«Wenn es um Fragen nationalen Interesses geht, macht die SVP vieles richtig. Ich bin für einen Inländervorrang. Und ich habe Mühe mit der Personenfreizügigkeit. Die Schweiz ist klein; wir sollten die Kontrolle haben.» Stammten die Worte aus dem Mund von Herr Meier oder Müller, sie würden keinen überraschen. Doch Mustafa Memeti ist Albaner und Imam, also Muslim. Die SVP hat sowohl Religion als auch Ethnie mehrfach gepiesackt. Memeti sagt darum auch: «Oft bin ich nicht mit der Partei einverstanden. Nur motzen, ohne Lösungen vorzuschlagen, geht nicht.»

Memeti erscheint verspätet zum Interviewtermin. Das Freitagsgebet hat länger gedauert als geplant. Schauplatz ist die Moschee im Haus der Religionen in Bern. Vor zwei Jahren gegründet, beten hier Memetis Muslime im gleichen Gebäude wie Hindus, Christen oder Juden. Memeti hat von seiner Kanzel herab auf Albanisch, Arabisch und Deutsch gepredigt. Dreimal das Gleiche, damit jeder der rund 200 Zuhörer mindestens eine Version versteht.

Mediengewandt

Als sich die Gemeindemitglieder verabschiedet haben, posiert er für den Fotografen. Ein Einziger betet noch, Mekka zugewandt, auf dem dicken roten Spannteppich, während ein anderer diesen ein paar Meter daneben schon staubsaugt. Memeti beherrscht das Spiel mit der Kamera längst. Neben den krass überrepräsentierten, weil schlagzeilenträchtigen Radikalen vom Islamischen Zentralrat IZRS haben Journalisten in den vergangenen Jahren kaum einem praktizierenden Muslim so viel Aufmerksamkeit geschenkt wie Memeti. Er ist in der Öffentlichkeit der wichtigste Vertreter der Moderaten.

Aber was heisst hier schon Vertreter? Glauben, Herkunft, Ethnie: Die 350 000 Muslime in der Schweiz sind so heterogen wie eine Packung Smarties. Die grosse Mehrheit praktiziert ihren Glauben nicht. Für jene Minderheit, die regelmässig in die Moschee geht, spricht Memeti. Auf Hochdeutsch, mit starkem Akzent. «Ich stehe hin, wo sich andere nicht trauen. Sie haben Angst, wissen nicht, was sie wollen.» Er sitzt jetzt in seinem Büro im Obergeschoss der Moschee. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Bücher, Schriftstücke und Geschenke. Die Robe für die Predigt hat Memeti ausgezogen, trägt noch Jeans und Hemd. Und Socken, keine Schuhe. Wie im Gebetsraum sind diese hier nicht erlaubt.

«Vor allem seine Tätigkeit im Haus der Religionen hat ihm zu Popularität verholfen. Viele Nichtmuslime machen ihre erste Erfahrung mit dem Islam mit ihm. So prägt er das Bild des Islams in der Schweiz stark», differenziert Hansjörg Schmid, Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft. «Ausserdem ist er bereit, Fragen des Zusammenlebens in einer pluralistischen Gesellschaft zu diskutieren. Andere Imame sind das nicht immer.»

Tatsächlich ist es nicht immer einfach, die Haltung von Vertretern praktizierender Muslime zu erfahren: Viele sind schlecht erreichbar oder wollen sich nicht äussern. Die Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz (Fids) druckst bei heissen Themen wie der Burka-Diskussion rum, statt Stellung zu beziehen. Die Union albanischer Imame, die knapp 40 Moscheen vertritt, musste sich schon gegen Vorwürfe wehren, radikalen Predigern aus dem Ausland eine Plattform zu bieten. Sie weist diese auf Anfrage «auf das Schärfste zurück». Für Medienpräsenz ist das Stigma allerdings Gift. Sie schreibt: «Wir sind immer bereit und offen, unsere Positionen zu bestimmten Themen vorzubringen.»

Memeti ist dagegen omnipräsent: Vor zwei Wochen sprach er sich in der «Nordwestschweiz» für ein Burkaverbot aus. «Der Islam ist gefangen von Rückständigen», sagte er der Berner Zeitung letztes Jahr. «Der Heilige Krieg hat bei uns keinen Platz», dem Beobachter. Sätze wie diese gehen der Mehrheitsgesellschaft in Zeiten des Misstrauens runter wie Honig. Ein Vertreter des Islams, der denkt wie wir. Und es sogar ausspricht!

Die Sonntagszeitung bestimmte Memeti 2014 zu ihrem «Schweizer des Jahres». Der Treiber hinter den SVP-Bemühungen für ein Burkaverbot, Walter Wobmann, sagt: «Es ist sehr erfreulich, wenn sich diese Kreise gegen die Extremisten wehren. Leider ist er einer der wenigen moderaten Muslime, die das tun.»

Vorgespurter Weg

Während des Interviews liegen zwei Smartphones auf dem Tisch. Eines ist für den Alltag. Während des Gesprächs vibriert es immer wieder, Memeti nimmt nicht ab. Mit dem anderen ruft er täglich seinen 88-jährigen Vater an, der noch immer als Teil der albanischen Minderheit im Süden Serbiens lebt.

Memeti ist dort aufgewachsen. Der Grossvater war Imam, der Vater auch; der Weg war vorgespurt. Mit 13 schon schickten sie ihn fort, um sich ausbilden zu lassen. Die Reisen führten ihn durch den Nahen Osten und Nordafrika. Er studierte unter anderem an der als erzkonservativ berüchtigten Islamischen Universität Medina in Saudi Arabien Hadithologie: was vom Propheten überliefert ist.

Immer wieder zitiert er diesen. Doch seine Tochter, Sek-Lehrerin in Köniz, trägt kein Kopftuch. Er ass in seinem Leben nie Schweinefleisch, trank nie Alkohol und hatte nie ausserehelichen, «illegalen» Geschlechtsverkehr. Doch wird im Café in der Moschee zwei Meter neben dem Gebetsraum viel geraucht.

Widersprüche? Sicher nicht. «Ich lebe streng nach dem Koran, hinterfrage ihn aber auch immer. Mohammed tat das auch. Deswegen bin ich so geworden, wie ich bin. Ich bin allen gegenüber tolerant, die auch tolerant sind.»

54 ist er mittlerweile und wirkt zufrieden. Seit bald 30 Jahren wohnt er in der Schweiz. «In Jugoslawien war die Situation politisch und ökonomisch schwierig.» Kurz vor Ausbruch der Kriege verliess er den Balkan. «Als ich das erste Mal einen Fuss in die Schweiz setzte, war ich fasziniert. Ich danke Gott bis heute, dass ich hier leben darf.»

Mittlerweile arbeiten zwei der drei Kinder, der jüngste Sohn studiert Mathematik. Die Memetis sind längst angekommen, wohnen im Berner Vorort Ittigen unter Schweizer Nachbarn. Für alle anderen, die noch nicht ganz integriert sind, kämpft der Vater. «Ich will, dass eine Generation toleranter Muslime heranwächst. Ob es klappt oder nicht? Keine Ahnung.»