihren Betrieb aufnimmt. Das Gratis-Konzept von MySports sieht ähnlich aus. Wöchentlich je ein Eishockeyspiel aus der NLA und NLB, dazu ein NLA-Handballspiel pro Runde und alle Rennen der Formel E. Fette Quoten verspricht weder das eine noch das andere Gratis-Programm.

Deshalb: Erleben wir den Anfang oder bereits das Ende des goldenen TV-Zeitalters? Werden die Rechte immer teurer? Was passiert, wenn die Reviere zwischen UPC und Swisscom verteilt sind? Wenn punkto Abos und Anschlüsse nur noch marginales Wachstum möglich ist und die strategischen Interessen wegfallen? SRG-Mann Mägerle sagt: «Genau aus diesen Überlegungen ist es fraglich, dass in der Schweiz die Spirale weiterdrehen wird und die Rechte für Fussball und Eishockey teurer werden als bisher.»

Unbestritten ist hingegen, dass die Preise für die international gehandelten TV-Sportrechte weiter steigen werden. In Deutschland hat das ZDF nicht nur die Champions-League-Rechte (ab 2018) an Sky verloren. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF haben zuvor schon die Olympiarechte an den US-Konzern Discovery verloren, der mit Eurosport auf Sendung ist.

Doch was bringt die Zukunft? Möglich, dass die Bezahlsender schon über dem Zenit sind. Sky verzeichnet in England einen Rückgang der Zuschauerzahlen von 14 Prozent. Doch was kommt danach? Möglich, dass Medienkonzerne wie Facebook, Google in das Live-Sport-Geschäft einsteigen. Oder auch branchenfremde Riesen wie Coca-Cola oder McDonald’s bewegte Sportbilder über ihrer Website streamen. DAZN, der Emporkömmling im Internetsportfernsehen, macht es vor. Klar ist: Reichweite gleich Werbewert. Doch Reichweite erreichte bisher nicht, wer eine Bezahlschranke einrichtet.