Erstaunen, Sorge, Empörung: Reihenweise klagten Studenten der Universität Zürich über Vorkommnisse, die sich im vergangenen Semester abspielten. Türkische Spitzel sollen Besucher der Universität systematisch fotografiert oder gefilmt haben. Einmal während eines historischen Seminars zum Völkermord an den Armeniern, davor bei einer Würdigung eines regierungskritischen Journalisten in der Aula der Hochschule. Ein Doktorand wandte sich gar mit der Beobachtung an die Medien, dass es «gang und gäbe» sei, dass Leute für die türkische Regierung an Tagungen und Konferenzen erscheinen, um die Teilnehmer zu fotografieren.

Doch tun sie das immer noch? Davon geht Muammer Kurtulmus aus. Er ist Zürcher Gemeinderat (Grüne) und schweizerisch-türkischer Doppelbürger. «Bespitzelungen sind in der Türkei eine Staatspolitik», sagt er. Seit dem gescheiterten Putschversuch vor einem Jahr fürchten auch Türken in der Schweiz Konsequenzen, wenn sie sich negativ zur Regierung äussern. Sei es, dass sie selbst nicht mehr in ihre Heimat reisen dürfen oder dass sie Verwandte in der Türkei mit ihren Äusserungen in Gefahr bringen. Erdogan selbst rufe die Bevölkerung bei jeder Gelegenheit auf, Regimekritiker den Behörden zu melden, sagt Kurtulmus. «Wir müssen damit rechnen, dass auch in der Schweiz die Bespitzelung systematisch weitergeführt wird.»

Dafür gibt es einige Anzeichen, denn es ist längst nicht nur Zürich betroffen, auch die Universität Basel kennt solche Vorkommnisse. Für die Hochschulen ist es allerdings nicht einfach, dagegen vorzugehen. Die Universität Zürich hat von einer Klage gegen die Spitzel abgesehen, wie Rektor Michael Hengartner auf Anfrage erklärt. «Im Nachhinein ist es schwierig, ihnen die Tat nachzuweisen.» Ausserdem habe er von keinen neuen Fällen gehört.

Die Hochschule hat trotzdem reagiert. An Veranstaltungen zu politisch heiklen Themen kommt nun mehr Sicherheitspersonal zum Einsatz. Die zusätzlichen Vorkehrungen waren laut Rektor Hengartner bisher aber nur einmal nötig: an einer Veranstaltung der «Scholars at Risk». Die Organisation kümmert sich um politisch verfolgte Forscher. Vor wenigen Monaten wurde – auch wegen der Situation in der Türkei – eine eigene Schweizer Sektion gegründet. Einige türkische Wissenschaftler befinden sich bereits im Schweizer Exil, vorwiegend an der Universität Genf. Weitere dürften bald folgen.

Schulen müssen schliessen

Angst vor Repressalien haben hierzulande nicht nur Forscher, sondern auch viele türkische Eltern. Dutzende Familien haben ihre Kinder aus Schweizer Privatschulen und Nachhilfeinstituten genommen, die dem Exil-Prediger und Erdogan-Kritiker Gülen nahestehen sollen. So verlor beispielsweise die Sera-Schule in Schwamendingen innerhalb kürzester Zeit die Hälfte ihrer Schüler und muss gemäss «Tages-Anzeiger» schliessen. Ähnlich erging es Instituten in Aarau, Olten, Winterthur und St. Gallen. «Es herrscht ein Angstklima», sagt der Zürcher Gemeinderat Kurtulmus, «sodass niemand als Gülenist wahrgenommen werden will.»

Erdogans Macht reicht heute weit über die Landesgrenze hinaus – bis in die Schweiz. Das ist auch dem Bund nicht entgangen. Im März wurde bekannt, dass die Bundesanwaltschaft mit Verdacht auf Spionage gegen die Türkei ermittelt. Gegen wen sich die Untersuchung richtet, teilte die Behörde nicht mit.

Bilder des Putschversuchs in der Türkei im Juli 2016: