FDP-Frauen
Wie Doris Fiala die Gunst der Stunde für die Frau nutzen will

Die Zürcher Nationalrätin wird morgen Samstag Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz. Wie aus einer energischen Aussenpolitikerin eine Kämpferin für die Gleichstellung wurde.

Jonas Schmid
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Doris Fiala hat noch lange nicht genug: Morgen übernimmt sie das Präsidium der FDP-Frauen.

Doris Fiala hat noch lange nicht genug: Morgen übernimmt sie das Präsidium der FDP-Frauen.

Kurt Reichenbach/SI

Jugendlich-überschwänglich sprudeln die Worte. Doris Fiala ist ein Duracell-Hase. Seit zehn Jahren sitzt die 60-Jährige aus Zürich für die FDP im Nationalrat – und hat noch lange nicht genug: Morgen übernimmt sie das Präsidium der FDP- Frauen von ihrer Vorgängerin Carmen Walker-Späh.

Doch warum weibelt die liberale Politikerin, die sich als Aussenpolitikerin einen Namen gemacht hat, nicht aber als Feministin aufgefallen ist, auf einmal für die Gleichstellung? «Für die Sache der Frau lohnt es sich zu kämpfen», sagt die Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Wir treffen uns im Restaurant «Galerie des Alpes» im Bundeshaus mit Blick auf das frühlingshafte Marzili, wo die ersten Sonnenhungrigen auf der Wiese liegen. Die Seele baumeln lassen, das ist nichts für Fiala. Sie schöpft ihre Kraft aus ihrer Familie und den vielfältigen Tätigkeiten.

Soeben hat Fiala eine Gruppe aus dem Wallis durch das Bundeshaus geführt. Die Nähe zum Volk sei entscheidend, damit die direkte Demokratie funktioniere, findet Fiala. Sie wolle den Leuten positive Gefühle geben, sagt sie. «Die Leute freuen sich über eine glückliche Nationalrätin, die ihren Job noch gleich gern macht wie am allerersten Tag.»

Gunst der Stunde nutzen

Der Film «Die Göttliche Ordnung», der derzeit in den Kinos läuft und den Kampf für das Frauenstimmrecht beschreibt, habe sie sehr bewegt. Seither wurden zwar Fortschritte erzielt, doch jede Generation brauche mutige Frauen, die Forderungen stellten. Als Präsidentin wolle sie Frauen dazu «ermutigen, befähigen und motivieren, ihren Weg zu gehen». Auch will Fiala nach der Masseneinwanderungsinitiative die Gunst der Stunde für die Frau nutzen. «Es darf nicht sein, dass 55'000 Akademikerinnen dem Arbeitsmarkt abhandenkommen», sagt sie.

Quoten in Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten lehnt sie aber strikt ab. Frauen bräuchten keine «geschützte Werkstatt». Auch findet es Fiala altbacken, Büstenhalter zu verbrennen oder Penis-Schöggeli zu verteilen, wie das die Juso-Frauen am Tag der Frau vor dem Bundeshaus taten.

Doris Fiala gehört dem Wirtschaftsflügel der FDP an. Und so setzt sie statt auf Kampf auf Partnerschaft mit den Unternehmen und auf liberale Rezepte: So will sie Paare steuerlich entlasten, damit mehr Geld für die Fremdbetreuung der Kinder übrig bleibt. Aber die oberste FDP-Frau agiert ohne ideologische Scheuklappen: So propagiert Fiala eine Elternzeit, die über den Mutterschaftsurlaub von drei Monaten hinausgeht.

Die Digitalisierung der Wirtschaft erkennt sie als Chance, um Home-Office, Teilzeit-Pensen und flexible Arbeitsmodelle stärker zu verankern.

Ochsentour in der Partei

Fiala ist eine Spätberufene. Wie in ihrer Generation üblich, war sie zuerst Mutter, danach gründete sie eine PR-Agentur, bevor sie mit 40 in die Politik einstieg. Schritt für Schritt hat sie sich die Sporen in der Partei abverdient: Sie war Präsidentin der Kreispartei, der Stadt- und der Kantonalpartei, dann Nationalrätin; seit neun Jahren sitzt sie im Europarat. Fiala lässt durchblicken, dass sie sich zugunsten des Frauenpräsidiums bald aus dem Europarat zurückziehen werde.

Das eine oder andere Fettnäpfchen hat sie nicht ausgelassen. So wurden 2012 Vorwürfe laut, sie habe als Präsidentin der Aidshilfe ein zu hohes Salär bezogen. Weniger gross berichtet wurde darüber, dass sie die Organisation vor dem Konkurs bewahrte. 2013 stolperte die Nicht-Akademikerin zudem über eine Plagiatsaffäre, was sie die parteiinterne Kandidatur fürs Zürcher Stadtpräsidium kostete. Die Polemik habe sie sehr geschmerzt, sagt sie rückblickend.

Als Wahlbeobachterin hat Fiala viele Kriegs- und Krisenschauplätze besucht, etwa Burundi, den Tschad oder den Kongo. «Wer nicht nur theoretisch politisiert, sondern dem Elend in die Augen geblickt hat, verliert seine liberale Unschuld», sagt sie mit belegter Stimme.

Das ist der Grund, warum sie ab und zu von der Parteilinie abrückt. So gab Fiala im letzten Sommer mit den Ausschlag, dass der Sparangriff der Bürgerlichen auf die Entwicklungshilfe scheiterte. Auch in der Eritrea-Frage hat sie eine andere Position als ihre Parteikollegen. Der Aargauer Ständerat Philipp Müller nimmt ihr das nicht übel: «Fiala sagt mir ‹fadegrad› ins Gesicht, wenn ihr ein Interview von mir nicht passt.» Diese Ehrlichkeit schätze er an ihr.