Karriere
Wie gefragt sind Politiker in der Wirtschaft?

Bei den Wahlen im Herbst werden auch einige Parlamentarier abgewählt. Wie beliebt sind solche Leute in der Wirtschaft?

Lorenz Honegger
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Selbstbewusst: Volkswirtschaftdirektor Andreas Rickenbacher (SP/BE). KEY

Selbstbewusst: Volkswirtschaftdirektor Andreas Rickenbacher (SP/BE). KEY

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Die Angst vor der Abwahl begleitete Marie-Thérèse Weber-Gobet ständig. Am Nachmittag des 23. Oktobers 2011, nach drei Jahren als Nationalrätin, bestätigten sich die Befürchtungen der Freiburger CSP-Politikerin: Sie wurde nicht wiedergewählt. «Mir wurde von einer Minute auf die andere bewusst: Meine Zeit im Parlament ist zu Ende, und zwar definitiv.» Ihr Büro war zu diesem Zeitpunkt noch vollgestellt mit Ordnern und Dossiers aus ihrer parlamentarischen Arbeit. Auf einmal schien alles bedeutungslos.

Weber-Gobet fiel in ein Loch und verreiste. Doch schon nach wenigen Tagen kam die Überraschung: Ihr Mann rief sie an und sagte, im Briefkasten habe es Post für sie. Es waren drei Stellenangebote. Zwei Monate später trat sie ihren neuen Job als Leiterin Sozialpolitik der Behindertenorganisation Procap an, wo sie bis heute arbeitet. Im Februar 2013 wurde sie zudem Vize-Präsidentin des Stiftungsrates von Pro Senectute Schweiz.

Weber-Gobet ist überzeugt, dass ihr das politische Beziehungsnetz und ihre Erfahrung im Parlament die Rückkehr in die Berufswelt erleichtert haben. «Ich konnte mich profilieren.»

Ein derart lockerer Wiedereinstieg ist nicht selbstverständlich, gerade auch bei Parlamentariern, die die Politik zu ihrem Beruf machen: Der Zürcher Headhunter Guido Schilling, der Unternehmen bei der Besetzung von Verwaltungsräten und Managementpositionen berät, sagt, das Beziehungsnetz sei nicht der Hauptgrund, weshalb ehemalige Politiker gefragt seien. Was zähle, sei die Fähigkeit, auf beiden Seiten zu funktionieren: «Berufspolitiker, gerade auch Parlamentarier, sollten während ihrer Amtsdauer den Anschluss an die Privatwirtschaft pflegen. Das können Verwaltungsratsmandate oder Führungsfunktionen in Verbänden sein.»

Neu 170'000 Franken

Für abgewählte National- und Ständeräte, die den Wiedereinstieg weniger einfach als Weber-Gobet schaffen, sieht das Parlament eine Überbrückungshilfe vor: Sie erhalten ungefähr 30'000 Franken pro Jahr während maximal zwei Jahren. Das Angebot wird genutzt: Der im Bundesbudget eingestellte Betrag von 150'000 Franken wurde nach den Wahlen 2011 fast vollständig beansprucht, wie die Parlamentsdienste auf Anfrage der «Nordwestschweiz« mitteilen. Die Nachfrage war so gross, dass der Betrag nun auf 170'000 Franken aufgestockt wird.

Privilegierte Exekutivpolitiker

Etwas einfacher als Parlamentarier haben es Regierungsmitglieder. Der Berner Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher (SP) sagte nach seiner Rücktrittsankündigung Mitte August in einem Interview mit der «Berner Zeitung», er habe gehört, dass sein Profil gefragt sei. Er kenne die Privatwirtschaft und die öffentliche Hand, habe Verhandlungserfahrung und eine ökonomische Grundausbildung. «Diese Rückmeldung hat mich bestärkt, den Wechsel zu wagen.»

Headhunter Guido Schilling bestätigt: «Jemand, der seine Karriere bei einem Unternehmen beginnt, in ein Regierungsamt gewählt wird, und dann wieder für die Wirtschaft zur Verfügung steht, ist für viele Firmen ein Glücksfall.» Er habe Kunden, die gezielt nach diesem Profil suchten. Umgekehrt sei aber auch die Verwaltung vermehrt auf Führungskräfte aus der Wirtschaft angewiesen. «Wir stehen am Anfang eines neuen Verständnisses für berufliche Entwicklungen.»