Politik

Wie ein 71-jähriger Buchautor unsere Politiker alt aussehen lässt

Rudolf Strahm übernimmt mit seinem neuen Buch «Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen und warum die Berufslehre top ist» die Themenführerschaft in Sachen Zukunft der Berufslehre.

Rudolf Strahm übernimmt mit seinem neuen Buch «Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen und warum die Berufslehre top ist» die Themenführerschaft in Sachen Zukunft der Berufslehre.

In seinem neuen Buch steht der ex-Preisüberwacher und SP-Mann Rudolf Strahm für die Berufslehre ein und übernimmt die intellektuelle Führerschaft in einer der drängendsten Fragen. Die Politiker hingegen beschäftigen sich lieber mit dem «Selfie-Gate».

Zehntausende Teenager treten dieser Tage eine Lehrstelle an – und einer begrüsst sie mit besonderem Enthusiasmus: Ebenfalls dieser Tage nämlich erscheint Rudolf Strahms Buch «Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen und warum die Berufslehre top ist». 

Das Werk ist, wie der Titel sagt, eine Hymne auf die Berufsbildung und allein schon darum grundsätzlich sehr sympathisch. Dabei legt sich Strahm nicht zum ersten Mal als Publizist für die praxisnahe Berufsbildung ins Zeug.

Neu aber ist die Resonanz, die der frühere SP-Nationalrat und Preisüberwacher findet: Die «Nordwestschweiz» hat ihn interviewt, der «Blick» über das Buch vorab berichtet, die «Weltwoche» einen Auszug veröffentlicht.

Diese Beachtung rührt nicht von ungefähr. Nach der Abstimmung über die Personenfreizügigkeit verspricht erstmals jemand Antworten auf die Frage: Wo sollen zusätzlich qualifizierte Arbeitskräfte herkommen wenn nicht aus dem Ausland?

Der gelernte Chemiker und studierte Ökonom Strahm fordert: Bildet unsere Jugendlichen aus! Greift Lehrabgängern bei der Weiterbildung unter die Arme! Gebt ihnen schöne Berufstitel! Und: Richtet die Universitäten nach den Bedürfnissen des Marktes aus!

Dass in einer der drängendsten Fragen ein freischaffender Publizist im Rentenalter die intellektuelle Führerschaft übernehmen muss, stellt der Politik ein schlechtes Zeugnis aus.

Während der 71-jährige Strahm seine Thesen auf 230 Seiten ausformuliert, begnügen sich die Hoffnungsträger des Politbetriebs mit irrelevanten Kurzmeldungen via Twitter und Facebook.

Die Nationalräte Cédric Wermuth und Lukas Reimann etwa hat diese Woche das Sexleben einer Bundesangestellten in seinen Bann geschlagen. Natalie Rickli, bestgewählte Parlamentarierin des Landes, klagt übers TV-Programm. Und Christophe Darbellay postet Familienfotos.

Im jüngsten «SonntagsBlick» immerhin gabs auch ein Interview mit dem CVP-Chef. Darin kündete er eine Volksinitiative an – nur wusste Darbellay über deren Inhalt noch nicht Bescheid.

Besonders peinlich ist der zweite Frühling des Rudolf Strahm für jene, die sich als politische Vertretung des Gewerbes verstehen. Wäre es nicht an der SVP, für eine Stärkung der Berufslehre die Werbetrommel zu rühren? Wäre es nicht an der SVP, einen Weg in ebenjene Zukunft ohne freien Personenverkehr mit der EU zu weisen, welche die Partei mit ihrer letzten Initiative gefordert hat?

Fehlanzeige: Während die Jüngeren auf Twitter herumpiepsen, brüten die SVP-Älteren über einer kruden Asylinitiative. So kommt das grösste Lob für die Kultur der Kleinen und Mittleren Unternehmen ausgerechnet von einem Sozialdemokraten! – Wobei das Ganze die SP gleichfalls blossstellt: Rudolf Strahm ist bei vielen Genossen als rechter Querschläger geächtet. Mit seinem Einsatz für die Lehre hat er in seiner Partei nie Gehör gefunden.

Doch so sehr der Verfasser des Buches «Die Akademisierungsfalle» ganz Bundesbern vorführt: Eine Alternative zum Personenverkehr mit der EU hat letztlich auch er nicht parat. Selbstverständlich hat unsere Wirtschaft gerade wegen der Qualität und der Innovationsfähigkeit der KMU noch jede Krise gemeistert. Und ebendiese KMU sind die Träger des Berufsbildungssystems, zu welchem die Schweiz in der Tat Sorge tragen muss.

Bedroht ist dieses System allerdings nicht: Just weil es etabliert ist, präsentiert es sich als solcher Erfolg. Einige Verbesserungen brächten Strahms Vorschläge im Bereich Weiterbildung. Soll die Wirtschaft freilich weiter florieren wie bis anhin, reicht das nirgendwohin. Kurz: Mit Massnahmen bei der Berufsbildung liesse sich das grosse Fernbleiben ausländischer Fachkräfte unmöglich kompensieren.

Nicht unwidersprochen bleiben dürfen Strahms Angriffe auf die Autonomie der Hochschulen sowie seine Spitzen gegen die Sozial- und Geisteswissenschaften. Gewiss benötigt es möglichst viele Fachkräfte mit sogenannt praktischer Intelligenz. Gleichzeitig aber kann gerade die Schweiz kaum genug Arbeitnehmende haben, die sich darauf verstehen, eigenständig und originell zu denken. Diese Leute sind wichtige Treiber für Innovationen und Initiativen.

Überhaupt ist es mit der strikten Marktausrichtung der Ausbildung so eine Sache. Die renommierten amerikanischen Ökonomen Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee propagieren, dass sich die Schule künftig stärker an den individuellen Neigungen jedes Einzelnen orientieren muss. Da immer mehr Tätigkeiten von Computern ausgeübt würden, brauche es kreativere, eigenwillige Köpfe.

In ihrem kürzlich publizierten Buch «The Second Machine Age» führen Brynjolfsson und McAfee an, dass die weltweit innovativsten Zeitgenossen angeblich alle nach den Prinzipien der Montessori-Pädagogik geschult wurden, mithin jenseits jeglichen Marktdrucks: die Gründer von Google (Larry Page, Sergey Brin), Amazon (Jeff Bezos) und Wikipedia (Jimmy Wales).

Noch etwas: Seit dem 9. Februar ertönt der Ruf nach mehr Schweizer Ingenieurinnen. Tatsache ist, dass es in Saudi-Arabien mehr weibliche Ingenieure gibt als in Ländern des Westens. Diese Frauen versprechen sich dadurch wenigstens etwas Selbstständigkeit in einer durchwegs patriarchalen Gesellschaft.

Hierzulande dagegen fühlt sich eine Mehrheit der Frauen offenbar frei genug, den Beruf des Ingenieurs nicht ergreifen zu müssen. Ob es dagegen nun wirklich staatliche Massnahmen braucht?

Gieri.cavelty@azmedien.ch

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