Der Brief, den der Vater einer fünfmonatigen Tochter von der Krankenkasse Concordia erhält, ist dramatisch im Ton: «Die Fakten sind eindeutig: Krankheiten führen bei Kindern sieben Mal häufiger zu Invalidität (...) als Unfälle. Ebenso klar ist, dass Kinder bei Invalidität infolge Krankheit leider nur minimale IV-Leistungen bekommen.» Beigelegt ist ein bereits ausgefüllter Versicherungsantrag für eine Zusatzversicherung. Der Vater muss nur noch unterschreiben.

Concordia ist nicht der einzige Krankenversicherer, der aktuell aktiv Zusatzversicherungen bewirbt. So hat auch die Groupe Mutuel kürzlich Briefe und Prospekte verschickt, um ihre neue Versicherung «KidsProtect» anzupreisen: Sollte ein versichertes Kind an Krebs erkranken, erhalten die Eltern ab Behandlungsbeginn eine Unterstützungsrente von monatlich 4000 Franken; innerhalb von sechs Jahren schüttet die Versicherung maximal 15 Renten aus.

Zusatzversicherungen als Goldesel

Konsumentenschützerin Sara Stalder kann derartigen Zusatzversicherungen nichts abgewinnen. Sie sagt: «Die Versicherer schüren Ängste. Es ist besonders verwerflich, wenn nun die Angstmacherei bei den Kindern Einzug hält.» Für Stalder ist auch klar, warum die Versicherer aktuell aktiv um Neukunden buhlen: Zusatzversicherungen seien der Goldesel der Versicherer. Und: Mit der neuen Spitalfinanzierung, die ab 2012 in Kraft tritt, kommt das Geschäft mit den Zusatzversicherungen ins Wanken. Die Zusatzversicherung «Spitäler ganze Schweiz» wird überflüssig. «Die Versicherer wollen deshalb frühzeitig Kunden in den Zusatzversicherungen halten», sagt Stalder. Denn diese hätten häufig lange Laufzeiten und Kündigungsfristen.

Auch die Basler SP-Nationalrätin und Gesundheitspolitikerin Silvia Schenker regt sich über die Versicherer auf. Die neue Kinder-Krebsversicherung empfindet sie als «krass, sogar unverschämt». Denn: «Man instrumentalisiert die Angst der Eltern. Natürlich ist es eine furchtbare Vorstellung, dass das Kind an Krebs erkrankt.» Schenker räumt ein, dass es ein Problem ist, wenn man Angehörige pflegen muss. Denn es gibt kein Recht auf Urlaub. «Doch es kann nicht die Lösung sein, dass man dafür eine Zusatzversicherung abschliessen muss.»

«Sicher nicht existenziell»

CVP-Nationalrätin Ruth Humbel (AG), die bis 2008 Mitglied der Direktion beim Krankenkassendachverband Santésuisse war, äussert ebenfalls Vorbehalte gegenüber dem Zusatzversicherungs-Markt: «Zahnversicherungen etwa sind sicher gut, aber es gibt viele andere Bereiche, wo Zusatzversicherungen eine schwierige Geschichte sind.» Eine Zusatzversicherung für Invalidität, wie sie die Concordia anpreist, bezeichnet sie als «sicher nicht existenziell». Sie rät, vorsichtig zu prüfen, wie weit gewisse Risiken da sind, bevor der Versicherungsantrag unterzeichnet wird.

Auch Fachleute, die in den Bereichen Krebs und Invalidität arbeiten, setzen hinter die erwähnten Zusatzversicherungen Fragezeichen. Bei der Behindertenorganisation Pro Infirmis heisst es, man könne nicht grundsätzlich eine Zusatzversicherung für den Bereich Invalidität empfehlen; vielmehr arbeite man darauf hin, den Versicherungsschutz im Rahmen der Sozialversicherung zu verbessern.

Spots kommen an

Bei der Kinderkrebshilfe Schweiz findet man es «seltsam», dass ausgerechnet für krebskranke Kinder eine Versicherung abgeschlossen werden kann, für andere Krankheiten mit Langzeitbehandlungen aber nicht. Denn: Die krebskranken Kinder hätten eine gut funktionierende und national vernetzte Lobby, was bei anderen Selbsthilfeorganisationen nicht der Fall sei, sagt Geschäftsführerin Brigitta Setz. «Bei uns muss man nicht Mitglied sein, um Hilfe zu bekommen.» Jedes Jahr erkranken in der Schweiz rund 220 Kinder an Krebs.

Bei aller Kritik: Die Werbebotschaften der Versicherer kommen offenbar an. So haben bereits 2000 Eltern für ihre Kinder die Zusatzversicherung «KidsProtect» abgeschlossen. Lanciert wurde diese erst Mitte Februar.