Der Weg der Schweizer Medienberichterstattung ist gepflastert mit Opfern. Prominente und weniger prominente Zeitgenossen, die selbst- oder unverschuldet unter die Räder der Journaille geraten sind. So könnte jedenfalls meinen, wer sich in den Medien über «Medienopfer» informiert.

Den Begriff «Medienopfer» prägte der Zürcher Psychiater Mario Gmür, als er 2002 im Buch «Der öffentliche Mensch» darüber räsonierte und dadurch selbst zu einem gefragten Medienexperten wurde. Passend kreierte er das «Medienopfersyndrom» (MOS), um das Trauma einer «sozialen Todesangst» zu benennen, das Betroffene erlitten, die sich plötzlich im kritischen Fokus der Öffentlichkeit wiederfinden. Aggressive Medien würden ihre «Intimität» wegfegen und die «Privatheit» zerstören. Fünf Jahre danach verfasste Gmür ein Kompendium, das die psychischen Krankheitsbilder seiner MOS-Patienten beschreibt: akute Belastungsreaktionen, Scham- und Schuldkrisen, Vernichtungsängste, Selbstwertverluste, Fluchtfantasien.

Die positive Botschaft: Die Opferrolle ist endlich, das Syndrom therapierbar. Und tatsächlich: Die «Medienopfer» haben sich mit unterschiedlichen Strategien meist unbeschadet ihrer Rolle entledigt.

Die Basler Ständerätin Anita Fetz, eines dieser Medienopfer, hatte sich politisch bereits erledigt gesehen. Vom erstinstanzlich verurteilten Anlagebetrüger Dieter Behring nahm sie im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen 2003 eine Spende über 25 000 Franken an und engagierte sich bei der Stiftung Pro Facile, die ihr Geld bei Behring angelegt hatte. Nach anfänglicher Schockstarre auf kritische Medienberichten ging Fetz in den Gegenangriff, forderte maximale Aufklärung. Sie versprach, die Spende einer gemeinnützigen Organisation zukommen zu lassen, sollte es zu einer rechtskräftigen Verurteilung kommen – was sie bis heute nicht einlösen musste. Politisch geschadet hat ihr die Blauäugigkeit wenig. Wohl wurde sie aus dem lukrativen Verwaltungsrat der Basler Kantonalbank gedrängt, vom Stimmvolk aber noch dreimal problemlos als Ständerätin bestätigt.

Das «Opfer» in der Regierung

Die Zürcher CVP-Regierungsrätin Silvia Steiner startete ihre politische Karriere, nachdem sie Jahre zuvor als klassisches Medienopfer gegolten hatte. Als Chefin der Zürcher Kriminalpolizei stand sie 2002 unter Verdacht, einen Verkehrsunfall ihres alkoholisierten Ehemannes vertuscht zu haben. Unter öffentlichem Druck starteten die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung wegen Begünstigung und die Polizeiführung ein Administrativverfahren. Obwohl sie von den Vorwürfen entlastet wurde, verlor sie ihre Stelle. «Die Karriere einer integren Frau» sei auf Druck der Medien zerstört worden, schlussfolgerte die Gutachterin Verena Bräm, und lag damit falsch: Steiner wurde 2015 in die Zürcher Regierung gewählt.

Wiedergutmachung

Der Bündner FDP-Regierungsrat Peter Aliesch sah sich 2001 Bestechungsvorwürfen und einer entsprechenden, mit der Justiz koordinierten Medienkampagne ausgesetzt. Im «Pelzmantel»-Skandal soll Alieschs Partnerin von einem griechischen Financier beschenkt worden sein, während Aliesch ihm eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung verschafft habe. Ein Jahr später zog sich der isolierte Aliesch aus der Politik zurück. Erst 2004 endeten die Gerichtsverfahren mit einer Entschädigung über 45 000 Franken für Aliesch. 2009 offenbarte er der «NZZ», wie er die schwierige Zeit überstand und sich schliesslich fernab der Öffentlichkeit ein neues Leben als Berater aufbauen konnte.

Das spektakulärste Schweizer Medienopfer ist zweifellos Thomas Borer. Nach dem vermeintlichen Skandal des «SonntagsBlick», der Glamour-Botschafter in Berlin unterhalte ein Techtelmechtel mit der Kaufhaus-Visagistin Djamile Rowe, musste Borer seinen Posten räumen. Doch Ringier kam die Enthüllung teuer zu stehen, da Borer eine Gegenkampagne startete, die an Heftigkeit die eigentliche Berichterstattung übertraf. Mit Klagedrohungen über die USA, der Heimat der damaligen Ehefrau Shawne Fielding, und eidesstattlichen Erklärungen brachte Borer das Medienunternehmen derart in Bedrängnis, dass es einer Abfindung in Millionenhöhe zustimmte.

Borer handelte nach eigenen Worten «wie im Krieg: Wer am wenigsten Fehler macht, gewinnt!». Wohl hat keiner grösseren Gewinn daraus gezogen, Medienopfer geworden zu sein. Als Consulting-Unternehmer ist er wieder im Geschäft, wenn auch nicht mehr im diplomatischen Dienst. Vielmehr hat die Bundesanwaltschaft gemäss «Tages-Anzeiger» Vorermittlungen gegen ihn im Zusammenhang mit der sogenannten Kasachstan-Affäre aufgenommen. Dabei werden Geldflüsse zwischen Borer, der als Lobbyist für Kasachstan arbeitete, und dem ehemaligen SVP-Nationalrat Christian Miesch untersucht. Dieser hatte einen Vorstoss eingereicht, der im Sinne der kasachischen Regierung war, die eine Auslieferung eines Exilkasachen erwirken wollte.

Borer ist damit wohl gelungen, was Psychiater Gmür als mögliche Abwehrstrategie für Medienopfer bezeichnete: die «Umstigmatisierung».