Pflanzenschutzmittel
Wie giftig sind Schweizer Obst und Gemüse wirklich?

Bauern spritzen im Kampf gegen Schädlinge meist nicht nur ein Mittel, sondern mehrere. Für einzelne Gifte gibt es klare Grenzwerte, nicht aber für die Summe. Der Bund hält den Pestizid-Cocktail für ungefährlich – die EU sieht das anders.

Joel Hoffmann
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Der Konsument erwartet einwandfreies und gesundes Obst und Gemüse - jedes Wurmlöchlein verdirbt einem den Genuss. Die Bauern spritzen deshalb verschiedene Pflanzenschutzmittel. Diese Pestizide sollen Insekten und Pilze abtöten.

Gegenwärtig sorgen bestimmte Pestizide für Schlagzeilen, da sie laut Experten tödlich sind für Bienen. Doch was die Gefahr für die Gesundheit des Menschen anbelangt, da besteht in der Schweiz Handlungsbedarf, wie Recherchen der «Nordwestschweiz» zeigen.

Verantwortlich für die Festlegung der Grenzwerte für chemische Rückstände ist das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Diese Grenzwerte beziehen sich auf das einzelne Pflanzenschutzmittel. Doch Bauern spritzen meist nicht nur ein Mittel, sondern mehrere. Das heisst, in der einzelnen Frucht können sich Rückstände von mehreren Giften ansammeln.

Diese liegen jeder für sich zwar unter dem jeweiligen Grenzwert. Allerdings ist noch unklar, welche Auswirkungen diese Giftcocktails auf die Gesundheit der Konsumenten haben. Die EU hat dieses Problem erkannt - das BAG hingegen untersucht die mögliche Gesundheitsgefahr von Mehrfachrückständen nicht.

Schweiz ist Sonderfall

Das stösst Josianne Walpen von der Stiftung für Konsumentenschutz sauer auf. Sie möchte, dass das BAG auch Mehrfachrückstände auf ihr Gefahrenpotenzial untersucht. Das BAG sieht die Gesundheit der Konsumenten nicht gefährdet. Es teilt mit, dass die Grenzwerte bei den meisten Giftsorten «um Grössenordnungen» unter der Gefahrenschwelle angesetzt würden. Zudem könnten die unterschiedlichen Wirkstoffe nicht einfach addiert werden.

Daraus folgert das BAG, dass Mehrfachrückstände in Obst und Gemüse «kein gesundheitliches Problem» darstellen würden, solange «die Konzentrationen der Einzelstoffrückstände unter den individuellen, gesetzlich festgelegten Höchstkonzentrationen liegen».

So sicher wie das BAG sind sich verschiedene Experten aber nicht, wie eine Umfrage bei unabhängigen Experten und Kantonschemikern zeigt. Für Peter Schafroth vom Kantonalen Labor Baselland ist «eine Interaktion von Substanzen sicher teilweise vorhanden». Experten wie André Känzig vom Amt für Verbraucherschutz Aargau sind sich einig: Eine Methode, wie das Risiko von Pestizid-Cocktails zu messen ist, gibt es nicht. Ob und wie mehrfache Giftrückstände auf die Gesundheit der Konsumenten wirken, weiss man also nicht.

Anders als in der Schweiz ist in Deutschland bereits eine Fachdebatte im Gange. Eine angemessene Risikobeurteilung von Mehrfachrückständen fordern sowohl das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit als auch das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Letzteres schreibt, dass immer häufiger auf Obst und Gemüse Rückstände mehrerer Wirkstoffe nachgewiesen werden, die miteinander wechselwirken könnten. Darum müssten die Rückstände daraufhin überprüft werden, ob «sie auch unter Berücksichtigung möglicher kumulativer Effekte für Verbraucher sicher sind». Noch fehle allerdings eine Methode der Risikoanalyse für den Alltagsgebrauch, beispielsweise für die Lebensmittellabors.

EU erarbeitet Risikoanalyse

Dies könnte sich bald ändern. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat angekündigt, Ende Juni eine Liste von Wirkstoffen mit gleichem toxikologischem Wirkprofil zu veröffentlichen. Diese Liste wäre die Voraussetzung für eine fundierte Risikoanalyse. Auf Anfrage bestätigt die EFSA, an einer praxistauglichen Methode zur Bewertung von Mehrfachrückständen zu arbeiten.

Und in der Schweiz? Da wartet man ab, was in der EU erarbeitet wird. Das BAG schreibt auf eine erneute Anfrage: «Da uns bekannt ist, dass die EFSA zurzeit eine Methode entwickelt, haben wir keine eigene Methode erarbeitet.» Sobald die EU eine solche Methode veröffentliche, werde diese geprüft und allenfalls auch in der Schweiz eingeführt. Bis es so weit ist, bleibt also unklar, wie sich der Pestizid-Cocktail auf die Gesundheit der Konsumenten auswirkt.

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