Wahlen
Wie eine neue Bürgerbewegung die Westschweiz aufmischt

Die bürgerliche Bewegung «Mouvement Citoyens Genevois» greift bei den diesjährigen Nationalrats- und Ständeratswahlen die traditionellen Parteien in der Westschweiz an.

Christof Forster
Drucken
Diese 38 National- und Ständeräte der Kantone, Waadt, Genf, Neuenburg und Jura stellen sich wieder zur Wahl
38 Bilder
Roger Nordmann, SP, VD Der Wirbelwind. Der vielleicht hellste Kopf der SP. Wirbelt Tag und Nacht für den öffentlichen Verkehr und die Sonnenenergie.
Alice Glauser-Zufferey, SVP, VD Die vierfache Mutter ist zwei Mal aufgefallen: Einmal trug sie Tracht, und sie stimmte für den AKW-Ausstieg.
Francine John-Calame, Grüne, Neuenburg Ihr angestammtes Fachgebiet sind die Sozialwerke. Heute kümmert sie sich primär um Entwicklungshilfe und Adoptionswesen.
Robert Cramer, Grüne, Genf Bei den Grünen heisst es: Will die Partei ernsthaft einen Romand als Bundesratskandidaten portieren, muss es Staatsrat Cramer sein.
Jacques Neirynck, CVP, VD Mit 80 Jahren der Nestor im Rat. Körperlich etwas angeschlagen, ist der frühere ETH-Professor geistig recht agil geblieben.
Hugues Hiltpold, FDP, Genf Der Architekt schreibt viele Vorstösse zu den unterschiedlichsten Themen. Derzeit beschäftigt ihn das Asylthema stark.
Jacques-André Maire, SP, Neuenburg Er sitzt seit 2009 im Rat und reicht fleissig Vorstösse zur Sozialpolitik ein. Gross wahrgenommen wird er aber noch nicht.
Guy Parmelin, SVP, VD Der Gutmütige. Wie alle Waadtländer SVPler ist auch er (Wein)-Bauer. und wie alle Waadtländer SVP-Leute hat er in der Partei nicht viel zu melden.
Christian van Singer, Grüne, VD Selbst in den Reihen der Grünen fällt der studierte Physiker als besonders engagierter Kämpfer gegen die Atomkraft auf.
Luc Recordon, Grüne, VD, SR Recordon tut den Grünen gut: Ein eigenständiger Politiker, der die Anliegen seiner Partei im Stöckli in sachlichem Ton einbringt.
Daniel Brélaz, Grüne, VD Der Stadtpräsident von Lausanne hat natürlich nur ein Ziel: Er vertritt die Interessen Lausannes in Bern.
Carlo Sommaruga, SP, Genf Der Linksaussen war jener SPler, der die Nomination von Simonetta Sommaruga zur Bundesratskandidatin am lautesten ablehnte.
Pierre-Francois Veillon, SVP, VD Er ist eher eine unscheinbare Figur. Als Chef der GPK-Subkommission zur Finanzkrise stand er aber eine Weile im Rampenlicht.
Isabelle Moret, FDP, VD Die welchen Medien nennen sie die «Fee der FDP». Parteipräsident Pelli fördert sie nach Kräften.
Dominique Baettig, SVP, Jura Der Psychiater mit dem imponierenden Schnauz macht deswegen ab und zu von sich reden, weil er sich im Ton vergreift.
Sylvie Perrinjaquet, FDP, Neuenburg Als Ex-Regierungsrätin hat sie gute Voraussetzungen sich in der FDP als Schwergewicht zu etablieren. Bislang ist das aber nicht passiert.
Liliane Maury Pasquier, SP, Genf, SR Die Hebamme und Nationalratspräsidentin des Jahres 2002 engagiert sich in erster Linie in Fragen der Familien- und der Sozialpolitik.
Yvan Perrin, SVP, Neuenburg Der Polizist war lange Zeit der Hoffnungsträger der SVP in der Romandie. Seit einiger Zeit ist sein Stern aber im Sinkflug.
Adèle Thorens Goumaz, Grüne, VD Die studierte Philosophin sitzt in der wichtigen Wirtschaftskommission, spielte dort aber bestenfalls eine Statistenrolle.
Ueli Leuenberger, Grüne, Genf Der Parteichef ist ein typischer Wassermelonen-Grüner. In der Substanz ist er rot, die Ökologie treibt ihn eher am Rande an.
Eric Voruz, SP, VD Linke Politiker haben in der Sicherheitspolitischen Kommission keinen einfachen Stand. Voruz macht da keine Ausnahme.
Christian Lüscher, FDP, Genf Die Kandidatur für die Couchepin-Nachfolge hat seiner Karriere Schub verliehen. Er ist heute einer der wichtigen FDP-Romands.
Didier Berberat, SP, Neuenburg An erster Stelle kommt für Berberat die Bildungspolitik, gefolgt von den Randregionen und dem öffentlichen Verkehr.
Yves Nidegger, SVP, Genf Der Jurist sieht sich als SVP-Intellektueller und er strebt nach einer Leaderposition in der Partei. Das ist ihm bislang versagt geblieben.
Raphael Comte, FDP, Neuenburg, SR Nicht einmal das Studium fertig, sitzt der 32-jährige bereits im Stöckli. Von den Kollegen für voll genommen wird er aber nicht.
Claude Heche, SP, Jura, SR Obschon ehemaliger Regierungsrat, ist der gelernte Bauzeichner im Ständerat bislang eine unscheinbare Figur geblieben.
André Reymond, SVP, Genf Nach acht Jahren als Nationalrat ist der Vorsorgeberater selbst für manchen Fraktionskollegen ein gänzlich Unbekannter.
Anne Seydoux, CVP, JU, SR Sie kam 2007 direkt vom Kantonsrat ins Stöckli. Entsprechend schlecht ist sie vernetzt. Ihr Fehlen würde kaum bemerkt.
Maria Roth-Bernasconi, SP, Genf Sie ist die klassische SP-Gleichstellungspolitikerin. Bekannt geworden ist sie vor allem als Präsidentin der GPK.
Luc Barthassat, CVP, Genf Der Väterfreund. Sein bekanntester Vorstoss. Die Militär-WK seien durch einen Vaterschaftsurlaub zu ersetzen. Das Parlament hat Nein gesagt.
Géraldine Savary, SP, VD, SR Sie ist ganz offensichtlich noch kein Schwergewicht im Ständerat. Ihr Fokus liegt bei den Themen Verkehr, Jugend und Medien.
Jean-Pierre Grin, SVP, VD Grin kümmert sich primär um regionale Interessen, zumal um die Autobahn zwischen Vallorbe et Orbe.
Olivier Français, FDP, VD Er ist in der Kommission für öffentliche Bauten und der Geschäftsprüfungskommission (GPK); Ein Nonvaleur.
Laurent Favre, FDP, Neuenburg Als Bauern-Vertreter, der dem Agrarfreihandel skeptisch gegenüber, liegt Favre häufig mit seiner Partei über Kreuz.
André Bugnon, SVP, VD Seit er 2008 Nationalratspräsident war, stimmt Bugnon sehr gouvernemental - und oft anders als die SVP.
Josiane Aubert, SP, VD, Die Lehrerin. DIe Bilderbuch-Bildungspolitikerin; Naturwissenschafterin, Lehrerin, Mitglied der Bildungskommission.
Antonio Hodgers, Grüne, Genf Der 35-jährige neue Fraktionspräsident ist ein Vertreter des pragmatischen Flügels, Seine Sporen muss er sich noch abverdienen.

Diese 38 National- und Ständeräte der Kantone, Waadt, Genf, Neuenburg und Jura stellen sich wieder zur Wahl

Aargauer Zeitung

Ziemlich sicher hält im Herbst eine neue Partei Einzug in den Nationalrat. Genau genommen ist es eine Bürgerbewegung, der Mouvement Citoyens Genevois (MCG), der seit 2005 in Genf die politische Landschaft aufmischt. Im Kantonsparlament ist er hinter den Liberalen zusammen mit den Grünen bereits die zweitstärkste Kraft. Den Sitz wird der MCG am ehesten der SVP abjagen, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt.

Der talentierte MCG-Präsident Eric Stauffer war früher Mitglied der SVP, bis er sich verkrachte und mit einem Kollegen die Bewegung gründete. Ihr Programm ist eine Mischung aus linken (Sozialpolitik) und rechten Positionen (Begrenzung der Zuwanderung, mehr Sicherheit). Bei den nationalen Wahlen tritt die Bewegung unter dem Label Mouvement Citoyens Romands auf. Ihre Ziele sind hochgesteckt. «Wir wollen in Bern gleich Fraktionsstärke erreichen», sagt MCG-Sekretär François Baertschi. Präsident Stauffer selbst tritt im Herbst nicht an.

Schlachtplan der Bürgerlichen

Wie die SVP muss auch die FDP um einen ihrer (drei) Sitze bangen, da die profilierte Martin Brunschwig Graf nicht mehr antritt. Während in anderen Kantonen oft die SVP vom bürgerlichen Schulterschluss ausgeschlossen ist, trifft es in Genf den MCG. Für den Ständerat tritt die Bewegung allein an mit den beiden Kandidaten Danièle Magnin und Mauro Poggia, beides Anwälte übrigens, die in Bern die «Stimme des Volkes» vertreten wollen.

Aussichtsreicher ist der Schlachtplan von FDP, CVP, SVP und Grünliberalen, mit Christian Lüscher (FDP) und Luc Barthassat (CVP) die linke Genfer Doppelvertretung in der Kleinen Kammer zu knacken. Die frühere Nationalratspräsidentin Lilian Maury Pasquier (SP) und der ehemalige Regierungsrat Robert Cramer (Grüne) versuchen, auf einer gemeinsamen Liste ihre Sitze zu verteidigen.

Waadt: Schwache FDP

Gleiches Szenario in der Waadt: Hier wollen der Grüne Luc Recordon und die Sozialistin Géraldine Savary, die vor vier Jahren überraschend die Wahl schafften, ihre Sitze verteidigen. Obwohl es nicht einfach wird, stehen die Chancen dazu nicht schlecht. Denn die Bürgerlichen sind zersplittert. FDP und Liberale steigen mit Nationalrätin Isabelle Moret und Grossrat Jean-Marie Surer ins Rennen. Hinter vorgehaltener Hand heisst es, das eigentliche Kalkül der beiden Kandidaturen sei es, die vier Sitze im Nationalrat zu halten. Mehr könnten die geschwächten Liberalen und FDP, die im Kanton Waadt noch nicht fusioniert haben, nicht erwarten.

Obwohl die SVP mit zwei Schwergewichten antritt, dem populären Regierungsrat Jean-Claude Mermoud und Nationalrat Guy Parmelin, wird es kaum reichen für einen Sitz. Chancenlos ist die Kandidatur vom ehemaligen Postchef Claude Béglé für die CVP. Dabei geht es vor allem darum, Flankenschutz für das gefährdete und einzige CVP-Nationalratsmandat zu leisten, das der pensionierte Professor Jacques Neirynck 2007 nur ganz knapp gewonnen hat.

Neuenburg: SP will zweiten Sitz

Zulegen auf Kosten der CVP könnte die SVP, die derzeit mit fünf Gesandten in der Grossen Kammer vertreten ist. Auch die Grünliberalen haben gute Aussichten, ihren ersten Sitz zu erobern. Der MCG tritt im Kanton Waadt unter dem Label Mouvement Citoyens Vaudois an und strebt mindestens eine Einervertretung an.

Im Kanton Neuenburg will die SP ihren 2007 verlorenen zweiten Nationalratssitz zurückerobern. Anfällig auf einen Angriff ist die FDP, die aus der Affäre um ihren zurückgetretenen Regierungsrat Frédéric Hainard geschwächt hervorgeht. Die Partei kann aber immerhin mit ihren beiden bisherigen Nationalräten Sylvie Perrinjaquet und Laurent Favre antreten. Verstärkt wird die Liste durch Neuenburgs Stadtpräsident Alain Ribaux, einem politischen Schwergewicht.

Ständeräte können sich entspannen

Die Grünen müssen den Sitz von Francine John-Calame, die in Bern bislang keine grossen Stricke zerrissen hat, gegen die ultralinke POP verteidigen. Mit zwei Kantonsparlamentariern greift die SVP den Ständerat an, der im Kanton Neuenburg zwischen links (Didier Berberat, SP) und rechts (Raphaël Comte, FDP) aufgeteilt ist. Eigentlich sollten es die beiden grössten Parteien im Kanton schaffen, ihre Standesherren zu bestätigen. Pikanterweise liebäugelt MCG-Präsident Stauffer damit, den umstrittenen Hainard für seine Bewegung in den Ständeratswahlkampf zu schicken.

Jura: CVP gegen SVP

Im noch jungen Kanton Jura ist die CVP die dominierende Kraft. Umso grösser war der Coup, als vor vier Jahren die SVP dank Kopplung der Kräfte mit der FDP den Sitz der CVP erobert hat. Weil es vermutlich zu keiner Neuauflage der Zusammenarbeit kommt, dürfte SVP-Vertreter Dominique Baettig sein Mandat im Herbst an die CVP verlieren. Den zweiten Jurasitz hält die SP, die den langjährigen Nationalrat Jean-Claude Rennwald ersetzen muss. Gut stehen die Aussichten für die bisherigen Ständeräte Anne Seydoux (CVP) und Claude Hêche (SP), ihre Sitze zu verteidigen. Gänzlich leer ausgehen wird im Jura die FDP.

Aktuelle Nachrichten