Sexuelle Belästigung
Wie SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz zur rechten Vorkämpferin für die Frauen wurde

Die Genfer SVP-Bankerin verhilft dem Kampf gegen sexuelle Belästigung im Bundeshaus zum Durchbruch. Ihre Aussage, sie sei von einem Parlamentarier kürzlich durch eine «unangemessene Geste» bedrängt worden, trat eine Lawine los und Parteikollege Adrian Amstutz attackierte die 38-jährige Genferin.

Henry Habegger
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SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz: Ausgerechnet die rechte Bankerin ist zur Vorkämpferin für Frauenrechte und Respekt gegenüber Frauen geworden.

SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz: Ausgerechnet die rechte Bankerin ist zur Vorkämpferin für Frauenrechte und Respekt gegenüber Frauen geworden.

KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA VALLE

Die Szene am Dienstag vor einer Woche wird als herzzerreissend geschildert. SVP-Präsident Albert Rösti begleitete die schluchzende Céline Amaudruz zum Fahrstuhl. Ein Parlamentarier einer anderen Partei bekam die Szene zufällig mit. Aber Rösti bat ihn, Stillschweigen zu bewahren.

Der Mann hielt dicht, aber aus der SVP gelangte jemand an den «SonntagsBlick». Dort stand dann zu lesen: «Der Berner Nationalrat Adrian Amstutz (64) attackiert seine Genfer Kollegin Céline Amaudruz (38) – sie hätte sich nicht öffentlich über Angelegenheiten des Walliser CVP-Nationalrats äussern dürfen, das schade der SVP, so der frühere Fraktionschef scharf.»

Céline Amaudruz, SVP-Nationalrätin aus Genf.

Céline Amaudruz, SVP-Nationalrätin aus Genf.

KEYSTONE

Es konnte ja nicht ewig gut gehen. Céline Amaudruz, Bankerin, Vermögensverwalterin, eine gut aussehende junge Frau, die sich oft selbstbewusst und keck anzieht. Gleichzeitig gilt sie als unnahbar, selbst viele Fraktionskollegen wissen fast nichts über sie. Sie erinnern sich aber, dass sie sich in Illustrierten in Reitkleidung und mit Holländerstute abbilden liess. Und wissen, dass sie aus reichem Haus, aus dem «Genfer Geldadel» kommt, wie sich ein Deutschschweizer SVP-Nationalrat ausdrückt. Aus einer Familie aus Genf jedenfalls, der Weltstadt am welschen Ende der Schweiz, die mancher Volksvertreter diesseits des Röstigrabens nicht versteht.

Gerade in der alemannisch dominierten SVP nicht, der Partei mit dem vergleichsweise hemdsärmeligen Umgang, wo saloppe und anzügliche Sprüche über Frauen noch zum Gewohnheitsrecht gehören, zumal nach einigen Gläsern Wein.

Oder gehörten, denn dann kam die Affäre Buttet. Und mit ihr Céline Amaudruz, die wohl auf SVP-Parteilinie politisiert, aber auch immer wieder Vorstösse gegen häusliche Gewalt, gegen Gewalt in der Ehe einreichte. Sie sagte zu Westschweizer Journalisten, ein Parlamentarier habe sie kürzlich durch eine «unangemessene Geste» bedrängt. Mit gewissen Leuten gehe sie nicht mehr alleine in den Lift.

Damit trat sie eine Lawine los, einige männliche Parlamentarier sahen sich unter Generalverdacht gestellt. Adrian Amstutz prangerte derartiges Verhalten in der SVP-Fraktionssitzung von letzter Woche an. Zwar nannte er Amaudruz nicht beim Namen, auch sagte er nicht, die SVP-Vizepräsidentin habe ihrer Partei geschadet. Aber Amaudruz fühlte sich angegriffen.

Hinzu kam, dass Amaudruz seit ihren Aussagen nicht nur von SVP-Vertretern vorgehalten wurde, gerade sie hätte besser geschwiegen: Weil sie noch letztes Jahr Schlagzeilen machte, da sie betrunken Auto gefahren war. Zwar hatte das eine nichts mit dem anderen zu tun, aber das spielte keine Rolle. Man stellte die Unbequeme nur zu gerne in diese Ecke.

Zwar sprachen sich Amaudruz und Amstutz in der Zwischenzeit aus, offiziell ist der Vorfall erledigt. Aber er hinterlässt Spuren. Er sorge sich um Amaudruz, dass sie womöglich den Bettel hinwerfe, sagt ein SVP-Mann. Aber die Genferin ist wichtig in der SVP, als Scharnier zur Westschweiz. Sie hatte die Genfer SVP gerettet, als diese vom populistischen MCG überrollt zu werden drohte. «Und wir haben in der Westschweiz keine Zweite wie sie», sagt ein SVP-Exponent.

«Sie war ehrlich und mutig»

Einige Herren sind betupft über die Aussagen der Genferin, aber bei den allermeisten Frauen im Parlament hat sie gewaltig an Goodwill und Respekt gewonnen. Weil sie ehrlich war, weil sie wagte, zu sagen, was war. Auch viele männliche Kollegen zollen ihr mittlerweile Respekt. So sagt der Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga, der politisch am anderen Ende des Spektrums steht: «Céline Amaudruz ist zerbrechlich, sie leidet sicher unter der Situation, die Reaktionen von Ratskollegen sind ihr sehr nahe gegangen. Egal, wie man zu ihr steht, ich finde die Vorwürfe an sie unerträglich. Sie hatte das Recht, zu sagen, dass sie im Bundeshaus Opfer von Übergriffen geworden ist. Das war auch mutig von ihr.»

In Genf ist Amaudruz eine bekannte Grösse. Im Bundeshaus wurde sie von vielen bisher nicht ernst genommen. Das wird sich nun ändern. Es gibt jetzt, gerade auch dank ihr, einen Ratgeber gegen sexuelle Belästigung im Parlament. Ausgerechnet die rechte Bankerin ist zur Vorkämpferin für Frauenrechte und Respekt gegenüber Frauen geworden. Amaudruz ist in Bern angekommen.

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