Abstimmung
Wie Nikotin die Politik in Bundesbern beeinflusst

Zehn Nationalräte von SP und Grünen sind gegen Lungenliga-Initiative. Recherchen der az zeigen: Alle rauchen oder haben geraucht. Einen linken Abweichler ohne Nikotin-Vergangenheit gibt es nicht.

Lorenz Honegger
Merken
Drucken
Teilen
Linke Raucher wie Geri Müller machen gemeinsame Sache mit den bürgerlichen Parteien.Siggi Bucher

Linke Raucher wie Geri Müller machen gemeinsame Sache mit den bürgerlichen Parteien.Siggi Bucher

Siggi Bucher

Praktisch alle linken Parlamentarier unter der Bundeshauskuppel betrachten es als eine ihrer elementarsten Aufgaben, Arbeitnehmer gegen die Interessen der Arbeitgeber zu verteidigen.

Scheinbar nur etwas vermag Politiker von SP und Grünen in Fragen des Arbeitnehmerschutzes auf die Seite der bürgerlichen Parteien und des Arbeitgeberverbandes zu treiben: Die Rede ist von Nikotin, einem Stoff, der laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf im gleichen Ausmass süchtig macht wie Heroin und Kokain.

Nikotin ist der gemeinsame Nenner jener zehn Nationalräte von SP und Grünen, die am 16. März in der Frühlingssession gegen die Initiative «Schutz vor Passivrauchen» gestimmt oder sich still protestierend enthalten haben. Wie ihre politischen Gegner sind sie der Auffassung, dass Serviceangestellte auch künftig in Fumoirs und Raucherbeizen Bier und Kaffee im Zigaretterauch servieren sollen, Gesundheitsrisiko hin oder her.

Recherchen zeigen: Fünf der zehn linken Abweichler sind starke Raucher, unter ihnen Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch (SP, ZH) und Lebenspartnerin Chantal Galladé (SP, ZH). Drei sind Gelegenheitsraucher, zwei mit einst starkem Tabakkonsum. Und zwei haben die Nikotinsucht gemäss eigenen Angaben überwunden, wie zum Beispiel Alec von Graffenried (Grüne, BE). Bemerkenswert: Einen linken Abweichler ohne Nikotin-Vergangenheit gibt es nicht.

«Amerikanische Verhältnisse»

Nationalrat Martin Naef (SP, ZH) raucht ein halbes Paket Zigaretten täglich. Im Parlament hat er sich enthalten, als die Initiative zur Debatte stand. Am 23. September wolle er gegen das Volksbegehren stimmen, obwohl er sich nicht andauernd in Fumoirs herumtreibe, sagt Naef. «Ich will nicht, dass mich der Staat bevormundet. Wenn das so weitergeht, haben wir bald amerikanische Verhältnisse in der Schweiz.»

Der einst starke Raucher und heutige Gelegenheitsraucher Balthasar Glättli (Grüne, ZH) hat bereits in der Frühlingssession nein gestimmt. Sein Argument gegen die Initiative der Lungenliga: «Mich stört, dass selbstständig Erwerbenden das Rauchen am Arbeitsplatz verboten werden soll.»

Als ehemaliger Co-Präsident des Gewerkschaftsbundes der Stadt Zürich bedauert Glättli zwar, dass Arbeitgeber ihre Serviceangestellten «zu schnell und zu einfach» entlassen könnten, wenn diese sich weigerten, im Rauch zu arbeiten. Sein Gesicht taucht aber dennoch auf den Inseraten der bürgerlichen Gegenkampagne auf.

Im Gegensatz zu Glättli sieht Raucher und Nationalrat Geri Müller (Grüne, AG) die Serviceangestellten selbst in der Pflicht und pocht auf deren Eigenverantwortung. «Man muss ja nicht in einem Raucherlokal oder in einem bedienten Fumoir arbeiten, wenn man nicht will», sagt Müller. «In der Gastrobranche hat es ja überall offene Stellen.» Ein Vegetarier habe mehr Mühe, eine passende Stelle als Koch zu finden als ein Serviceangestellter, der Nichtraucher sei. Müller ist überzeugt, dass er auch als Nichtraucher gegen die Initiative wäre.

Kritik von Travail Suisse

Martin Flügel, Präsident des zweitgrössten Gewerkschaftsdachverbandes Travail Suisse, kann mit solchen Argumenten wenig anfangen und kritisiert seine rauchenden Gesinnungsgenossen im Nationalrat. «Ich finde es unschön, dass Leute, mit denen wir normalerweise gut zusammenarbeiten, ausgerechnet in diesem Fall ihre persönliche Betroffenheit vor die Interessen der Arbeitnehmer stellen.»