Wikileaks
Wie Prinz Andrew über die Franzosen vom Leder zieht

Zwei Dokumente über Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner sollten erst 2039 publik werden. Enthüllung

Christian Nünlist
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Prinz William (Archiv)

Prinz William (Archiv)

Keystone

Seit sechs Tagen publiziert Wikileaks häppchenweise die gestohlenen Depeschen des US-Aussenministeriums. Gestern waren 640 Telegramme öffentlich zugänglich – weniger als ein halbes Prozent der in Aussicht gestellten 251287 Geheimpapiere. Wer im sprichwörtlichen Heuhaufen nach der Nadel sucht, der ist auf Suchstrategien angewiesen. Nebst geografischen (Iran, Pakistan, Schweiz) oder thematischen Abfragen (Korruption, Atomwaffen, Terrorismus) habe ich mich für die folgenden zwei Suchstrategien entschieden.

Erstens: Welche Dokumente haben ihren Ursprung direkt bei der US-Aussenministerin, also beim Grossteil der publizierten Dokumente Condoleezza Rice oder Hillary Clinton – oder welche Dokumente sind direkt an die State-Department-Chefin adressiert?

Zweitens: Welche Dokumente erhielten die längste Sperrfrist? Mithilfe dieser zwei Filter reduziert sich die Lektüre der Wikileaks-Dokumente auf eine auch für eine interessierte Einzelperson bewältigbare, äusserst lohnenswerte Lektüre. Die folgenden fünf Dokumente sind mir dabei in den letzten Tagen besonders aufgefallen.

Prophetie für Russland

John R. Beyrle, der US-Botschafter in Moskau, beschreibt Moskaus inzwischen gestürzten langjährigen, äusserst korrupten Bürgermeister Juri Luschkow (1992–2010) in einem grandiosen fünfseitigen Telegramm. Am Ende kommentiert der Diplomat: «Putin und Medwedew müssen sich entscheiden, wann Luschkow für sie eine zu grosse Last wird.» Prophetisch kommentierte der US-Botschafter: «Letztendlich wird das Tandem Luschkow in den Lebensabend schicken.» (Sieben Monate später feuerte Medwedew den Bürgermeister.)

In Abschnitt 7 fragt der US-Botschafter Richard E. Hoagland den Vizepräsidenten der staatlichen Gasfirma Maksat Idenow, ob die Korruption in Kasachstan schlimmer geworden sei. «Idenow pausierte, dachte nach und antwortete: ‹Nein, nicht wirklich. Es ist wie immer.›»

Erster peinlicher Auftritt von Wills

Prinz Andrew lästert während eines Businessbrunches in Bischkek, Kirgistan, über Franzosen, Russen und Amerikaner, wie die US-Botschafterin Tatiana Gfoeller schockiert festhält. Nachdem Geschäftsleute über die Korruption in Kirgistan klagen, lacht Prinz Andrew laut und kommentiert: «Das tönt alles genau wie in Frankreich!» Peinliche Auftritte von Prinz William sind hingegen noch nicht dokumentiert.

Die beiden Dokumente, die am längsten geheim bleiben sollten, betreffen beide Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner. Im Juli 2009 lästert die US-Mission in Buenos Aires über die «politische Schwäche» und das «erratische Verhalten» der Kirchners. Das Ehepaar wird als «ruppig», «beratungsresistent» und «paranoid» charakterisiert. Im September 2009 wird über Verstrickung von Kirchners Kabinettsvorsitzendem Anibal Fernandez mit Drogenhandel spekuliert. Diese Dokumente sollten erst 2039 deklassifiziert werden – doch Wikileaks wollte nicht warten.