An der grauen Wand hängt eine lange Mitgliederliste. Jeder Listenplatz entspricht einer Familie. Nur die Familienoberhäupter sind aufgeführt. Etwas mehr als 700 sind es dieses Jahr. Daneben stehen in Spalten die letzten drei Beitragsjahre, darunter fein säuberlich aufgestellt die bezahlten Beiträge. Bei manchen Familien klaffen Lücken, die meisten aber haben einbezahlt. Die Höhe der Beiträge variiert. Am häufigsten tauchen die Einträge 360, 240 und 120 Franken auf. «360 Franken haben wir als normalen Jahresbeitrag festgelegt», sagt Sakib Halilovic. «Für jeden Tag einen Franken. Wenn jemand sich den Betrag aber nicht leisten kann, dann kann er auch weniger bezahlen.»

Wir treffen den Vorsteher und Imam des Dzemats der Islamischen Gemeinschaften Bosniens kurz vor dem Nachmittagsgebet, das Punkt 17.19 Uhr beginnt. Halilovics Moscheeverein nennt sich eine der grössten Muslim-Gemeinschaften der Schweiz. An der Grabenstrasse 7 in Schlieren, direkt am Bahnhof gelegen, liegt ihr Zentrum samt Moschee. Einer eigentlichen Hinterhofmoschee, wie sie sehr typisch sind in der Schweiz.

Wir stehen im Aufenthaltsraum samt Cafeteria im ersten Stock eines äusserst hässlichen Industriegebäudes. Der Verein hat hier zwei Stockwerke gekauft. Räumlichkeiten im Erdgeschoss vermietet es an einen Gewerbebetrieb. Zwei Männer sitzen an einem der Holztische. Sie essen zu Mittag, hüten die Räumlichkeiten der Gemeinschaft.

Die Mitgliederzahl dieser Glaubensgemeinschaft schwankt von Jahr zu Jahr. Mehrheitlich sind es Bosnier. Sie oder ihre Familien stammen aber nicht nur aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina. Ethnische Bosnier gab und gibt es auch in Serbien, Montenegro oder Kosovo.

Vornehmer Raum trotz Hinterhof

Die Bosnier von Schlieren seien ein typisches Beispiel dafür, wie muslimische Glaubensgemeinschaften in der Schweiz funktionierten. Das sagt der Luzerner Islamwissenschafter Andreas Tunger-Zanetti. In der Schweiz sind die muslimischen Gemeinschaften nach Ethnien organisiert. Das hat vor allem sprachliche Gründe, aber auch mit den gestaffelten Einwanderungswellen zu tun.

Einer der Muslime schliesst den Gebetsraum, die eigentliche Moschee, auf. Vor vier Jahren ist sie aufwendig renoviert worden. Für 350 000 Franken, wie Halilovic sagt. Der Anblick des Industriegebäudes von aussen täuscht: Es handelt sich um einen der schönsten Gebetsräume in der Schweiz. Die Fenster sind leicht abgedunkelt mit Sichtschützen. Zur linken Seite befinden sich Gestelle für die Schuhe. Auf der rechten steht eine Bibliothek. Dahinter zwei voneinander abgetrennte Waschräume für die rituelle Reinigung vor dem Gebet: einer für die Frauen, einer für die Männer. Einer der Gläubigen wäscht sich dreimal das Gesicht, die Hände bis zu den Ellbogen, die Ohren vergisst er ebenso wenig wie die Nase. Zuletzt sind die Füsse an der Reihe. Dann zieht er sich die Socken wieder an und begleitet uns nach vorne in Richtung Altar.

Ein angenehmer Duft liegt in der Luft. Der Saal kann aufwendig beleuchtet werden. Ein dicker Teppich ist über den gesamten Boden ausgelegt und schluckt jeden Ton. An der Decke hängen aufwendige Holzarbeiten.

Wer das bezahlt hat, wollen wir von Halilovic wissen. Er lächelt und antwortet: «Ein reicher Mann aus Saudi-Arabien.»

Dem bosnischen Imam mit Hang zur Ironie ist die Debatte um die aus dem Ausland finanzierten Moscheen und Imame nicht entgangen. Beinahe hätte er uns erwischt. Er sagt stolz: «Natürlich nicht. Kein einziger Rappen dafür kam aus dem Ausland.» Die hohe Summe sei allein durch die Sammlung von Geldern in der Schweiz zustande gekommen.

Dasselbe gelte auch für den Betrieb der Moschee, für Personalkosten von über 280 000 Franken und Material, zum Beispiel für die Cafeteria. Die Kosten würden vollständig vom Verein selbst gedeckt. «Die Einnahmen stammen ausschliesslich von den Mitgliederbeiträgen, Gönnerbeiträgen und Spenden aus Sammelaktivitäten an bestimmten Anlässen.» Die Mitgliederbeiträge fürs letzte Jahr beziffert Halilovic auf rund 210 000 Franken. Wie die Kirchen spendet Halilovics Verein Geld für gemeinnützige Zwecke. «Letztes Jahr waren es gut 50 000 Franken.»

Für den bosnischen Imam ist das Organisationsmodell seiner Gemeinschaft der Normalfall. Wie seine Gemeinde seien die allermeisten muslimischen Glaubensgemeinschaften als Vereine organisiert, die sich über ihre Mitglieder und deren Beiträge finanzierten. Die fünfzig Moscheen in der Schweiz, denen der türkische Staat direkt unter die Arme greift, nennt Halilovic Ausnahmen. «Und wenn, dann sind das relativ bescheidene Beiträge», sagt er. Es handle sich etwa um das Gehalt des Imams.

Apropos Imam – Halilovic ist sich sicher: «Die Menschen wollen Imame, die ihre Sprache sprechen. Bei uns ist das Deutsch.» Nur ausnahmsweise komme es in seinem Gebetsraum vor, dass die Freitagspredigt auf Bosnisch gehalten werde. «Nur dann, wenn Ehrengäste aus Bosnien selbst anwesend sind.»

Die Fronarbeit der Gläubigen

Ähnlich wie die Bosnier in Zürich haben sich die Albaner in Wil SG organisiert. Eine der grössten Ostschweizer Gemeinschaften hat ihr Zentrum dort. Ihr Vorsteher, der Imam Bekim Alimi, sagt zur «Nordwestschweiz»: «Wir haben keinen Rappen aus dem Ausland oder von einer fremden Stiftung erhalten.» Und das, obwohl die Gemeinschaft eine neue Moschee für fünf Millionen Franken baut. In gut einem Jahr soll die Moschee fertig sein.

Wie die Bosnier in Schlieren, zahlen die mehr als 500 Mitglieder in Wil, also die Familien, 360 Franken für ihre Jahresmitgliedschaft. Die jährlichen Ausgaben für Imam und für die Moscheeinfrastruktur beziffert Alimi auf 120 000 Franken. Weitere Gelder kommen aus Sammlungen zusammen. Extra für den Bau der neuen Moschee haben sich laut Alimi weit über 2000 Personen aus fast allen Kantonen der Schweiz finanziell beteiligt. Doch das allein reichte nicht. Alimi weist auf das freiwillige Engagement hin: «Viele albanische, aber auch bosnische Familien haben grössere Aufträge erledigt oder versprochen, diese zu erledigen.» Den Wert dieser Aufträge schätzt Alimi auf mehrere hunderttausend Franken.

In Schlieren hat das Nachmittagsgebet angefangen. Jeder Laut wird vom dicken Teppich absorbiert. Sechs Männer brummeln das Glaubensbekenntnis vor sich hin. «Unsere Moschee ist für alle offen», sagt Halilovic. Zwar liege die Basis bei den Bosniern, doch viele Muslime gingen dort zum Gebet, wo für sie die nächste Moschee ist. Und so sind neben den Bosniern auch zwei Araber zum Nachmittagsgebet erschienen.