Was haben die Migros, der Rückversicherer Swiss Re, die Bank Vontobel oder der Pharmariese Novartis gemein? Sie alle haben Lehrstühle an den hiesigen Universitäten und Hochschulen (mit)finanziert. Dies gibt zu Diskussion Anlass. Nicht erst, seit bekannt wurde, dass ETH-Dozent Horst-Michael Prasser an einem Seminar Kernenergiefachleute im Schreiben von AKW-freundlichen Leserbriefen schulte. Just jener Professor für Kernenergiesysteme, der als Mitglied des Ensi-Rates die Aufsicht über die Nuklearsicherheitsbehörde hat und dessen Lehrstuhl von Swissnuclear – einer Lobby-Organisation der Kernkraftwerkbetreiber – «anschubfinanziert» wird.

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, wie Hochschulen Drittmittel akquirieren und wie sie das Sponsoring von Lehrstühlen handhaben. Bei den angefragten Hochschulen ist man sich der Brisanz des Themas durchaus bewusst: Eine Zusammenarbeit mit Sponsoren könne auch heikel sein, schreibt die Hochschule St. Gallen. Oberstes Gebot sei deshalb: «Die Freiheit von Forschung und Lehre muss vollumfänglich, auch vertraglich, garantiert sein.» Man habe auch schon privatwirtschaftliche Sponsoren abgelehnt, weil sie die Freiheit einschränken wollten. Trotz der selbst verordneten Zurückhaltung hat die St. Galler Uni mit 43 Prozent den höchsten Drittmittelanteil aller Schweizer Hochschulen.

Rund einen Viertel des Aufwands bestreitet die Universität Bern mit Privatgeldern. Davon entfallen jährlich vier Millionen Franken auf Lehrstühle wie die kürzlich eingerichtete Klima-Professur. Sie wird für die nächsten zehn Jahre von der Mobiliar-Versicherung mit fünf Millionen Franken dotiert. Im Gegenzug wird Professorin Romppainen-Martius über die «Klimafolgen im Alpenraum» forschen.

Genaue Vorstellungen

Der Berner Versicherer hat genaue Vorstellungen davon, was der Lehrstuhl dereinst liefern soll: «Die Mobiliar erwartet von den Forschungsarbeiten Beiträge in praxisorientierter Form, welche für versicherungstechnische Arbeiten herangezogen werden können.» Eine klare Ansage, die jedoch in Widerspruch steht zur schriftlichen Antwort der Uni Bern auf die Frage «Gibt es eine Einflussnahme durch Unternehmen, die den Lehrstuhl finanzieren?». So sei Forschungsfreiheit vertraglich vereinbart. «Der Inhaber der Professur bestimmt frei die konkreten Forschungsfelder und -projekte sowie sein Lehrangebot, ist frei in der Methodenwahl, unabhängig in der Interpretation der Forschungsergebnisse und besitzt Publikationsfreiheit.» Soweit die universitäre Doktrin.

Das Beispiel zeigt, wie Hochschulen einen staatlich verordneten Drahtseilakt vollführen müssen. Denn gemäss Universitätsförderungsgesetz bemessen sich die Forschungsbeiträge des Bundes an der Akquisition von Drittmitteln. Das heisst: Je mehr private Gelder die Hochschulen sammeln, desto grosszügiger zeigt sich auch der Bund. Mit der Konsequenz, dass die Unis kräftig die Werbetrommel rühren: «Es gibt in der Schweiz unter den Hochschulen einen Wettbewerb um verfügbare Drittmittel», sagt Beat Münch, Adjunkt an der Uni Basel, die im letzten Jahr ihr Drittmittel-Budget um knapp 40 Millionen auf 159 Millionen kräftig steigern konnte.

Ohne Zweckbestimmung

Münch sieht indes keine Gefahr, dass Bund und Kantone längerfristig das Forschungsfeld den Unternehmen überlassen könnten: «Private Stifter sind nicht bereit, bloss Defizitgarantien zu leisten. Sie wollen spezifische Forschungsbereiche fördern.» Auch betont der Adjunkt des Rektors, dass sich Basel die Drittmittel-Forschung etwas kosten lasse: «In der Regel müssen wir die dazu nötige Infrastruktur aus dem eigenen Budget bestreiten.» Beat Müller von der Universität Zürich betont denn auch, dass «gestiftete Lehrstühle» in die längerfristige Planung passen müssten. Handelt es sich doch bei Donationen zum Teil um befristete Anschubfinanzierungen über fünf, zehn Jahre. Was danach kommt, müssen die Hochschulen selber finanzieren.

Die Finanzierungsfrage soll an der Uni Basel eine neue Strategie klären. An dieser arbeitet auch Soziologieprofessor Ueli Mäder mit. Er lehnt gesponsorte Lehrstühle nicht kategorisch ab. Bisherige Beispiele wie der Fall Prasser würden bei ihm jedoch «grosse Skepsis» auslösen. Mäder schlägt deshalb A-fonds-perdu-Beiträge vor, also ohne Zweckbestimmung. Ansonsten drohten unter Umständen «einseitige Abhängigkeiten» und «inhaltliche Einflussnahme». Auch er habe schon öfters Angebote für Drittmittel-Forschung erhalten und abgelehnt, die «überdeutlich im Design» waren und Ergebnisse vorwegnehmen wollten. Mäder ist deshalb überzeugt, dass Unabhängigkeit letztlich allen, auch der Wirtschaft, zu Gute kommt: «Sie haben so ein kritisches Korrektiv. Denn gesteuerte Ergebnisse sind gefährlich. Sie fördern nichts Neues und Überraschendes zutage.»