Die Ärztin Ita Wegman war die letzte Gefährtin von Rudolf Steiner, der am 30. März 1925 in Dornach verstarb. Schon auf dem Heimweg nach der Einäscherung soll es zum Streit unter seinen Jüngern über das Schicksal der Urne gekommen sein.

Denn Steiner, Prophet und Mass aller Dinge, hatte seine Nachfolge nicht geregelt. Die Bewegung trug zunehmend Zerfallserscheinungen. Wegman und Steiners Witwe Marie Steiner-von Sivers trugen persönliche Animositäten aus. Im April 1935 wurde die Gegenfrau Wegman ihres Amtes enthoben und mit einer Gefolgsfrau aus dem Vorstand geworfen. Rund zehn Jahre später wurde auch die Witwe kaltgestellt.

Nun versucht eine Initiative, Ita Wegman zu rehabilitieren. Ein erster Versuch scheiterte an der letztjährigen Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Das Traktandum wurde kurzfristig zurückgezogen, um einen drohenden, öffentlichen Streit zu vermeiden. Denn so heftig nach innen ausgeteilt und gefochten wird, so sorgsam wird das friedfertige Antlitz nach aussen gepflegt. Nun läuft eine Unterschriftensammlung für einen zweiten Anlauf, damit Wegman wieder in den Steinerschen Olymp aufgenommen wird.

Ironiefrei verbreiten die Initianten auf einer eigens eingerichteten Website die Ansicht, der Ausschluss Wegmans von 1935 sei von welthistorischer Tragweite gewesen. Denn damit sei der Damm gegen den Nationalsozialismus gebrochen. Der Rausschmiss habe auch verheerende Auswirkungen auf die Bewegung gehabt. Denn Steiner habe in seinen «Karmavorträgen» geschildert, wie sich «in der geistigen Welt Seelen aus allen Mysterienströmungen» versammelten.

Zur Rettung der Erdenzivilisation wollten sie sich «am Ende des 20. Jahrhunderts vereinen, um die Anthroposophie zu ihrer ‹Kulmination› zu führen.» Steiner habe von vielen Millionen Seelen gesprochen, «welche vorgeburtlich den Entschluss gefasst haben, auf Erden die Anthroposophie zu suchen». Da die Bewegung nur gerade 47'000 Mitglieder zählt, muss etwas gründlich schiefgelaufen sein.

Die Erklärung: Der Ausschluss von Wegman und anderer Frauen habe dazu geführt, dass «ganze Teile der übersinnlichen anthroposophischen Bewegung» abgespaltet wurden. Die damals Zuständigen sollten für das «Unrecht» aber nicht verantwortlich gemacht werden. Denn in ihren Taten könne auch das «Wirken der Gegenmächte» erkannt werden. Selbst im Zentrum der Anthroposophen hätten wir es in Steiners Worten mit «starken gegnerischen Mächten, dämonischen Mächten» zu tun, die «gegen die anthroposophische Bewegung anstürmen» und «die sich ja doch der Menschen auf Erden bedienen».