Die Mokassins sinken bei jedem Schritt ein paar Zentimeter in den Sulzschnee ein. Gerade so, dass die Socken des Inders, der die Lederschuhe trägt, mit jedem Schritt etwas feuchter werden. Ihn scheint es nicht zu stören, er hat anderes im Sinn: Begleitet von seiner Familie, ist er der Erste, der an diesem wolkenfreien Julitag mit einem kleinen Plastikschlitten die frisch präparierte Piste auf dem Titlis runterrast. Kreischend.

Rund 5000 Besucher aus Asien reisen täglich auf den Zentralschweizer Ausflugsberg. Mit ein Grund, wieso sie ausgerechnet nach Engelberg kommen, ist das ewige Eis, das sie in kurzer Distanz zu Luzern erreichen. Schnee im Sommer hat sonst kein anderer Berg in der Region zu bieten.

Mehr Fels und mehr Spalten

Umso besorgter verfolgen die Betreiber der Bergbahnen den Rückzug des Titlisgletschers, der den Ausflug in den Schnee bisher garantiert hat. Beim Rotstöckli, auf 2700 Metern über Meer, inspizieren drei Mitarbeiter die kurze Piste: Weil alle zwei Tage neuer Schnee antransportiert und auf der Piste verteilt wird, können die Schlitten weiterhin fahren. Doch die angrenzende Tubing-Bahn, auf der bis Anfang Woche Touristen in Gummireifen über den Schnee rutschten, ist seit Mittwoch gesperrt. Nicht nur die Gletscherspalten, die sich am Rand der Piste öffnen, bereiten den Fachmännern Sorge. Die Wärme hat just vor einer Kurve der Tubing-Bahn einen Felsen freigelegt, der den Gästen gefährlich werden könnte. Fels und Spalte kamen heuer wegen der Hitze so früh zum Vorschein.

Gift für den Gletscher

Ob das gute Wetter anhält? Am Vormittag bilden sich Quellwolken. So werweissen die drei Kollegen, was das Wetter ihnen noch für Schnippchen schlagen könnte. «Regen wäre das Schlimmste, was dem Gletscher im Moment passieren könnte», sagt Beat Odermatt vom Pistendienst und liefert den Grund gleich nach: «Warmer Regen frisst den Schnee doppelt so schnell weg.» Peter Reinle, stellvertretender CEO der Bergbahnen, hält hingegen die Temperaturen im August für entscheidend: «Wenn sie weiter so hoch bleiben, ist das fatal für den Gletscher.» Einzig ein Kälteeinbruch und ein halber Meter Neuschnee würden die Situation entschärfen, sind sich die beiden einig. Das Abschmelzen würde so vorübergehend gestoppt und der Neuschnee würde das freigelegte Eis schützen.

Gletscherrückzug seit 1900

Gletscherrückzug seit 1900

Auch in der Nacht plätschert es

Der Wunsch ist nachvollziehbar. Oberhalb der Schlittelpiste spritzt bereits um neun Uhr das Wasser über die Felsen. Odermatt nennt es «Wasserfall». Es sei normal, dass Schnee tagsüber schmilzt. «Das Problem ist, dass es in der Nacht nicht aufhört.» Besserung ist nicht in Sicht. Am Mittag werden auf dem Gipfel 11,9 Grad gemessen. «Viel zu warm», so Reinle.

Die Betreiber der Bergbahnen schauen der Gletscherschmelze nicht tatenlos zu. Reinle spricht von «Symptombekämpfung». Den Gletscher als Ganzes könnten sie nicht schützen, höchstens die Infrastruktur. So packen Mitarbeiter Anfang Sommer den Schlittellift mit einem Plastikvlies ein. Im Vergleich zur Schlittelpiste ragt der Lift einen Meter in die Höhe. Von blossem Auge ist erkennbar, dass der Schnee unter dem Vlies besser geschützt ist. Auch die Masten des Gletscherskilifts, der am 3. Oktober wieder in Betrieb gehen soll, werden mit Vlies geschützt – sonst würden sie irgendwann umkippen.

Wie stark sich der Gletscher in den letzten Jahren zurückgebildet hat, ist just an diesem Skilift gut erkennbar: Vor etwas mehr als 20 Jahren hat die Talstation noch auf dem Felsvorsprung gestanden, der nun 25 Meter aus dem Gletscher herausragt. Und die Bergstation des Skilifts musste vor ein paar Jahren ebenfalls verschoben werden, weil sie zu hoch oben lag. Die gesamte Eismasse hat sich abgesenkt.

Investitionen an allen Ecken

An den steigenden Temperaturen hat auch die Eisgrotte gelitten. Reinle sagt: «Vor drei Jahren habe ich mich nicht getraut, im Sommer Gäste hierhin zu führen.» Es seien 30 Zentimeter tiefe Seen entstanden. Weil die Grotte auf Dauer nicht hätte erhalten werden können, wird sie jetzt belüftet. Vier grosse Kühlelemente laufen auf Hochtouren. Der Vize-Chef zeigt sich zufrieden mit der Investition: «Die 1,5 Millionen Franken haben sich gelohnt. Das Eis bleibt erhalten.»

Schliesslich schwebt Reinle noch eine dritte Massnahme vor: eine Beschneiungsanlage, die im unteren Teil des Gletschers zusätzlich Schnee produzieren soll. Die Baubewilligung steht noch aus. Was aber, wenn der Gletscher ganz wegschmilzt? Peter Reinle sagt, er verdränge die Realität nicht. «Aber die Touristen kommen trotzdem.» Ein Indiz dafür, dass er wirklich daran glaubt, sind die Investitionen der Betreiber. Zurzeit bauen sie im Tal eine neue Bahn, um die Transportkapazitäten zu erhöhen. Auf dem Gipfel konnte Reinle bereits eine eigene Idee realisieren: eine Hängebrücke mit Alpenpanorama. Jetzt will er auf dem Sendeturm eine Besucherplattform bauen.

Das Geheimnis der Mokassins

Trotz der Zuversicht: Es ist der Schnee und das Eis, welche die asiatischen Gäste entzücken. Sie quietschen und johlen, werfen Schneebälle und schiessen Fotos. Auf der Talfahrt hat dann ein Inder auch noch das Geheimnis der (untauglichen) Lederschuhe ausgeplaudert. Nasse Füsse zu haben, sei bei diesem Wetter ein Vorteil: «It’s refreshing!» Und sobald er im Tal ankomme, seien die Füsse im Nu wieder trocken.