500 Jahre Reformation

Wie sich die konfessionelle Spaltung erst in der Schweiz, dann in der ganzen Welt ausbreitete

Gegen den Ablasshandel schrieb Luther seine 95 Thesen. Es ging aber nicht um Theologie, sondern um Geld.

Und wie halten wir es heute mit der Reformation? Eine Gretchenfrage der ganz anderen und doch ähnlichen Art. Gretchen will von Faust einfach wissen, ob er im landläufigen, naiven Sinn auch «fromm» ist. Und wir glauben von der «Reformation» ganz naiverweise, dass es sich da um ein historisch genau zu verortendes Ereignis handelt. Reformation? Klar, das war doch, als Luther zum Hammer griff und die Thesen an die Türe der Schlosskirche von Wittenberg nagelte. Dann ging es halt los mit der Reformation. Von da an gab es Reformierte und Katholiken.

Bereits dieser letzte Satz zeigt die Problematik deutlich auf. Die Nicht-Katholischen spalteten sich ja fast schon von Beginn weg in Lutheraner, Protestanten, Calvinisten und andere Reformierte. Gemeinsam war ihnen allenfalls, dass sie sich aufs «Evangelium» beriefen, also «Evangelische» waren. Sie stützten sich auf die Bibel, um ihren Dissens mit der geltenden katholischen Lehre zu begründen.

Das historische Missverstehen wird nicht kleiner, wenn man erkennt, dass es da irgendwann um theologische Feinheiten geht, von denen der allergrösste Teil der heutigen Christenheit nichts mehr weiss. Wusste man es damals? Tatsache ist, dass es schon bald zu sozialen Aufständen kam (den sogenannten «Bauernkriegen» um 1525), und die ersten Kriege, die man heute auch als «Religionskriege» benennt, nicht lange auf sich warten liessen.
Das macht die Sache aber nur noch komplizierter.

Der unwillige Rebell

Tatsache ist, dass Luther unzweifelhaft der Mann war, der die Kirche spaltete. Ebenso unzweifelhaft ist aber, dass dies das Letzte war, was er wollte. Das konnte dadurch zustande kommen, dass die «Reformation» eigentlich schon lange im Gang war. Dass man die Kirche umbauen müsste, das war eigentlich allen klar. Man wurde sich nur nicht einig, wie. Denn die Kurie in Rom war ein politischer Machtfaktor ersten Ranges und der Papst dort nicht ein gemütlicher freundlicher Bappeli, sondern ein Player, den man ernst nehmen musste in der europäischen Politik. Der Posten bot zudem viele Gelegenheiten, auch etwas fürs eigene Portefeuille und das Wohlergehen der Familie, der Verwandtschaft und der Kollegen zu tun. Wer sich theologisch mit der Kirche anlegte, stach in der Tat ins berühmte Wespennest und rührte viele andere Dinge auf, die mit dem göttlichen Heilsversprechen und Ähnlichem nicht viel zu tun hatten.

Was man auch im Auge haben muss, dass in dieser Zeit im Osten eine Supermacht entstand: Das Osmanische Reich. Und der Papst in Rom schien – neben dem Kaiser, aber Karl V. wird erst 1519 gewählt – bald der einzige Machthaber, dem man die Organisation eines «europäischen» Widerstands zutraute. Die Fürsten und Könige mussten ja auch für sich selbst schauen.

Die Angst vor der Hölle

Luthers berühmte 95 Thesen richteten sich gegen den «Ablasshandel». Und das ist der eigentliche Kern von Luthers Eifer und Zorn. Der europäische Mensch der frühen Neuzeit war besessen vom Gedanken an Hölle und Verdammnis. Das Leben drehte sich ums Seelenheil, die Alternative war nicht denkbar. Der theologisch-philosophische Grundgedanke stammt von Augustinus: die Erbsünde, dass der Mensch ein Sünder sei, von Geburt an, und eigentlich zur Verdammnis verurteilt, wenn er nicht durch die göttliche Gnade erlöst wird.

Augustinus hatte den Menschen die Angst eingebläut. Die Kirche machte sich dies zunutze. Sie versprach, den Menschen zum Seelenheil zu verhelfen. Zum Busssakrament gehörten Reue, Beichte und Busse, irgendeine Ersatzleistung. Luther bekam den Eindruck, die Kirche hätte die Heilslehre entleert und auf lukrative Ersatzhandlungen reduziert. Indem man einen Ablassbrief kaufte, konnte man sich gewissermassen von der Sünde «freikaufen». Luther, der gläubige Christ, litt an seinem Sündertum. Er konnte nicht akzeptieren, dass durch einige Äusserlichkeiten diese Last von der Seele genommen werden würde. Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch war nicht ein buchhalterisches, das durch den Ausgleich von Plus und Minus in Ordnung gebracht werden konnte.

Wut-Christen gegen Rom

Für viele Menschen damals war es tröstlich, dass sich bereits im Diesseits durch geeignetes Handeln ein zuverlässiger Pfad ins Paradies bahnen liess. Luthers theologische Bedenken allein hätten wohl nicht gereicht, einen solchen Sturm zu erzeugen. Das macht die Reformation zu einer deutschen Sache. Die Leute im deutschen Sprachgebiet hatten den Eindruck, sie würden von der Kirche nicht angemessen bedacht. Sie bezahlten zu viel und bekämen zu wenig. Ob dies historisch richtig ist, ist nicht ganz unumstritten. Tatsache ist, dass man andernorts mehr bezahlte, aber auch mehr bekam. Aber es zählte die Überzeugung. Und so konnte Luther auch den Papst fragen: Warum bezahlst du, «reicher als alle Krösusse», den Bau deiner Superkirche (den Petersdom) nicht von deinem eigenen Geld, sondern nimmst das von den Armen? (These 86)

Die theologische Dimension von Luthers neuer Rechtfertigungslehre – dass nur der Glaube ans Gotteswort in der Bibel und das Vertrauen auf Jesus Christus, den Erlöser, das Heil bringen können – wird heute gern als Reformationsmotto generell angenommen. Aber die praktischen Auswirkungen, dass der Papst («die sau, der babst in Rom») doch nicht verfügen kann, wie es im Jenseits zugehen soll, und gegen die je eigene Sünde auch zusammen mit allen Heiligen nichts ausrichten kann, waren eben gravierend: Autoritäts- und Machtverlust, ganz zu schweigen von den materiellen Einbussen.

In den Jahren von 1515 an, als Luthers Unbehagen an der katholischen Heilspraxis wuchs, wurde aus dem Theologieprofessor und Mönch aus Wittenberg der erste Medienstar Europas. Propagandamässig hatte Luther gegenüber den Päpstlichen einen klaren Vorsprung. Er publizierte Schrift um Schrift, die Drucker kamen kaum nach. Und er publizierte neben dem Latein auch in Deutsch, das es damals eigentlich noch gar nicht gab. Er bediente sich dabei immer virtuoser der Sprache, nicht immer salonfähig, aber immer höchst wirksam. Die Biografen sind sich einig: In jenen Jahren schrieb Luther «um sein Leben». Die Fürsten retteten ihn vielleicht vor dem Scheiterhaufen, Luther dankte es ihnen mit Hassschriften – zum Beispiel gegen die Bauern, die gegen die Obrigkeit aufbegehrt hatten («würgen und stechen ... gleich als ob man einen tollen Hund totschlagen muss»). Ohne Luther keine Reformation – das ist so. Aber Luther ist nicht die Reformation, nicht er allein.

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