Der Aufstand wird an bester Adresse in Zürich vorbereitet. An der Josefstrasse 102 befindet sich die anarchistische Bibliothek Fermento. Rechts vom Eingang hängt in einem Rahmen ein Zitat eines französischen Anarchisten aus dem 18. Jahrhundert: «Um die Revolution wie ein glühendes Eisen durch unser Jahrhundert ziehen zu lassen, gibt es nur eines zu tun: DIE ZERSTÖRUNG DER AUTORITÄT». Links vom Eingang steht auf einem A4-Blatt, das mit Klebestreifen von innen an der Scheibe befestigt wurde, wie die Ideologie im 21. Jahrhundert umgesetzt werden soll.

Aufgelistet sind Personen und Firmen, die in den Ausbau des Basler Ausschaffungsgefängnisses Bässlergut involviert sind und sich deshalb «am Elend bereichern» würden. Zuoberst ist die Privatadresse des Basler Sicherheitsdirektors Baschi Dürr (FDP) abgedruckt, gefolgt von Kontaktangaben zum Amtsleiter des Basler Hochbauamts, zu Architekten und Baufirmen wie Implenia. Sogar die Adressen jedes beauftragten Handwerkerbetriebs sind aufgeführt, vom Sanitär über den Blitzschutzplaner bis zum Lüftungstechniker. Dazu steht ein Aufruf: «Ziehen wir sie zur Verantwortung.»

Auf einem weiteren Flugblatt im Schaufenster wird zum Angriff auf das neue Polizei- und Justizzentrum in Zürich geblasen. Es handle sich um eine «Hochburg der Kontrolle und Einsperrung». Man solle nun der «Wut Platz machen». Auch hier steht Implenia auf der Liste.

Die Aufrufe haben Wirkung gezeigt. In Basel, Weil am Rhein und Zürich wurden in den vergangenen Monaten Bagger und Firmenautos angezündet. Oft war Implenia betroffen. Eine Brandstiftung fand in der Nähe von Dürrs Haus statt. Die Strafverfolger von Basel, Zürich und Bern verzeichnen seit Frühling durchschnittlich zwei Anschläge pro Woche, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Meistens handelt es sich um Brandstiftungen. Der Nachrichtendienst des Bundes stellt erstmals seit Jahren wieder einen Anstieg von linksextremen Gewalttaten fest.

Polizei setzt andere Prioritäten

Bekannt ist, dass auf Online-Portalen der Szene eine Liste mit Anschlagszielen publiziert wurde. Die Basler Staatsanwaltschaft fühlt sich machtlos. Sprecher Peter Gill sagt: «In der Regel sind die Online-Portale an unbekannten Orten im Ausland und wechseln ihren Standort regelmässig. Es ist somit schwierig, diese zu lokalisieren und im Rahmen eines Verfahrens zu schliessen.» Die anarchistische Bibliothek hingegen hat seit ihrer Gründung vor fünf Jahren kein Geheimnis um ihre Adresse gemacht. Dass die Anschlagsliste im Schaufenster hängt, wurde in Zürich bisher nicht zur Kenntnis genommen. Die Stadtpolizei erklärt sich auf Anfrage für nicht zuständig und verweist an die Kantonspolizei. Diese wiederum kann keine Auskunft geben, «aus taktischen Gründen».

In der Berner Lokalpolitik ist die Reithalle ein Dauerthema. Wenn Parolen auf dem Dach zu Krawall aufrufen, wird die Staatsanwaltschaft aktiv. In Basel wird ab und zu über das Restaurant Hirscheneck diskutiert. Wenn dort ein Banner für Gewalt wirbt, intervenieren Politiker im Parlament. In Zürich hingegen ist die anarchistische Bibliothek bislang kein Thema.

Dabei kann man sich im Szenetreff der Anarchisten problemlos vor Ort ein Bild machen. Der Bibliothekar sitzt hinter einem Computer und dreht mit den Fingern an seinen Dreadlocks. Er habe kein Interesse, gegenüber «bürgerlichen Medien» Auskunft zu geben, sagt er. Doch er hat nichts dagegen, wenn man sich im Lokal umschaut. Neben der Kaffeemaschine liegt das Hausblatt auf, die anarchistische Zeitung «Dissonanz». In der aktuellen Ausgabe werden die Brandanschläge in Zürich, Basel und Weil am Rhein lobend erwähnt.

Anleitung zur Schadenmaximierung

Als Vorbild für künftige Aktionen thematisiert die anarchistische Zürcher Zeitung einen Brandanschlag auf eine Polizeikaserne in Grenoble (F). Mit wenig Aufwand hätten Unbekannte einen grossen Schaden angerichtet, schwärmen die anonymen Autoren. Die Anarchisten stellen eine Rechnung auf: Der Sachschaden liege vermutlich im sechsstelligen Bereich und sei somit mit jenem der G20-Krawalle in Hamburg vergleichbar. Der Unterschied liege jedoch in der «Anzahl der ausführenden Individuen»: beim Brand in Grenoble seien nur einige wenige nötig gewesen, bei den Ausschreitungen in Hamburg Tausende.

Die Zürcher Anarchisten ziehen folgendes Fazit: «Manchmal muss man eben nicht fast 1000 Kilometer zum nächsten grossen Riot zurücklegen, um zusammen mit anderen – in mühseliger Arbeitsteilung – den Sachschaden hochzutreiben. Manchmal genügt es, listig wie ein Wiesel und gegebenenfalls biegsam wie eine Ratte zu sein, und jedes Gebäude könnte uns offenstehen … Den Rest erledigt dann das Feuer.» Der kollektive Krawall à la Schwarzer Block gilt in der Szene als zu wenig effizient. Stattdessen werden individuelle Nacht-und-Nebel-Aktionen propagiert. Bei den Ausschreitungen in Hamburg wurden neun Schweizer verhaftet, ein Zürcher wurde verurteilt. Bei der Brandanschlagserie in der Schweiz hat die Polizei keine Täter ermittelt.

Die Bank gewinnt immer

Die Zürcher Anarchisten haben zwei Hauptfeinde: den Staat und den Kapitalismus. Im Kampf gegen Ersteren feiern sie kleine Erfolge. Doch den Kampf gegen Letzteren drohen sie zu verlieren. Sie müssen ihr Lokal an der Josefstrasse Ende Februar räumen, weil die Migros dort eine Filiale der Thai-Food-Kette Kaimug plant.

Die Liegenschaft gehört dem Religionswissenschafter Georg Schmid (77). Einer seiner Söhne führte hier erfolglos ein Antiquariat und stellte den Kontakt zu den Anarchisten her. Schmid senior war einst Mitglied in der Partei des Migros-Gründers Duttweiler, dem Landesring der Unabhängigen. Zur linksradikalen Szene hat er keine Berührungsängste. Den ersten Stock vermietet er weiterhin an spanische Kommunisten. Doch mit der Gesinnung der anarchistischen Mieter des Parterres und des Kellers hat er Mühe. Als er kürzlich in seinem Haus die «Dissonanz» las, fiel ihm ein Artikel über einen Banküberfall in Belgien auf. Die Autoren stellten darin Banker und Gangster moralisch auf dieselbe Stufe. Das habe ihn als Sohn eines Angestellten der Bündner Kantonalbank schockiert, sagt Schmid. Als die Migros ihn angefragt habe, sei es ihm deshalb leicht gefallen, zu entscheiden, welche Philosophie ihm näher stünde. Jene von Duttweiler oder jene der Anarchisten. Deshalb habe er den Vertrag gekündigt.

Die anarchistische Bibliothek operiert mit tiefen Fixkosten. Die Miete gibt sie mit 1800 Franken pro Monat an. Die Druck- und Versandkosten einer Zeitungsausgabe werden mit 300 Franken pro Ausgabe ausgewiesen. Sie erscheint alle drei Wochen mit tausend Exemplaren. Doch Einnahmen haben die Anarchisten kaum. In einem Flugblatt bedauern sie, dass die rund tausend Bücher ihrer Bibliothek «offenkundig etwas ausser Mode» geraten seien. Sie seien nicht mehr in der Lage, die Kosten zu decken. Ein Aufruf für Spendenzahlungen auf ein Konto der Postfinance zeigte weniger Wirkung als der Gewaltaufruf. Die Bibliothek werde deshalb wohl bald aus dem öffentlichen Raum verschwinden, heisst es. Fermento bedeutet Gärung. Der Gärprozess wird nun in den Untergrund verlagert.